Schiesspulvers; lud die Flinte vor seinen Augen und gab sie ihm in die Hand, um selbst damit zu schiessen. Aber Freitag, der noch viel zu furchtsam dazu war, bat ihn, es lieber selbst zu tun. Robinson machte darauf ein Ziel auf hundert Schritte, liess Freitag neben sich stehen und feuerte die Flinte ab.
Es fehlte nicht viel, so wäre Freitag abermals zu Boden gestürzt: so übernatürlich schien ihm dasjenige zu sein, was er sah und hörte. Das Ziel war von vielen Schrootkörnern getroffen, welche noch ziemlich tief ins Holz hineingedrungen waren. Robinson machte seinen Freitag aufmerksam darauf, und liess ihn selbst den Schluss machen, wie sicher sie nun in Zukunft vor allen feindlichen Anfällen der Wilden wären, nachdem sie diesen künstlichen Bliz und Donner in ihre Gewalt bekommen hätten. Freitag gewan hierdurch und durch Alles, was er auf dem Schiffe gesehen hatte, eine so tiefe Ehrfurcht gegen die Europäer und gegen seinen Herrn insbesondere, dass es ihm viele Tage hindurch unmöglich war, sich wieder auf den vertrauten freundschaftlichen Ton gegen ihn herab zu stimmen.
Indess rükte die Nacht heran, und machte den Geschäften dieses freudenreichen Tages ein Ende.
Vier und zwanzigster Abend.
Am folgenden Abend fuhr der Vater zur grossen Freude seiner Kleinen, ohne alle Vorrede, folgendermassen fort.
Süsser hatte unser Robinson noch nie geschlafen, als in dieser Nacht; denn seit dem ersten Tage seines einsamen Aufentalts auf dieser Insel war er noch nie so glücklich gewesen, als er sich jetzt fühlte. Aber nie empfand auch wohl ein Mensch mehr innige Dankbarkeit und Liebe gegen den himlischen Wohltäter, dem er dieses sein Glück zu verdanken hatte, als er. Wie oft lag er, wenn er allein war, auf seinen Knien und dankte dem guten Geber aller Gaben für das, was er ihm verliehen hatte! Auch seinem Freitag sucht' er diese frommen Empfindungen der Dankbarkeit einzuflössen. Er lehrte ihn, bevor sie sich schlafen legten, das Loblied: Nun danket alle Gott! und dan stimten beide mit gerührtem Herzen es zum Preise Ihres gemeinschaftlichen himlischen Vaters an. –
Am andern Morgen machten sie sich früh auf; legten alle ihre Sachen in ein Gebüsch und bedekten sie, im Fal es etwa regnen sollte, mit vielen Zweigen. Dan stiessen sie mit Anfang der Ebbe vom land, um wieder nach dem Wrak zu fahren.
Frizchen. Was ist das Wrak?
Vater. So nent man ein schiff, welches gestrandet und schon zum teil zertrümmert ist. – Da sie gestern, wie ich zu erwähnen vergass, auch ein Paar gute Ruder mit sich genommen hatten: so ging die Fahrt noch geschwinder, als das erstemahl. Sie kamen abermals glücklich an; und das erste, was sie vornahmen, war dieses, dass sie alle Bretter, die sie in dem Schiffe fanden, auf ihr Flössholz herab liessen, um einen doppelten Fussboden davon zu machen, damit die Sachen, die sie mitnehmen wolten, trokner, als die gestrigen liegen mögten.
jetzt suchte Robinson wieder Alles durch, um unter den vielen Sachen, die er nicht alle auf einmal mitnehmen konte, eine kluge Auswahl zu treffen. Diesmahl ward ihm die Wahl schon weniger sauer, weil er das Allernotwendigste nun schon in Sicherheit gebracht hatte. Doch verfuhr er wiederum eben so bedächtig, als das erstemahl.
Unter andern beschloss er, diesmahl eine von den sechs kleinen Kanonen mitzunehmen, die er auf dem Schiffe fand.
Johannes. Eine Kanone? – O dafür hätt' er doch auch wohl etwas nötigeres nehmen können!
Vater. So scheint es uns, die wir die Sache von fern beurteilen; Robinson hingegen, der seine ganze Lage in der Nähe übersahe, fand, dass ihm diese Kanone, wenigstens zur Beruhigung seines Gemüts, höchst nötig sei.
Johannes. Wie so?
Vater. Der Ort am Strande, wo er die geretteten Sachen vor der Hand hinlegen muste, war unbefestiget, und lag unglücklicher Weise in derjenigen Gegend, wo die Wilden gemeiniglich zu landen pflegten. Nun kont' er sich zwar ziemlich auf den Schuz seiner Flinten und Pistolen verlassen, fals er angegriffen werden sollte; aber der Gedanke, dass er alsdan wieder in die traurige notwendigkeit geraten würde, einen oder den andern dieser armen Wilden zu tödten, machte ihn schaudern, so oft er ihm einfiel. Nun dachte' er, wenn er eine Kanone am Strande hätte: so könt' er, wenn sie sich in ihren Kanoes oder Kähnen der Insel nähern wolten, schon von fern eine Kugel über ihre Köpfe hinschiessen, worauf sie dan vor Schrekken vermutlich wieder umkehren würden.
Siehst du, Lieber, wie unsicher es ist, wenn wir das Betragen anderer Menschen zu beurteilen uns anmassen wollen? Höchst selten kennen wir alle die Bewegungsgründe, nach denen ein Anderer sich in seinem Verhalten richtet: wie dürfen wir uns dan einfallen lassen uns zu Richtern über dasselbe aufzuwerfen? Ein weiser Man ist daher sehr langsam zum Urteil über Andere; gibt sich überhaupt nicht damit ab, wenn er keinen eigentlichen Beruf dazu hat, weil er genug über sich selbst und über seine eigene Handlungen zu denken und zu urteilen hat: und so, Kinder! wollen wir es künftig auch machen.
Ausser der Kanone, brachten Robinson und Freitag diesmahl noch folgende Sachen auf ihre Flösse: 1) Einen kleinen Sak vol Rokken, einen andern vol Gerste und noch einen dritten vol Erbsen; 2) Eine Kiste vol Nägel und Schrauben; 3) Ein Duzend