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." – Henriette weinte bitterlich. Sie stürzte neben seinem Bette auf die Knie, und trug ihm die Gründe ihrer Weigerung mit so viel Stärke, auf eine so zärtliche und rührende Weise vor, dass der alte Vater äusserst davon bewegt wurde, ohne jedoch sich überwältigen zu lassen. Dieser Kampf vermehrte die Unruhe seines Gemüts bis zum Tumult, und unversehens sah man ihn von einer Atemsnot ergriffen, die in wenigen Augenblicken so grässlich wurde, dass Henriette laut um hülfe schrie, und alle nicht anders dachten, als es wäre aus. Henriette glaubte zu vergehen, so unerträglich war ihr der Gedanke, das Leben ihres Vaters auch nur um einige Stunden verkürzet zu haben. Er kam wieder zu sich. Unterdessen waren zwei der nächsten Anverwandten und der Beichtvater angelangt: alle drei sehr wackere Leute. Sie wussten um Hornichs Bekümmerniss, und hatten bereits alle Mittel versucht, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Das alles erzählten sie Henrietten genau, und fügten sehr eindringende Gründe hinzu, um sie zum Nachgeben zu bewegen. Beide Schwestern stimmten ihnen bei; zuletzt auch Dorenburg, welcher seiner Schwiegerinn zu Gemüt führte, es sei wider ihre eigene Grundsätze, und Woldemars Moral ganz entgegen, einer eingebildeten Pflicht, einer unwürksamen Grille wegen, ein wahres Uebel zu verursachen. – "Das passt hier nicht; (antwortete Henriette) ach! Dorenburg, was man nur so spricht, ist immer in den Tag hinein!" Biedertal schlug vor, man solle seinen Bruder eilends benachrichtigen. Aber der Clarenauische Landsitz war vier Meilen von B. entfernt, und ohnedem verwarf Henriette diesen Vorschlag ganz. – "Ihr versteht meinen Eigensinn nicht, sagte sie; ihr nehmt die Sache von einer Seite, wo es sehr verkehrt wäre, ihr die mindeste Wichtigkeit zu geben"...

Sie unterlag endlich. Der kommende Tod, den sie immer näher und näher sich an ihren Vater lagern sah, seinen fürchterlichen Arm schon zwischen ihr und ihm, um ihn von ihr wegzureissendas erschreckte ihren Geist bis zur Verwirrung, und betäubte ihre Sinne. Jeder angstvolle blick, den der Sterbende auf sie warf, brach ihr das Herz; mit jedem zuckte wie Blitz in der Nacht der Gedank' ihr durch die Seele: Wenn er wo noch zu retten wäre? Könnte, wie so mancher, von dem rand des Grabes zurückkehren? – wenn diese Blicke um Leben fleheten: – um Lebenbei seiner Tochter! – dass sie ihm die Hand böte umzukehren: – und sie weigerte die Handund sie liess ihn hinabsinken!... Das liebe Mädchen fiel in Ohnmacht über diesen Vorstellungen; und da sie wieder zu sich kam, stammelte sie bebend, blass und blind: – ich will es tun!

Die Sache wurde sogleich ins Werk gerichtet, und Henriette gab die Erklärung von sich: dass sie ihrem Freund und Bruder Woldemar, den sie unter allen Menschen am höchsten schätze, nie als gattin angehören wolle.

Hornich, welcher, aus Zärtlichkeit für Henrietten, bemüht war auf alle Weise an den Tag zu legen, dass er ferne sei einige böse Absicht gegen Woldemarn zu hegen, hatte aus eigenem Antriebe die gegenwärtigen Personen zur unverbrüchlichsten Verschwiegenheit anheischig gemacht. Er verschied ohngefehr vier und zwanzig Stunden nachher, gegen Abend.

Dass Woldemar auf die Nachricht von Hornichs tod in die Stadt fliegen würde, war natürlich zu erwarten, und darüber geriet nun sein Bruder die Nacht durch auf allerhand Betrachtungen. Voll davon eilte er am frühen Morgen zu Henrietten, damit er sie bewege, von allem Vorgegangenen Woldemaren doch ja nichts zu offenbaren. – "Sorgen Sie nicht, sagte das betrübte Mädchen! Wie in aller Welt sollt' ich es angreifen, Woldemaren diese Begebenheit vorzutragen? Und das wäre doch nur das geringste... O ich weissich weiss nur zu wohl, dass ich schweigen muss!" – und mit einem schmerzvollen Seufzer: – "arme Henriette, dass Du nicht stärker warest!"

Es fiel Henrietten unerträglich, nach ihres Vaters Beerdigung länger in seinem haus zu verweilen, und schleunig wurde Anstalt gemacht, dass sie zu ihrer ältesten Schwester ziehen konnte. Ihr Vorhaben war, sich hier so lange aufzuhalten, bis ihre Freundinn Mutter wäre; den Sommer durch aber auf dem land zuzubringen.

Sie litt nicht, dass Woldemar länger als acht Tage in der Stadt blieb, und von Allwina hatte sie zum voraus sehr ernstlich begehrt, dass sie gar nicht herein käme: – dagegen wollte sie, ehe sechs Wochen um wären, sich in Pappelwiesen zu ihnen gesellen.

Nachricht von da erhielt sie unterdessen mit jeder gelegenheit; oft an demselbigen Tage mehr als einmal. Es waren nicht immer Briefe, sondern mehrenteilsich weiss keinen eigentlichen Nahmen dafür; – und wozu brauchen wir Nahmen? Hier sind zwei von diesen Stücken; die zu mehr als einem Ende hier einen Platz zu behaupten haben.

Am 12ten May.

"Wie behaglich ich zwischen dem Grün und den

BlütenNachtigallen- Finken- und Lerchen-Ge

sang daher wandelte; der weichenden Sonne nach;

entgegen der Abendstille! Dünnes mit Lichtstreifen

durchschossenes Gewölk über den ganzen Him

mel. – Zu dieser süssen Tagesdämmerung nun all

mählich die Dämmerung der Nachtund tüschen

der Schauer. Aus den Dörfern umher das May-Ge

läute, – nicht mit dem Wehen der Lüfte, (kaum dass

ihr Wallen die Blätter bewegte!) – es schlich von

selber an mein Ohr in immer gleichem