mit eingekehrtem blick; – schlich dann geschwind sich hin an ihren Hals – lispelte alle Nahmen des himmels in ihren Busen – drückte mit geschlossenem Auge die Freundinn sanft an sich, und verschwand. – Woldemar aber konnte nicht immer sein Herz übermannen; zusammen mit Allwina zwang er Henrietten, dass sie sich hingeben musste ihrer Dankbarkeit, ihrem Preise – – "Ja," rief dann das fromme Mädchen, ja, Dank sei dem Höchsten, ich hab Euch glücklich gemacht; ewig, ewig sollt' Ihr mir danken: und ich gelob ihn, ich weih ihn dem Himmel allen diesen Dank!
Woldemar kam selten, nur wenn es die äusserste Not seiner Geschäfte wegen erfoderte, in die Stadt. Den ganzen August und noch einen teil des nachfolgenden Monats blieb er ununterbrochen auf dem land, und ohne allen Besuch; denn Biedertal hatte seine Frau ins Bad begleitet; Dorenburg konnte wegen Biedertals Abwesenheit nicht wohl aus der Stelle; und seine übrigen Freunde oder Bekannten waren zerstreut. Von denen Briefen, die er während dieser Zeit an seinen Bruder schrieb, wollen wir nur Einen, aber diesen auch seiner ganzen Länge nach, mitteilen, wie er vor uns da liegt.
Woldemar an Biedertal
Pappelwiesen, den 23ten August
Liebster Biedertal, ich mache mir bittere Vorwürfe darüber, dass ich beinah vierzehn Tage Dich ohne Briefe von mir lassen konnte. Allwina und Henriette haben mich genug ermahnt; mein eigenes Herz noch mehr – aber ich konnte nicht! Eine Menge Blätter will ich Dir zeigen für Dich, worauf sehr deutlich zu lesen steht – den Wievielten wir jedesmahl hatten in diesem Jahr; auch etliche mit einer halben Zeile würklichen briefes; – etliche sogar mit einer ganzen Zeile; – mit zwei, mit drei – Aber dann wolt' es für die Welt nicht weiter!
Ich begreife nicht mehr, wie ich es ehmahls anfieng, dass ich an Leute, die mir das gar nicht waren, was Du mir bist, so lange Briefe schreiben mochte. Der halben Welt bin ich Antworten schuldig. Ich werde erinnert, geplagt, zum Mitleiden gereitzt – weiss mir nicht zu helfen, und gerate in Wut. Mir däucht, es müsste mein Feind sein, der mir zumutete, meine Empfindungen bis auf den Grad zu schwächen, dass ich sie mir klar vorstellen, in eine lange Rede fassen und hinschreiben könnte. Die edle unwiderbringliche Zeit auf diese Weise umzubringen! Soll zu leben ganzen Ernst, wenn ich mir so einen teuren Freund gedenke, der das will; und mit zärtlich verdriesslichem Gesicht da sitzt, und zwischen den Zähnen murmelt, weil ich das nicht will – Ich kann ordentlich hämisch auf ihn werden, vom Stuhl aufspringen und ihn nicht mehr ansehen mögen.
Freilich kommen hernach vernünftigere augenblicke, worinn ich gleichwohl fühle, dass ich Unrecht habe; dass ich mich sehr sträflich beweise; wo ich gegen mein Gewissen nicht aufkommen kann: – Und das ist eben mein Unglück!
Aber nun, was soll dies alles hier? – Vielleicht eine Entschuldigung gegen Dich? – Gott im Himmel! – Ja, wenn man einmal so tief im Unrecht sitzt, dann rede sich einer heraus!
..... Lieber, ich habe eben Deine zwei letzten Briefe zur Hand genommen und sie wieder durchgelesen. Mir wurde doch ganz bange ums Herz dabei, und ich danke Gott, dass wenigstens Allwina und Henriette an Deine Frau geschrieben hatten, und letztere eine ziemlich lange Epistel auch an Dich. – Du kennst mich; Du fühlst meine Lage: also verzeih! Nein – verzeihen nicht; danken sollst du dem Himmel, der mich so glücklich machte, dass ich Dirs nicht sagen konnte und Dich verabsäumte! Ich weiss, ich kann das von Deinem edlen brüderlichen Herzen fodern: und dies Zutrauen – Lieber! ist es nicht mehr wert als tausend Briefe, und sagt es nicht alles?
Ich bin seit gestern ganz allein hier. Die beiden Tanten mit Allwina und Henrietten sind nach Schellenbrug, kommen aber diesen Abend zurück. Es war mir gar nicht zuwider, auf diese kurze Zeit in diese Einsamkeit versetzt zu werden; ich habe herrliche Stunden zugebracht. Noch war ich nicht einmal zu einem solchen alleinigen ganz stillen Anschauen meiner Glückseligkeit gekommen; hatte mich eben auch nicht darnach gesehnt; aber mir geschah unaussprechlich wohl, da ich nun von ungefähr dazu gelangte. – Könnt ich Dir in etwas nur bedeuten, wie mir war, und wie mir ist!
Sobald meine Reisenden weg waren, Morgens um neun Uhr, lagerte ich mich, nicht weit unter der Krümmung des Bachs, in die wilde Laube unter den hohen Nussbäumen. Der Eine Nussbaum diente mir, wie gewöhnlich, zur Lehne. Draussen ging ein starker Wind. Man hörte sein Anfallen an das dichte Gebüsch, wie er die Aeste bog und die Blätter drängte, – dann sich verwehte im Laube, – drinnen zum sanftesten Lüftchen wurde – und zwischen den jungen Eschen, Morellen, Pappelweiden, Quitten und Haseln in vieltönigem Gelispel sich verlor; – dann wieder majestätisch rauschte, höher und hinauf von Krone zu Krone, in den Zweigen der Nussbäume, – und beinah Sturm war in ihren Gipfeln. – – In den mannigfaltigen Millionen Blätter, welch unendliches Spiel! Welch ein Wallen und Wühlen der Aeste! – Unter und über das lustige Laub-Meer! – Ergriffen von seinen Wogen schwamm mein Auge hinweg in die schöne Flut, und liess sich von ihr verschlingen. – – Leise rieselte unterdessen der liebe Bach