Verzweiflung den Geist aufgeben, wenn er nicht von seiner Tochter das feierliche Gelübde erhielte, dass sie nie Woldemaren die Hand geben wollte. – "Denkt euch die Beklemmung, worinn wir uns befanden, sagte Dorenburg, und was für eine Würkung die glückliche Nachricht auf uns machen musste, die ihr mitbrachtet." – Aber damit ist nicht geholfen, sagte Henriette, denn so lange noch einige hoffnung zur Genesung bei meinem Vater ist, darf ihm Woldemars Verlobung nicht kund werden; und ihn durch die Erklärung, die er wünscht, zu beruhigen, das ist mir unmöglich. – Wie! warum denn nicht? fragten die geängsteten Schwestern wie aus einem mund. – Warum! antwortete Henriette, und ward feuerrot; – weil ich dem Hass, der Verachtung gegen den Besten unter den Menschen nicht die Hand bieten will; weil ich in keinen Bund treten will, gegen meinen Freund! – Ein feierliches Gelübde meinem Woldemar zur Schmach! – Ha! rief sie, die Augen gegen Himmel; und schluchzend ging sie zur tür hinaus.
Als Hornich erwachte, war sein erstes Wort nach Henrietten zu fragen. Sie hatte Zeit gehabt sich zu fassen, und war schon in sein Zimmer geschlichen; und sobald man dem Alten geantwortet, sie sei da, stand sie auch schon vor seinem Bette. Wie er sie erblickte, hob er Hand und Haupt ihr entgegen mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Liebe. – "Liebe Henriette" (sagte er, und konnte für Wehmut es kaum über die lächelnde Lippe bringen) "– sieh! – du hast mir Wort gehalten!" – Der rührende Sinn dieser Rede ging Henrietten in die Seele; sie sank in die matten arme ihres Vaters, und er lispelte ihr an der Wange her: Ja, bis in den Tod! Du gutes Kind; Gott wird dirs vergelten!
Eine Weile nachher – (Henriette sass jetzt neben seinem Bette ihm nah gegen über) – Es kommt mir hart vor, dass ich sterben muss, sagte der Greis, denn du hattest mich vergessen gemacht, dass ich so alt war; du hast mich so süss und sanft ans Grab geleitet; – aber dennoch – ich habe etwas auf dem Herzen; wenn du mir das davon nähmest – ja, liebe Tochter, auch hinunter in die Grube könntest du mich sanft geleiten! – Ach, lieber Vater! rief Henriette, ich weiss schon was Sie von mir verlangen; – ich bitte, hören Sie mich, glauben Sie mir! Woldemar hat nie Ansprüche auf mich gemacht; und eben so wenig habe ich den entferntesten Gedanken je die seinige zu werden. Sie müssen sich erinnern, dass ich Ihnen das schon mehrmahls bekräftiget habe; ich wiederhole es Ihnen nochmahls, und schwöre Ihnen bei allem was heilig ist, dass ich die lautere Wahrheit sage. Wozu dann ein feierliches Gelübde? Warum wollen Sie, ohne einige Not, sich so gehässig gegen einen Mann beweisen, den Sie für den Aerger, den er Ihnen einigemahl unbesonnener Weise zugefügt (unmittelbar beleidiget hat er Sie niemals) lange genug bestraft haben? O, besänftigen Sie Ihr Gemüt; machen Sie Friede mit Woldemar; tun Sie's, lieber Vater, auf mein Wort – ihrer betrübten Henriette zu Liebe! – "Beste Tochter, (antwortete der Alte) sei versichert, ich besinne mich kaum, dass mir durch Woldemar je eine Minute unangenehm geworden. Wollte Gott, er hätte mich aufs äusserste gekränkt, und wäre nur ein anderer Mensch! Du solltest sehen, dass ich kein so unversöhnlicher Mann bin. Und wessen Herz ist nicht voll Vergebung in der Stunde des Todes? – Bloss um Dich ist's mir bei der Sache zu tun, Woldemarn gönnte ich gern alles Glück, das du ihm gewähren könntest. Aber sieh! ich habe genau auf den Menschen achtung gegeben, und da ich wahrgenommen, dass du dich immer stärker an ihn hiengest, mich allerwärts nach ihm erkundiget. Gewiss, liebe Henriette, er glaubt weder recht an Gott noch an Menschen; es ist durchaus ein desperater charakter; hitzig, ausschweifend, unbesonnen... Kurz, ich weiss kein Unglück, das du nicht mit ihm zu befahren hättest; du wärest verlohren für diese Welt, und wahrscheinlich auch für jene."
Die Ankunft der ärzte unterbrach diese Unterredung. Hornich erriet aus ihrer Miene, dass es um ihn geschehen sei, und er drang in sie, um so genau als möglich zu erfahren, wie viel Frist ihm noch bleibe. Aus ihren Antworten liess sich abnehmen, dass er es höchstens bis an den dritten Tag – vielleicht aber auch nicht einmal bis an den morgenden bringen werde. Henriette, die ferne war, einen so plötzlichen Wechsel zu vermuten, geriet in die äusserste Bestürzung. Der Alte schien wunderbar gefasst; nur dass ihn die Angelegenheit wegen seiner Tochter ängstigte. Er eilte die ärzte von sich wegzuschaffen. Henriette wollte ihn nun ohne Verzug durch die Entdeckung von Woldemars Verlobung mit Allwina beruhigen. Hornich erschrack über die Nachricht. "Das gute Blut! sagte er. Doch vielleicht wird's noch rückgängig; bei Leuten, wie Woldemar, kann man auf nichts rechnen; da du aber andrer Meinung bist, so sehe' ich nun gar nicht mehr, was dich abhalten könnte, mein Verlangen zu erfüllen, und dadurch eine Angst von mir abzuwälzen, bei der mir die Todesangst verschwindet, die mich aber im tod zur Verzweiflung bringen wird