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fertig; und da machte Robinson sich noch die Freude, seinem Freitag die erstaunliche wirkung einer Kanone zu zeigen. Er lud sie mit einer Kugel, stelte sie darauf so, dass der Schuss die Oberfläche des Wassers streifen muste, damit Freitag recht deutlich sehen könnte, wie weit die Kugel fortgeschnelt werden würde. jetzt brant' er sie ab, und ungeachtet Freitag schon durch die beiden Flintenschüsse auf dieses Schauspiel vorbereitet war: so erschrak er doch von neuem über den noch weit heftigern Knal der Kanone so sehr, dass ihm alle Glieder zitterten. Die Kugel tanzte auf der Oberfläche des Meeres hin und verlohr sich in einer unabsehlichen Entfernung. Freitag versicherte darauf, dass es nur eines einzigen solchen Schusses bedürfen würde, um alle seine Landsleute, wenn sie auch bei Tausenden herbei kämen, plözlich in die Flucht zu jagen, weil sie den, der diesen Donner machte, gewiss für den Toupan halten würden.

Da es finster geworden war, stekte Robinson seine Laterne an, um die am Schiffe mitgebrachten Schriften durchzusehen, ob er vielleicht daraus erfahren mögte, wem das schiff zugehört habe, und welches die Bestimmung desselben gewesen sei? Aber zum Unglück waren diese Schriften, so wie die Bücher, die er mitgenommen hatte, in einer Sprache abgefasst, die er nicht verstand. Wie sehr bedauerte er hierbei abermals, dass er in seiner Jugend nicht mehr Fleiss auf Erlernung der Sprachen gewandt habe! Aber diese Reue kam jetzt zu spät.

Indess gab ihm ein doppelter Umstand, den er bemerkte, einiges Licht über den Lauf des Schiffes und über die Absicht desselben. Er fand nämlich unter andern ein Paar Briefe, die nach Barbados gerichtet waren, einer Insel bei Amerika, auf welcher ein starker Sklavenhandel getrieben wird.

Frizchen. Sklavenhandel?

Vater. Ich will dir sagen, was das ist. In Afrikadu weisst doch noch, wo das liegt?

Frizchen. O ja; dortin, über die grüne Brükke und die Gänseweide! – Nu nur zu!

Vater. In Afrika also, wo die Mohren wohnen, sind die meisten Menschen noch so roh und ungesittet, wie das liebe Vieh. Ihre Anführer oder Könige, die selbst nicht viel klüger sind, gehen dan auch mit ihnen um, als wenn sie wirkliches Vieh wären. Wenn nun die Europäer dahin kommen, so bietet man ihnen ganze Heerden solcher schwarzen Menschen zum Verkauf an, recht so wie man hier die Ochsen zu Markte bringt. Viele Väter führen auch wohl ihre eigene Kinder herbei, um sie für eine Kleinigkeit los zu werden; und da kaufen denn die Europäer alle Jahr eine Menge derselben und führen sie nach Amerika, wo sie die härteste Arbeit verrichten müssen und dabei recht jämmerlich gehalten werden. Ein solcher Sklav (so nent man sie) ist dan recht schlim daran, und wünschte oft lieber zu sterben, als so zu leben.

Gotlieb. Das ist doch aber auch gar nicht recht, dass man so mit Menschen umgeht!

Vater. Freilich ist es unrecht; auch steht zu hoffen, dass dieser abscheuliche Sklavenhandel mit der Zeit ganz werde abgeschaft werden. –

Ferner fand Robinson eine Rechnung, aus der er ungefähr so viel abnehmen konte, dass auf dem Schiffe hundert solcher Sklaven gewesen sein müsten, die man nach Barbados habe bringen wollen. Er machte von allem diesem seinem Freitag eine Beschreibung, und sezte hinzu: wer weiss, ob nicht diese Unglücklichen dem Sturme, der das schiff auf die Felsen trieb, vielleicht ihre Erlösung zu verdanken haben? Ob sie nicht vielleicht durch hülfe der Böte sich gerettet und irgend eine Insel erreicht haben, auf der ihre Tirannen ihnen nun nicht mehr befehlen dürfen, und wo sie, nach ihrer Art, ein recht glückliches und zufriedenes Leben führen?

Freitag fand dies gar nicht unwahrscheinlich.

Wohl dan, lieber Freitag! sezte Robinson hinzu, indem sein Gesicht zu glühen anfing; hättest du also nun noch wohl das Herz, deine neuliche Frage zu wiederhohlen?

Freitag. Welche?

Robinson. Die: was der Sturm, der uns unsern Kahn entführte, wohl für Nuzen gehabt haben könne?

Freitag ward beschämt und schlug reuevoll die Augen nieder.

»O Freitag! rief hierauf Robinson mit frommem Eifer aus; erkenne die Hand des almächtigen und alweisen Gottes, die hier abermals so sichtbarlich im Spiel gewesen ist! Siehe wie viel der Sturm uns wiedergeben muste, für das Wenige, was er uns zu nehmen Befehl hatte! Sieh ihn an, diesen ganzen Vorrat von Hülfsmitteln zu einem bequemen und glücklichen Lebenwürden wir ihn haben, wenn der Sturm nicht gekommen wäre? Zwar ist es traurig, sein Glück dem Unglückke anderer Menschen verdanken zu müssen: aber wie? wenn nun auch die Meisten von denen, die auf dem gestrandeten Schiffe waren, jetzt viel glücklicher lebten, als vormahls? Und dass dies wirklich der Fal sei, ist doch gar nicht unwahrscheinlich! Was dünket dich nun von der götlichen Weltregierung

»Dass sie unbeschreiblich weise und gut sei, und dass ich ein Nar warerwiderte Freitag, indem er die hände faltete und zum Himmel blikte, um Gott die Sünde abzubitten, die er aus Unverstand begangen hatte.

Robinson verwahrte alle die durchgesuchten Papiere eben so sorgfältig, als das Gold und die Edelgesteine; um, fals er jemahls wieder nach Europa kommen sollte, durch hülfe derselben, zu erfahren, an wen er diese geretteten Schäze zurück geben müsse.

Noch sechs Tage hinter einander fuhren sie