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Schifskapitain, noch sechs Guineen dazu leihen. dafür können sie schon so viel Waren einkaufen, als hinreichend sein werden, um in Guinea ein reicher Man zu werden, wenn uns das Glück ein bischen günstig sein wird

»Und was sollte ich denn dafür einkaufenfragte Robinson.

Der Kapitain antwortete: »lauter Kleinigkeiten, – allerlei Spielzeug, Glaskorallen, Messer, Scheeren, Beile, Bänder, Flinten u. s. w. – woran die Schwarzen in Afrika so viel Vergnügen finden, dass sie ihnen hundertmahl mehr an Gold, Elfenbein und andern Sachen dafür geben werden, als sie wert sind

Robinson konte nun sich länger nicht mehr halten. Er vergass Eltern, Freunde und Vaterland und rief freudig aus: »ich fahre mit, Herr Kapitain!« »Topantwortete dieser; und so schlugen sie sich einander in die hände, und die Reise war beschlossen.

Johannes. Na, nu will ich auch gar kein Mitleid mehr haben mit dem dummen Robinson, und wenn's ihm auch noch so unglücklich geht!

Vater. Kein Mitleid, Johannes?

Johannes. Nein, Vater; warum ist er so dum, und vergisst schon wieder, was er seinen Eltern schuldig ist. dafür muss ja wohl der liebe Gott es ihm wieder schlim gehen lassen

Vater. Und scheint dir ein so unglücklicher Mensch, der seiner Eltern vergessen kan, und den der gute liebe Gott erst durch Strafen bessern muss, kein Mitleid zu verdienen? Freilich ist er selbst Schuld an allem, was ihm nun begegnen wird: aber ist er nicht um desto unglücklicher? O mein Sohn, Gott bewahre dich und uns alle, vor dem schreklichsten unter allen Leiden, welches darin besteht, dass man fühlt, man habe sich selbst elend gemacht! Aber wo wir von einem solchen Unglücklichen hören, da wollen wir bedenken, dass er unser Bruder, unser armer verirter Bruder sei, und eine Träne des Mitleids und der brüderlichen Fürbitte für ihn gegen Himmel weinen.

Alle schwiegen einige augenblicke; dan fuhr der Vater folgendermassen fort:

Robinson eilte nun mit seinen neun Guineen in die Stadt, kaufte dafür ein, was der Schifskapitain ihm geraten hatte und liess es an Bord bringen.

Nach einigen Tagen, da ein guter Wind sich erhob, liess der Kapitain die Anker lichten und so gingen sie unter Segel.

Diederich. Wo mussten sie denn eigentlich hinsegeln, um nach Guinea zu kommen?

Vater. Du hast deine kleinen Charten bei dir; kom, ich will dir's zeigen! Siehst du, von London fahren sie hier die Temse hinunter bis in die Nordsee; dan steuern sie gegen Abend durch die Meerenge bei Calais in den Kanal. Aus diesem kommen sie in das grosse atlantische Weltmeer, worauf sie dan immer weiter fortsegeln, hier bei den Canarischen Inseln und da bei den Inseln des grünen Vorgebirges vorbei, bis sie endlich hier unten an dieser Küste landen, welche Guinea ist.

Diederich. Wo werden sie denn eigentlich landen?

Vater. Vielleicht da, bei Capo Corso, welches den Engländern gehört.

Mutter. Aber es wird wohl Zeit sein, dass wir auch unter Segel gehen und dem Tische zusteuern. Die Sonne ist schon lange untergegangen.

Gotlieb. Ich bin noch gar nicht hungrig.

Lotte. Ich mögte auch lieber noch zuhören.

Vater. Morgen, morgen, Kinder, wollen wir hören, wie's dem Robinson weiter gegangen ist. jetzt zu Tische!

Alle. Zu Tische! zu Tische! zu Tische!

Zweiter Abend.

Am andern Abend, da die ganze Geselschaft sich an eben demselben Orte wiederum gelagert hatte, fuhr der Vater in seiner Erzälung folgendermassen fort.

Die neue Fart unsers Robinsons gierig anfangs wieder sehr glücklich von statten. Schon waren sie, ohne die mindeste Widerwärtigkeit, durch die Meerenge bei Calais und durch den Kanal gesegelt, und nun befanden sie sich mitten auf dem atlantischen Weltmeere. Hier hatten sie viele Tage hinter einander so widrigen Wind, dass sie immer weiter gegen Amerika zugetrieben wurden.

Seht, Kinder, ich habe eine grosse Charte mitgebracht, auf der ihr besser, als auf einer kleinen sehen könt, wohin das schiff eigentlich segeln sollte und wohin es von dem Winde wirklich getrieben ward. Hier, immer so hinunter, wolten sie eigentlich fahren, aber weil der Wind ihnen halb entgegen, und halb von der Seite kam: so wurden sie wider ihren Willen dortin verschlagen, wo ihr Amerika liegen seht. Ich will die Charte hier hinstellen, dass wir im Notfal sie im gesicht haben.

Eines Abends zeigte der Steuermann an, dass er in einer weiten Entfernung Feuer erblikke, und dass er eben daher auch einige Kanonenschüsse gehört hätte. Alle liefen auf das Verdek, sahen das entfernte Feuer, und hörten gleichfalls noch verschiedene Kanonenschüsse. Der Schifskapitain sah genau auf seiner Seecharte nach, und fand, dass wohl auf hundert Meilen weit kein Land sei; und alle waren daher der Meinung, dass dieses Feuer nichts anders sein könne, als ein in Brand geratenes schiff.

Man beschloss den augenblick, den unglücklichen Leuten zu hülfe zu eilen, und steuerte dahin. Bald darauf konnten sie deutlich sehen, dass ihre Mutmassung gegründet gewesen sei: denn sie erblikten nun wirklich ein grosses schiff, welches ganz in Flammen stand.

Der Schifskapitain liess sogleich fünf Kanonen abbrennen, um den armen Notleidenden ein Zeichen zu geben, dass ein schiff in der Nähe sei, welches