Sache, wenn man ihrem Gefühl widersprach, mit einem Eifer, mit einer Begeistrung... "Das will alles nichts bedeuten, unterbrach ihn Woldemar, wenigstens in Beziehung auf mich, dessen Auge für Schönheiten so offen, und für Mängel neben ihnen – so blind ist. Gestalt heisst überhaupt sehr viel bei mir, und was die von Henrietten vortrefliches ausdrückt, musste, seiner eigenen natur nach, eine Würkung auf mich machen, welche so leicht nicht verringert, wohl aber sehr erhöhet werden konnte; leidenschaft aber, ich wiederhol' es, hat sie keinen Augenblick in mir erregt." – Nun! fiel Biedertal lachend ein, Du auf einmal so platonisch, was Dir sonst beinah ein Gräuel war! Du, Woldemar, Du, Du! – und das mir vor Angesicht? – "Ich bitte Dich! sagte Woldemar, lass uns abbrechen!... Wo ist hier von platonischer Liebe die Rede? – Was bei uns diesen Nahmen führt, verhöhn' ich, wie immer. Auch bin ich mir sehr wohl bewusst, dass Klosterheiligkeit nie meine Sache war; Cynismus aber, oder Faunische Ausgelassenheit – noch viel weniger: und allemahl blieben diese Lippen doch nur der Freundschaft und Liebe geweiht, kein schnöder Kuss hat sie jemahls befleckt, und nie hat dies Herz an einem feilen Busen geschlagen. Mit ehrbaren Weibern und Mädchen mutwillig Liebeshändel anzuspinnen, oder viel mit ihnen zu tändeln, war auch nicht meine Art. Just weil meine Sinne äusserst reizbar sind, und ich mich schwer zu mässigen weiss, fühlte ich geschwinde das unbehagliche, zerstreuende, schwächende, verwüstende, das mit dergleichen verknüpft ist, und da bemühte ich mich meiner Einbildungskraft Meister zu werden, und kam bald so weit, dass ich mit den schönsten Weibern vertraut umgehen konnte, ohne im mindesten dabei meine Ruhe zu verlieren. In Wahrheit mein Freund, das ist nicht so schwer als verdorbene Menschen uns überreden wollen; denn selbst derjenige mächtige Reitz der Schönheit, welcher leidenschaft erweckt, kann bei einer reinen Einbildung die Seele wie lang entzücken, ehe sich Begierden merken lassen." – "Einen Augenblick! rief Biedertal – alles zugegeben; wenn aber dies letzte nun gerade dein Fall wäre?" – Um Gottes willen, erwiderte Woldemar, ich bin doch kein Knabe mehr! ich habe ja alle Kasereien der Liebe bestanden; und ich sollte nun selbst nicht wissen, ob ich eine leidenschaft im Busen trage? Wäre je der Wunsch in meine Seele gekommen, Henrietten zu besitzen, ich hätte sicher nicht darauf geharret, dass unser guter Hornich wassersüchtig würde: soviel kennt ihr mich doch alle? – "Freilich, antwortete Biedertal – aber du bist ein so wunderbarer Mann; du hast dich schon oft so unbegreiflich getäuscht... wenn du abermahl dich hintergingest, dich verwickeltest – wenn ich dich wieder unglücklich sehen müsste! – Woldemar! –" Ein tiefer Seufzer brach ihm das Wort im mund, und er sass da – das rührendste Bild zärtlicher sorge und ächter Lieb und Treue. über Woldemaren hatte sich mit Biedertals Rede eine Flut von Ideen und Empfindungen ergossen, so dass ihn der Anblick seines Bruders mit zehnfacher Gewalt erschütterte. Er wollte sprechen, seine Lippen öfneten sich – aber ihre Bewegung war nicht zu Worten. Auf einmal traten ihm die Tränen in die Augen. Er beugte sich über den Tisch, und reichte Biedertalen die Hand – und auf den Arm sank sein nasses Gesicht. – Alles war stumm und still. –
Nun sahen die Brüder sich einander wieder an – nun öfneten sich wider ihre Lippen – aber nicht zu Worten – nur zum Hauch der Liebe.
Endlich stand Woldemar auf, und nachdem er einigemahl im Zimmer auf und niedergegangen war, trat er zu Biedertalen, fasste ihn herzlich bei der Hand: – "Sei ruhig, Bester! sagte er zu ihm; ich bitte dich, sei ruhig! Ich schwöre dir in diesem feierlichen Moment, dass ich für Henrietten nichts anders, als die reinste, heiligste Freundschaft empfinde; und alle Kenner des menschlichen Herzens sind darüber einig, dass Freundschaft nie in die leidenschaft der Liebe ausarten kann. Warum soll ich durchaus Henrietten lieben? und da ich sie nicht liebe, warum sollt' ich mich mit ihr vermählen? Ich verlöre dabei unendlich mehr, als ich gewönne. Das holde trefliche geschöpf scheint ausdrücklich gebildet zu dem freien verhältnis, das jetzt zwischen ihr und mir besteht. Zu ihren Kenntnissen und Talenten hat sie noch alles erworben, was sie brauchte, um ganz meine Gefährtinn zu sein; und meine Gefährtinn soll sie bleiben, soll nie meine gattin werden. Ich zittre vor dem blossen Gedanken ein so herrliches verhältnis der Gefahr einer Verwandlung auszusetzen, wär' es auch nur der unbedeutendsten. – Gott! diesen unschätzbaren Besitz – was schon wirklich da ist, und über alles ist, freiwillig zu zerstören – die höchste Glückseligkeit, die ich mir gedenken kann: – ich verdiente die Hölle! – Und ist es nicht für uns alle besser – am meisten für das liebe Mädchen selbst, dass sie ungefesselt wie bisher unter uns wandle; gleich einer Gotteit, Freude und Seegen allentalben verteile?..."
Woldemar wurde gefragt: ob er denn entschlossen sei nie zu heiraten? – Ob Henriette Willens sei immer ledig zu bleiben? – Nach letzterem hatte er nie geforschet; über das erstere erklärte er sich zweifelhaft. So schieden sie auseinander.
Henriette erfuhr diese Unterredung am folgenden Morgen von