, mein Freund, wäre das, was sie eben vorzubringen gedachten, wohl nur eine Ausflucht gewesen; und was haben Sie Ausflüchte nötig? Sie sind in Verlegenheit, ich sehe' es – das kränkt mich eben. über meinen Antrag zu stutzen, war natürlich, wie sie ihn aber von sich weisen – darin ist.... "Nicht wahr, sagte Woldemar – darin ist Verstellung? Liebe Henriette, ich will Ihnen meines Herzens Gedanken sagen: Allwina Clarenau ist allerdings ein sehr reitzendes geschöpf in meinen Augen; wohl ist mir auch einmal durch den Kopf geflogen: Das wäre gerade eine Frau für dich! und vielleicht wäre der Gedanke öfter wiedergekommen, und hätte nach und nach mehrern Raum gewonnen, wäre nicht das schöne innige verhältnis mit Ihnen gewesen. So aber mochte ich mir nicht einfallen lassen zu heiraten, weil ich mir nicht wollte einfallen lassen, dass Sie heiraten könnten. Und dann: ich fühlte mich so glücklich in meiner gegenwärtigen Lage, – liebe Henriette, so weit über alle meine hoffnung glücklich, dass ich mich der Sünde fürchtete noch glücklicher werden zu wollen. – Henriette reichte ihm ihre Hand, zog dann die seinige sanft ihren Lippen entgegen, die sie darauf gedruckt hielt, während er fortfuhr: Noch glücklicher? (Er hatte seine linke auf ihren Schoos gelegt und sacht' ihre Wange geküsst,) sag', Liebe, wär es nicht Frevel? – Und Frevel auch von dir, deiner Freundinn einen Mann anzuraten, der doch an dir allein, obgleich nur in Freundschaft, aber doch an dir allein nur mit ganzer Seele hängt? – Nein; lass, lass! – ich bitte dich, Engel, lass! –" Woldemar! – sagte Henriette, indem sie sich aufrichtete und mit dem süssesten blick ihn fasste – Woldemar! Lieber! – nur ein bischen Besinnung! – Für so gering wollten Sie Ihre Seele geben, dass ihre Kraft an einem einzigen Gefühl erschöpft wäre, das nicht einmal leidenschaft ist? Sehen Sie nicht, was für eine Schmach Sie auf unsere Freundschaft legen; was für ein läppisches, ärgerliches Ding Sie daraus machen, sobald dieselbe Sie hindert, dass Sie nicht alles sein können, wozu Sie von der natur den eigentlichsten Beruf haben? Sagen Sie nicht, das lasse sich gegen mich selbst zurückwenden. Sie wissen was ich seit Jahren beschlossen hatte, und mit bestem grund. Ueberhaupt ist mit einem Mädchen der Fall durchaus anders. In meiner Lage nun gar, die so voll herzlicher Geschäftigkeit, so voll wahres Lebens und Genusses ist, dass ich schwerlich zu weit gehe, wenn ich meine Bestimmung für so schön und gut und vollkommen achte, als irgend Eine. Und dann: so und nicht anders war nun schlechterdings einmal meine Bestimmung; auf der Bahn, die mir mein Schicksal geöfnet, bin ich gerad und einfältig hingegangen; Ort und Stelle, wo ich mich befinde, sind unfehlbar die rechten; ich kann sie eben so wenig ändern, als ich mag.... Genug hievon – und genug überhaupt; denn wenn Ihre Freundschaft für mich das ist, wofür ich sie immer gehalten (und das muss sie sein, oder es ist Grillenfängerei damit) so kann niemanden dadurch etwas genommen werden, am mindesten dereinst Ihrer gattin, wer sie auch sei. Allwina, die bisher so merklich dabei gewonnen hat; die selber mich bis zur Ausschweifung liebt; wie könnte sie dabei verlieren? Allwina hat von je her ihren eigenen Anteil an Ihrem Herzen gehabt, einen so eigenen vielleicht, als immer ich, und gewiss einen unmittelbareren. Die Lieblichkeit des Mädchens, seine wunderbare Unschuld, aus der es einem so hell entgegen strahlt, dass sie unverführbar ist, wie die Unschuld eines Engels; seine frohe Laune, mehr wert, als aller Witz; seine Arglosigkeit, Genügsamkeit, Eitellosigkeit... Wie waren Sie nicht tausendmahl davon entzückt, und sind es alle Tage noch? – Und, Woldemar – die Schönheit des holden Kindes? – Oder ist Allwina etwa nicht schön – (Woldemar musste lächeln) – und auch etwa nicht jung? – Doch ist sie sieben Jahre jünger als ich, kaum über neunzehn. Gewiss, lieber Woldemar, es ist kein geringes Wunder, dass Sie neben Allwina Zeit behielten, mich Ihre Freundinn werden zu lassen. Wären Sie nicht der seltsame Mann, mit einem Kopf, der Ihnen wenigstens eben so viel zu schaffen macht, als Ihr Herz, und der mit diesem ganz ähnliche Bedürfnisse hat: es wäre nie geschehen – und desto schlimmer für Allwina. Wie vieles in Woldemar, das ohne mich, nie an Allwina gelangt wäre! – Nicht weiter Henriette! rief Woldemar; ich verstehe, ich fühle alles, aber ich bin betäubt. Wenn der Engel mir bestimmt ist, ich will ihn nicht von mir weisen. Lassen Sie mir Zeit.
Es war im Merz, da diese Unterredung vorfiel. Einige Zeit darauf glaubte der alte Hornich sich von neuem zu erholen, und Henriette bekam erlaubnis die Clarenaus auf ihren Landsitz zu begleiten. Woldemar ging auch mit. – Henriette stand in sehr geheimen Verträgen mit der natur. Hier schien diese ganz mit ihr dazu verschworen, dass das Herz des guten Woldemars von der Liebe beschlichen würde. Wie ihm zu Mute war, erhellet aus einem ziemlich dityrambischen Briefe, den er in die Stadt an seinen Biedertal schrieb. Hier ist er.
Am 28sten April.
"Ich glaube, Bruder