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ging die Reise fort, und ehe eine halbe Stunde verstrich, waren sie schon an Ort und Stelle.

Wie schlug unserm Robinson das Herz, da ihm das grosse Europäische schiff vor Augen stand! Es fehlte nicht viel, so hätt' er die Wand desselben geküsst, so wert macht' es ihm der Umstand, dass es aus seinem vaterland gekommen, von Europäern erbauet, von Europäern hierher geführt war!

Aber ach! diese lieben Europäer selbst waren verschwunden! Waren vielleicht vom Meere verschlungen worden! Wie zerriss dieser traurige Gedanke das Herz des armen Robinsons, der gern die Hälfte seines noch künftigen Lebens dahin gegeben hätte, wenn er damit die verschwundene Manschaft des Schiffes wieder hätte herbei schaffen und mit ihnen nach Europa segeln können! Aber das war nun einmal unmöglich; es blieb ihm also nichts übrig, als von der Ladung des Schiffes so viel zu retten, als er konte, um es zu seiner grösseren Bequemlichkeit anzuwenden.

Gotlieb. Ja, durft' er denn aber etwas von den Sachen nehmen, die nicht sein waren?

Vater. Was meinst du, Johannes? Durft' er?

Johannes. Ja, er durfte sie wohl aus dem Schiffe heraus nehmen und ans Land bringen; aber wenn die Leute sich wieder einfanden: so must' er sie ihnen wieder geben.

Vater. Richtig! Denn nahm er die Sachen nicht heraus, so wurden sie nach und nach ein Raub der Wellen. Deswegen kont' er auch mit gutem Gewissen sich so gleich dasjenige davon zu eignen, was ihm an unentbehrlichsten war, und es den Leuten, wenn sie jemahls wiederkämen, für die Mühe und Arbeit anrechnen, die er auf die Rettung des Schifguts verwandt hatte.

Was überhaupt die gestrandeten Schiffe betrift: so sind die Menschen in einigen gesitteten Ländern darin übereingekommen, dass die geretteten Sachen jedesmahl in drei Porzionen geteilt werden. Die Eine davon kriegen die vorigen Besizer wieder, wenn sie noch leben, oder ihre Erben, wenn sie tot sind; die Andere wird denjenigen zuerkant, welche diese Sachen gerettet haben, und die Dritte fält dem Landesherrn zu.

Nikolas. Dem Landesherrn? Warum kriegt denn der was davon ab?

Vater. Das ist nun so eine Fragedie ich euch jetzt wohl nicht gut werde beantworten können. Indess etwas kan ich euch doch darüber sagen, was euch schon jetzt begreiflich sein wird. Seht, Kinder, der König, oder der Fürst, oder wie der Landesherr sonst heissen mag, hält auf den Küsten gewisse Leute, die dahin sehen müssen, dass von einem solchen gestrandeten Schiffe nichts geraubt, sondern alles, was gerettet werden kan, hübsch an einen sichern Ort gebracht werde. Geschähe dieses nicht, so würde der Kaufman, dem die Ladung des Schiffes gehörte, wohl selten etwas davon wieder kriegen, weil die Sachen entweder verderben, oder gestohlen werden würden. Nun kostet es aber dem Landesherrn sein Geld, solche Leute, die darnach sehen müssen, zu unterhalten. Es ist also billig, dass dieses von denen wieder erstattet werde, denen diese heilsame Anordnung zu Gute komt. Deswegen hat man also festgesezt, dass der dritte teil der geborgenen Sachen (so pflegt man sie nämlich zu nennen) jedesmahl dem Herrn des Strandes zufallen solle; und diese einmal festgesezte Anordnung nent man das Strandrecht.

Diesem zufolge hatte Robinson das Recht, von allen Sachen, die er aus dem gestrandeten Schiffe retten konte, gleich zwei Drittel als sein rechtmässiges Eigentum zu gebrauchen, wozu sie gut waren.

Johannes. Zwei Drittel?

Vater. Ja; eins für Mühe und Arbeit, das Andere als einziger rechtmässiger Herr der Insel, bei welcher der Schifbruch sich ereignet hatte.

Diderich. Ja, wer hatte ihn denn aber zum Herrn der Insel gemacht?

Vater. Die gesunde Vernunft. Ein Stük Landes, das bisher noch gar keinen Herrn gehabt hat, gehört natürlicher Weise dem zu, der es zuerst in Besiz nimt. Und das war hier der Fal.

Der erste Wunsch, der in Robinsons Sele erwachte, da er sich von der starken Empfindung der Freude über den anblick eines Europäischen Schiffes erhohlt hatte, war dieser, dass das schiff noch unbeschädigt sein, und wieder flot werden mögte. In diesem Falle war er fest entschlossen, sich mit Freitag darauf zu sezen, und, wo nicht nach Europa selbst, doch nach irgend einem europäischen Pflanzorte in Amerika zu segeln; so gefährlich es auch immer sein mögte, sich mit einem grossen unbemanten Schiffe, und ohne die nötigen Kentnisse von der Schiffart zu haben, auf das offenbare Meer zu wagen. Er fuhr also auf dem Flössholze rund um das schiff herum, um den Grund des Meeres zu untersuchen; und da fand er denn bald zu seiner wahren Betrübniss, dass an kein Flotwerden desselben zu denken sei.

Der Sturm hatte nämlich das schiff grade zwischen zwei Felsen geworfen, von denen es nun so zusammengeklemt wurde, dass es weder rük- noch vorwärts bewegt werden konte. Hier must' es also so lange stekken bleiben, bis die anschlagenden Wellen es nach und nach zertrümmern würden. Nachdem diese hoffnung also vereitelt war, eilte Robinson, an Bord des Schiffes zu steigen, um zu sehen, worin die Ladung desselben bestehe, und ob diese auch noch unverdorben sei. Dem guten Freitag war der Schrekken von ehegestern noch so gegenwärtig, dass er sich kaum entschliessen konte, seinen Herrn auf das Verdek des Schiffes zu begleiten. Er tat es jedoch, wiewohl