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, alle Nachtigallen haben sich hieher in unsere Büsche beschieden! Es ist ein Singen, dass man es kaum aushalten kann. All die andern Vögel dazu. Das Heer von Lerchen, die in ununterbrochenem jubel einem über dem kopf schweben. Rund herum die ganze vollständige Symphonie. Und dannhör! – durch all den Gesang durchaus allen möglichen Distanzendie Wechsellieder der Nachtigallen. Man weiss nicht wohin sich kehren und wenden. Und ruht das Ohr nun einen Augenblick, dann fallen all die Bäum- und Hecken-Blüten über einenall das neu gewordene Laub... – Und sieh da! die herrliche Ebene; – das vielfarbene Grün dort im Tal! – O, und die Hügel da hinauf! – Seitwärts die darüber ragenden Höhen! – Hierdurch die Oefnungnoch weiter! Alle Gipfel durchsichtig; alles so hauchend mit Wohlgerüchen, und ausströmend seine beste Kraft in Schönheit und Wohltun ... – Da auf einmal laut vom nächsten Zweig der hellste Schlag!! – Es fuhr durch Mark und BeinOffen allem! – Welt und Himmel! – Meine Begleiterinnen, die zwei lieben Mädchen standen da vor dem Verzückten. – Gott! meine Brust so eng, so fest! ich wankte, taumelte nieder, verbarg mein Gesicht... – Es war Sonnen Untergang. Ich wandelte mit meinen Freundinnen sachte unserer wohnung zu, sammelnd in mir alle die Töne, die in meiner Seele angeschlagen hatten, dass sie nicht verhalleten, wenigstens nicht so geschwinde verklängen. Ein vieljähriges Gemisch dunkler Empfindungen ordnete sich in Melodie; und diese Melodie wieder in Accorde. In den schwindenden Sonnenglanz traten Sirius und Venus. Vor und nach erschienen die übrigen Sterne. Wir hörten die Music der Sphären.

So weit hatte ich gestern Abend geschrieben. Jetzt komm' ich von einem Spatziergang mit Allwina nach haus. Henriette hatte zu schreiben. Schon um fünf Uhr waren wir draussen. Als wir einem Wäldchen, auf einem Hügel gelegen und schön wie ein Paradies, vorbeikamen, wünschte ich uns in den Stand der Unschuld. Nun liessen wir's linker Hand liegen, und wandelten nach dem Wasserfalle zu, und setzten uns nächst dem grossen Teich, der so hell und schön da stand, dass man sich nur gleich hätte hineinstürzen mögen. – Am Sonnabend schreibe ich dir wieder, und wer weiss, vielleicht etwas merkwürdigeres.

Dein Woldemar."

... Es gibt eine Menge lieblicher Scenen, wo die verborgensten Quellen der Seele sich öfnen, und die sich auf kein Schaugerüst bringen lassen. Sie lassen sich auch nicht malen, weil sie rund um im vollsten Himmelslichte gesehen sein wollen.

Allwina ruhte an Henriettens Busen. Da empfieng

sie Woldemars Gelübde, und es ergab sich ihre Seele dem edlen.

Des ersten Bandes zweiter teil

Πολλοι δ' αν ρωποισι λογοι δειλοι τε, και εσ λοι

Προσπιπτεσ', ων μητ εκπλησσεο, μητ αρ εασης

Ειργεσ αι σαυτον.

PYtAGORAS.

Welches Dacier übersetzt:

Il se fait parmi les hommes plusieurs fortes de

raisonnemens bons & mauvais;

Ne les admire point legerement, & ne les rejette

pas non plus.

Il y a une espece de fureur qui vient du corps à

l'ame, procedant de quelque mauvaise tempera

ture d'humeur maligne, ou de la meslange de

quelque mauvais vent & esprit pernicieux, mais

cette fureur est fascheuse & maladie dange

reuse. Il y en a une autre espece qui ne s'engen

dre pas sans quelque divinité ni ne so concrée

pas en l'ame ou dedans nous, ains est une inspi

ration estrangere, qui vient de dehors, un devoy

ement de la raison du sens & de l'entendement

naturel, prenant son origine & le principe de son

mouvement de quelque puissance divine, laquel

le passion en general s'appelle entusiasme,

comme qui diroit inspiration divine: car ainsi

comme εμπνεν se nomme repletion d'esprit, &

εμφρον, qui est à dire prudence & repletion de

sens: aussi telle agitation de l'ame se nomme εν

εσιασμος, qui n'est autre chose qu' une repleti

on de quelque puissance divine.

Oeuvres morales de Plutarque, traduites par Amiot.

In der Nacht kam Biedertal mit einer Postschaise, um Henriette eilends abzuholen. Der alte Hornich war wieder eingefallen, und neue Zufälle verkündigten ihm ein schleuniges Ende.

Biedertal ward von der Nachricht, dass sein Bruder mit Allwina verlobt sei, wie versteinert. Er konnte' es nicht glauben, und trauete nicht sich von ganzem Herzen darüber zu freuen.

Henriette fand ihre Geschwister zu haus beisammen. Der Kranke war etwas eingeschlummert. Dieser Umstand war für Biedertalen erwünscht; denn nun konnte, nachdem Henriette über ihres Vaters Befinden alle Erkundigung eingezogen hatte, und man wieder gelassener da sass, sogleich die Wundergeschichte von Woldemars Verlobung vorgenommen werden. Er sah mit Befremdung, dass die beiden Schwestern und Dorenburg mehr erfreut und weniger erstaunt waren, als er vermutet hatte. Dabei schien es ihm, als herrsche etwas Geheimnissvolles in ihren Mienen. Er war ungeduldig auf den Grund zu kommen, und wusste sich nicht zu helfen. Henriette hatte auch etwas bemerkt; sie hub plötzlich an: Ihr habt etwas miteinander; was ist's? – Alle drei wurden rotund nach und nach kam es herausgestottert: der alte Hornich befinde sich in einer Art von Höllenangst wegen Woldemar und Henrietten, und würde nicht anders als voll