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dass das gehörnte Ungeheuer nichts anders, als eine Ziege wäre, und er schloss aus allen übrigen Umständen, dass das schiff gestrandet sei, und dass die darauf befindliche Manschaft sich in die Böte gerettet und das schiff verlassen habe. Aber wo diese mögten geblieben sein, das war ihm unerklärlich. Hätten sie auf seine Insel sich gerettet; so müsten sie ja, aller Wahrscheinlichkeit nach, an demselben Orte gelandet sein, wo er mit Freitag sich jetzt selbst befand: aber da war nichts von ihnen zu hören oder zu sehen. Wären sie aber in den Böten verunglückt: so müste man ja wohl ihre Leichname und die Böte an den Strand getrieben finden. Endlich erinnerte er sich des Umstandes, dass der Wind während des Ungewitters sich plözlich gedrehet und östlich geworden sei, da er anfangs westlich war. Dies schien ihm das ganze geheimnis zu erklären.

Gewiss, dachte' er, sind die Leute, da sie in die Böte gesprungen waren, durch den plözlich entstandenen Ostwind abgehalten worden, unsere Küste zu erreichen. Der Sturm hat sie nach Westen getrieben, und da sind sie entweder auf der Fahrt verunglücktvielleicht auf den Meerstrom geratenoder an irgend eine westliche Insel getrieben worden. Gott gebe das letzte seufzt' er; und teilte Freitag seine Mutmassung mit, der sie gleichfalls wahrscheinlich fand.

Aber was ist nun zu tun? fragte Robinson. Die Leute mögen nun entweder tot oder noch lebendig und nur verschlagen sein: so können wir in beiden Fällen nichts Besseres tun, als dass wir von dem Schiffe so viel Sachen zu retten suchen, als uns möglich sein wird. Aber wie? da wir keinen Kahn mehr haben! Hier empfand er selbst den Verlust des Kahns beinahe eben so schmerzlich, als Freitag es vorher getan hatte. Er zerrieb sich die Stirn, um ein Mittel ausfindig zu machen, den Verlust desselben zu ersezen; aber er konte lange keins finden. Einen andern Kahn zu zimmern, würde zu viel Zeit gekostet haben. Hinzuschwimmen getraut' er sich nicht, weil es viel zu weit war: und dan was hätt' er im Schwimmen auch eben fortbringen können?

Johannes. Ich weiss wohl, was ich gemacht hätte?

Vater. Nun, was denn?

Johannes. Ein Flössholz.

Vater. Grade eben dasselbe fiel unserm Robinson zulezt auch ein! Ein Flössholz, dachte' er, wird noch am geschwindesten gemacht werden können

Frizchen. Was ist denn das ein Flössholz?

Johannes. Hast du nicht gesehen, da wir neulich nach dem Jagdschiffe fuhren, da lagen ja da auf der Elbe bei dem Teichtore eine Menge solcher Flösshölzer?

Frizchen. Ach ja, so ein Haufen Balken, die an einander gebunden sind, dass man ordentlich darauf stehen und fahren kan, als wenn's ein schiff wäre?

Vater. Ganz recht! Ein solches Flössholz also wolte Robinson machen, um damit nach dem grossen Schiffe zu fahren und so viele Sachen daraus abzuholen, als sie nur könnten. Er beredete sich darauf mit Freitag, dass einer von ihnen nach haus laufen sollte, um auf einen ganzen Tag Speise, nebst allen vorrätigen Strikken und was sie von Handwerkszeuge hatten, herzuholen; und weil Freitag am hurtigsten auf den Füssen war: so wurde dieser hingesandt und Robinson blieb zurück, um unterdessen Bäume zu dem Flössholze zu fällen.

Es wurde beinahe Abend ehe Freitag zurück kam. Robinson hatte unterdessen seine herzliche Freude an dem Pudel, der ihm, als ein europäischer Landsman überaus lieb und wert war. Auch der Pudel schien sich über ihn zu freuen und machte ihm ungeheissen allerlei Künste vor, die er gelernt hatte. Robinson gab ihm bei Freitags Zurükkunft von dem herbei gebrachten Essen die erste Porzion, ungeachtet er selbst den ganzen Tag über nichts genossen hatte.

Da es zum Glück eine mondhelle Nacht war; so arbeiteten beide unaufhörlich fort, bis nach Mitternacht. Dan stelte sich aber auch das Bedürfniss des Schlafes so dringend ein, dass sie ihm ohnmöglich länger widerstehen konnten.

Nikolas. Das glaube' ich, sie hatten auch die ganze vorige Nacht gewacht!

Diderich. Und waren heute so sehr gelaufen; besonders Freitag!

Vater. Sie strekten sich also ins Grüne und überliessen es dem Pudel, sie zu bewachen. Der Pudel legte sich zu ihren Füssen und so genossen sie der Wohltat eines sanften und erquikkenden Schlummers, bis die Morgenröte hervorbrach.

drei und zwanzigster Abend.

Vater. Der anbrechende Morgen hatte kaum den untersten Rand des östlichen himmels gerötet: als der muntre Robinson seinen gefährten wekte, um das Werk zu vollenden, welches sie gestern angefangen hatten. Sie arbeiteten den ganzen Tag über so unverdrossen, dass sie noch denselben Abend mit dem Flössholze zu stand kamen.

Sie hatten eine doppelte Reihe von Balken, teils durch Strikke, teils durch biegsame und zähe Gerten von indianischen Weiden so fest an einander gebunden, dass sie ein völlig sichres Fahrzeug abgaben, welches ungefähr zwanzig Fuss lang und fast eben so breit war. Auch hatten sie die Vorsichtigkeit gehabt es dicht am Strande und auf Walzen zu erbauen, um es ohne Zeitverlust und ohne grosse Mühe gleich aufs wasser bringen zu können.

Zum Glück traf mit dem Anbruch des nächsten Morgens grade die Zeit der Ebbe ein. Sie säumten also keinen augenblick, das Flösholz vom Strande hinab zu rollen, um mit dem wasser, welches vom Ufer sich in das Meer zurück zog, wie auf einem Strome, nach dem gestrandeten Schiffe hin zu fahren. jetzt