1779_Campe_126_92.txt

Bequemlichkeiten des Lebens beraubt gewesen sein, um die Freude, die er jetzt empfand, nach ihrem ganzen Umfange fassen zu können.

Freitag war mit der europäischen Art zu essen so wenig bekant, dass er gar nicht wuste, wie er Messer und Gabel brauchen sollte. Robinson zeigt' es ihm; aber indem er es nun nachmachen und ein Stük Fleisch auf der Gabel zum mund reichen wolte, fuhr er damit zum Ohre hinauf und brachte, seiner bisherigen Gewohnheit nach, die Hand mit der Schale der Gabel zum mund. Von dem Weine, den ihm Robinson zu kosten gab, wolt' er schlechterdings nicht trinken, weil sein nur an wasser gewöhnter Gaum den Reiz eines starken Getränkes nicht ertragen konte. Der Zwiebak hingegen behagte ihn ausnehmend wohl.

jetzt war die Flutzeit da; beide stiegen also hinab zur Flösse und stiessen in See, um mit der anschwellenden Flut dem Strande zuzufliessen. In kurzer Zeit waren sie da, und eilten, die geborgenen Güter ans Land zu sezen.

Und nun war Freitag sehr begierig zu erfahren, was alle diese Dinge zu bedeuten hätten, und was für Nuzen sie gewährten? Das erste, was Robinson zur Befriedigung seiner Neugierde vornahm, war, dass er hinter einen Busch trat, sich daselbst ein Hemde und ein ganzes Kleid, welches eine Offizieruniform war, nebst Schuh und Strümpfen anzog; dan einen Degen an die Seite stekte, einen Tressenhut aufsezte und so auf einmal, wie umgeschaffen, hervortrat, und sich vor Freitags erstaunten Augen dahin pflanzte. Dieser wich vol Bestürzung einige Schritte zurück, weil er in dem ersten augenblicke wirklich zweifelhaft war, ob er seinen Herrn, oder ein anderes, vielleicht übermenschliches Wesen sehe. Robinson, der über sein Erstaunen lächeln muste, reichte ihm freundlich die Hand, und versicherte, dass er noch immer Robinson, noch immer sein Freund wäre, ungeachtet seine Kleidung und sein Glückszustand sich geändert hätten. Er nahm hierauf eine ganze Matrosenkleidung, zeigte ihm, wie er jedes Stük derselben anziehen müsse, und hiess ihn hinter den Busch zu gehen, um sich gleichfalls anzukleiden.

Freitag gehorchte; aber es dauerte lange, ehe er mit dem Anzuge fertig werden konte. Bald hatte' er dies, bald jenes unrecht angelegt; das Hemde, zum Exempel, zog er erst verkehrt an, indem er die Beine durch die beiden Ermel stekte, als wenn er Beinkleider anziehen wolte. Eben so macht' er es auch mit den Beinkleidern, in die er gleichfalls die Füsse von unten zu stekken versuchte, und mit der Jakke, die er auf dem Rükken zu knöpfen wolte. Nach und nach sah er seinen Irtum ein und verbesserte ihn, bis er endlich nach vielen vergeblichen Versuchen mit dem ganzen Anzuge völlig zu stand kam.

Er hüpfte vor Freuden, wie ein Kind, da er sich so umgeschaffen sah, und da er merkte, wie bequem diese Kleidung sei, und wie gut sie ihn vor den Stichen der Musquito's verwahren würde. Nur mit den Schuhen war er unzufrieden, weil sie ihm etwas Entbehrliches und Unbequemes zu sein schienen. Er bat sich also die erlaubnis aus, sie wieder ablegen zu dürfen, welches Robinson seinem eigenen Gutbefinden überliess.

jetzt zeigt' er ihm den Gebrauch der Beile und anderer Werkzeuge, worüber Freitag vor Freude und Bewunderung ganz ausser sich gesezt wurde. Sie machten sogleich Gebrauch davon, um einen kleinen Mastbaum für ihr Flössholz zu behauen; damit sie künftig ein Segel aufstekken könnten, und dan nicht erst auf die Zeit der Flut zu warten brauchten. Robinson übernahm es, diese Arbeit allein fertig zu machen; und schikte Freitag unterdessen nach seiner Burg, um die Lama's zu melken; ein Geschäft, welches sie nun schon zwei Tage hatten aussezen müssen.

In Freitags Abwesenheit lud Robinson eine der Flinten, weil er sich das Vergnügen vorbehalten hatte, seinen Freund mit den wunderbaren Wirkungen des Schiesspulvers zu überraschen. Da dieser nun zurückgekommen war, und die Geschwindigkeit bewunderte, mit welcher Robinson seine Arbeit schon vollendet hatte, erblikte dieser einen Seefalken, der eben mit einem geraubten Fische davon flog. Schnel ergrif er die Flinte und rief aus: Gieb achtung, Freitag, der sol herunter! Kaum hatte' er dieses gesagt, so drükt' er ab, und der Falke stürzte aus der Luft zur Erde.

Stelt euch des armen Freitags Erstaunen und Erschrekken vor! Er stürzte, als wär er selbst getroffen zu Boden, weil ihm plözlich sein alter Aberglaube an den Toupan oder Donnerer wieder einfiel, für den er in dem ersten augenblicke des Schrekkens seinen Herrn selbst hielt. Er fiel, wie gesagt, zu Boden; dan legt' er sich auf die Knie und strekte seine zitternden hände gegen Robinson aus, als wenn er ihn um Gnade bitten wolte. Reden kont' er nicht.

Robinson war weit entfernt, mit irgend etwas, was die Religion betrift, Spass treiben zu können. Es war ihm daher, sobald er Freitags Gedanken vermutete, augenbliklich leid, ihn nicht vorher über das, was er tun wolte, belehrt zu haben; und er eilte, diesen Fehler wieder gut zu machen. Er hob den zitternden Freitag liebreich auf, umarmte ihn, bat ihn, sich nicht zu fürchten, und sezte hinzu: er wolte ihn gleich auch lehren, einen solchen Bliz und Donnerschlag hervorzubringen, womit es ganz natürlich zuginge. Dan zeigt' er ihm die Einrichtung der Flinte, beschrieb ihm die Beschaffenheit und wirkung des