Friedrich Heinrich Jacobi
Woldemar
Eine Seltenheit aus der Naturgeschichte
Erster Band
Tere are more tings in heaven and eart, Horatio,
Tan are dreamt of in your philosophy.
HAMLET, Act. I. Sc. 5.
Veritas essendi, & veritas cognoscendi, idem
sunt; nec plus a se invicem differunt, quam radi
us directus & reflexus.
BACO, de Augm. Scient. Lib. I.
Von diesem ersten Bande sind einige Stücke (der Anfang und das Ende) im deutschen Merkur bekannt gemacht worden; ganz, erscheint er hier zum erstenmahl.
Da noch zwei Bände abgehen um das Werk zu vollenden, die aber dem gegenwärtigen bald hintereinander folgen sollen: so entalte ich mich jetzt aller Vorrede. Ich hoffe, die Leser werden dagegen so billig sein, dasjenige noch nicht beurteilen zu wollen, was sich noch nicht beurteilen lässt.
Εγω δ' ακομψος οχλον δουναι λογον,
Εις ηλικας δε κωλιγες σοφωτερος.
′
EURIPIDES.
Des ersten Bandes erster teil
Ich halte die Freundschaft so hoch, dass es mich
dünkt, wenn man geliebt wird, so sprost einem
Glück von Gott und den Menschen unter den
Füssen hervor.
Xenophon.
Eine menschliche Bildung erhalten nur dieje
nigen Seelen, die das Feld der Wahrheit
schon gesehen haben. Aber nicht alle Seelen
rufen sich die Erinnerungen ihres Götterlebens
mit gleicher klarheit zurück: sie sahen das Ge
filde der Wahrheit nicht lange genug, oder ver
sanken auch zu tief in Vergehungen und böse
Gewohnheiten, welche die ihnen eingeprägten
Bilder fast bis zur Vergessenheit auslöschten.
Nur wenige finden sich, in denen sich die Spu
ren der Wahrheit sehr lebhaft erhalten haben:
und diese werden von einem heiligen Schauer
überfallen, wenn sie hier auf Erden ähnliche,
ihren Urbildern entsprechende Abdrücke wahr
nehmen.
Plato.
Eberhard Hornich, ein angesehener Handelsmann zu B., hatte drei Töchter: die älteste hiess Caroline, die zweite Henriette, und die dritte Luise. Carl Dorenburg, der sich lange Zeit in Italien und England aufgehalten hatte, und zurück nach London wollte, wo ein vorteilhaftes Etablissement auf ihn wartete, sah Carolinen, und ward von ihr gefesselt. Er war ein sanfter und herzlicher Mann, der die feinern Vergnügen mit Einfalt liebte, einen reinen und festen Geschmack hatte, und sich nie an etwas hieng, als mit innigem Gefühl und aus wahrer aufrichtiger Neigung. Das Mädchen nahm ihn gern, und der Alte willigte mit Freuden in die Heirat mit einem mann, der ein so vortreflicher Kaufmann und von so grossem Vermögen war. Vater und Tochtermann traten miteinander in Gesellschaft.
Dorenburgs vertrautester Freund war Biedertal, ein junger Rechtsgelehrter. Die Aehnlichkeit ihrer Neigungen, der Eifer, den sie gegenseitig in sich erweckten, die hülfe, die sie einander leisteten, brachte jene geistige Gemeinschaft der Güter unter ihnen zuwege, welche den Neid unmöglich und das Leben so süss macht. So war ihr Verständniss zwei Jahre hindurch immer vollkommener und enger geworden. Damals kam Luise, eben siebenzehn Jahr alt, aus dem Kloster zurück, und entzündete in Biedertalen eine unüberwindliche leidenschaft. Er wollte sie erst unterdrücken, hernach verbergen; aber es war Liebe. Dass ihm der alte Hornich das Mädchen geben würde, daran war nicht zu denken; er hatte geschworen, dass keine seiner Töchter einen Gelehrten heiraten sollte, und dazu besass Biedertal nur ein sehr geringes Vermögen. Dorenburg, dem das geheimnis seines Freundes nicht lange verborgen blieb, genoss keine frohe Stunde mehr. Da er bei seinem Schwiegervater, dessen Handlung durch ihn ungemein war erweitert worden, in grossem Ansehn stand, so hatte er sich anfangs geschmeichelt, dieser würde, aus Ergebenheit gegen ihn, sich ein einzigmahl in seinem Leben grossmütig stellen, und auf sein Bitten den wackern Biedertal glücklich machen: aber der Alte wusste von keinem Edelsinn, als dass er das Nichts der Ehre und alles brodlose Wesen verachtete, weder durch Sache noch Grund sich betören, und in seiner überzeugung durch nichts sich irre machen liess; er hatte nur die Tugenden der Kargheit, oder richtiger, einer polizeimässigen Gewinnsucht. Da alles vergeblich gewesen war, so erklärte ihm Dorenburg, in sechs Monaten laufe der Societäts-Contract mit ihm zu Ende, er sei gesonnen alsdann auszuscheiden. Der Alte gab die besten Worte, tat die vorteilhaftesten Vorschläge; Dorenburg war nicht zu bewegen. Endlich wurden sie einig, Biedertal sollte sich der Handlung widmen, und dann das Mädchen nehmen. Voll Entzücken gab dieser eine ansehnliche Bedienung auf, worauf er Anwartschaft hatte, und ergriff das Gewerbe seines Freundes. Luise fühlte das im Innersten der Seele. Kein Brautpaar ist jemahls glücklicher gewesen. Nach einem halben Jahre ward die Heirat vollzogen; und die beiden Freunde hatten sich nun zu gefährten in all ihrem Tun. Ihre Wohnungen waren die angenehmsten in der Stadt, aber sowohl der Lage als der inneren Einrichtung nach ganz von einander verschieden. Eben so auch ihre Landhäuser. Jeder dieser Oerter hatte andre Reitze, war zu andern Ergötzungen geschickt; in jedem mangelte etwas; aber dies war beim Bruder. Das glückliche Leben dieses doppelten Paars ist etwas, das sich nicht abbilden lässt. Wer aber ein liebes Weib hat, und einen Freund auch mit einem lieben weib, und dabei soviel Geist und Tätigkeit, um sein Herz mit unschuldiger leidenschaft zu füllen, der versteht mich, wenn ich sage, dass in diesem Kreise das Wehen der Liebe nie sich legte.
Eine Hauptstütze dieser schönen Verfassung war die noch unverheiratete, mittlere Tochter, Henriette. Die drei Schwestern waren von