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Robinson, der durch eigenes Unglück gelernt hatte, einem Unglücklichen nach zu empfinden, hatte Mitleid mit seinem Jammer, und suchte durch sanfte freundschaftliche Vorstellungen ihn zur Vernunft wieder zurück zu bringen. »Wer weiss, sagt' er unter andern zu ihm, wozu es uns gut sein mag, den Kahn verloren zu haben? Wer weiss, was der Sturm, der Schuld daran ist, uns oder andern Menschen für grosse Vorteile mag gestiftet haben?« – »Schöne Vorteile! antwortete Freitag in einem etwas bittern Tone; den Kahn hat er uns genommen; das ist alles!« – »Also, erwiderte Robinson, weil du und ich mit unsern kurzsichtigen Augen keine andere wirkung des Sturms, als die Wegführung des Kahns, wahrnehmen; so glaubst du, dass auch Gott, der Alweise, keine andere Ursache, ihn zuschikken, gehabt habe? Unverständiger, wie kanst du dich erkühnen, die Absichten des grossen Gottes beurteilen zu wollen

»Ja, aber was könt' er denn auch wohl für Nuzen für uns gehabt habenfragte Freitag. »Must du mich darum fragen? antworte Robinson. Bin ich allwissend, um die Absichten des Weltregenten verstehen zu können? Vermuten kann ich freilich dies und das: aber wer sagt mir, ob ich's getroffen habe? Vielleicht hatten auf unserer Insel sich so viele ungesunde Dünste gesammelt, dass ein Sturmwind nötig war, um sie zu zerstreuen, wenn wir beide nicht krank werden, oder sterben sollten! Vielleicht hätte der Kahn, wär' er geblieben, uns ins Verderben geführt! VielleichtDoch wozu alle diese vielleichts, da es uns genug sein muss, zu wissen, dass Gott es sei, der dem Sturmwinde gebietet, und dass dieser Gott ein weiser, und gütiger Vater aller seiner Geschöpfe sei

Freitag ging in sich; er bereuete seinen Unverstand, und ergab sich in den Willen der Vorsehung. Robinsons Blikke irreten unterdessen auf der weiten Fläche des Ozeans herum, ob er nicht vielleicht irgend wo ein schiff wahrnehmen mögte? Aber umsonst! Es war nirgends eins zu sehen. Er sah also, dass er sich geirret haben müsse, und dass der gehörte wiederholte Knal, dem er für Kanonenschüsse gehalten hatte, nichts anders, als der Donner, könne gewesen sein. Traurig über die Vereitelung einer so lieben hoffnung, ging er wieder zu haus.

Aber zu haus hatte' er nicht Ruhe, nicht Rast, weil ihm immer ein schiff vor den Augen stand, das bei seiner Insel vor Anker lag. Er kletterte also wieder auf den Berg, von wannen er die westliche Küste übersehen konte. aber auch von da aus kont' er nicht entdekken, was der süsse Traum ihm vorgespiegelt hatte. Auch damit noch nicht zufrieden, und noch immer unruhig, rant' er nach einem andern Berge, der viel höher, als dieser, war, um von da nach der östlichen Küste der Insel hinzusehen. In einem Hui! hatte' er ihn erstiegen; und da er nun oben war, und nach der Morgenseite hinblikteHimmel! welch freudiges Erschrekken bemächtigte sich da plözlich seiner ganzen Sele, als er sahdass er sich doch nicht betrogen habe!

Alle. Oh!

Vater. Er sah ein schiff, und zwar, der weiten Entfernung ungeachtet, so deutlich, dass er gar nicht zweifeln konte, es sei wirklich eins, und noch dazu ein recht grosses. Ueberhebet mich, Kinder, der vergeblichen Mühe, euch seine Freude, sein unaussprechliches Entzükken zu beschreiben. Atemlos rant' er zurück nach seiner Burg; ergrif seine Waffen und konte zu Freitag, der ihn vol Verwunderung anstaunte, weiter nichts sagen, als: sie sind da! Geschwind! Geschwind! und so, wie der Wind, die Strikleiter wieder hinauf und davon, als wenn er Flügel hätte.

Freitag schloss aus der Verwirrung, aus der Eilfertigkeit, und aus den abgebrochnen Worten seines Herrn, dass die Wilden da wären. Er ergrif also gleichfalls seine Waffen, und lief mit nicht geringerer Geschwindigkeit hinter ihm drein.

über zwei starke Meilen mussten sie laufen, bevor sie an die Stelle des Strandes kamen, der gegen über das schiff vor Anker zu liegen schien. Und hier war es, wo Freitag erst erfuhr, wovon denn eigentlich die Rede sei. Robinson zeigte ihm das ferne schiff, worüber er denn gar grosse Augen machte, weil er der Entfernung ungeachtet, wohl sehen konte, dass es hundert mahl grösser sei, als das grösste, welches er jemahls gesehen hatte.

Robinson wuste gar nicht, was er vor Freude alles angeben sollte. Bald sprang er, bald jauchzt' er, bald fiel er seinem Freitag in die arme und bat ihn, mit hellen Freudentränen in den Augen, dass er sich doch auch freuen mögte! Nun ging' es nach Europa; nun nach Hamburg! Da solt' er einmal sehen, wie man in Hamburg lebte! Was für Häuser da die Menschen bauen könnten! Wie bequem, wie ruhig, wie angenehm man da sein Leben hinbrächte! – Der Strom seiner Worte war unerschöpflich. Ich glaube, er würde bis Morgen ununterbrochen fortgeredet haben; wenn er sich nicht auf einmal besonnen hätte, dass es törigt wäre, die Zeit mit unnüzen Worten hinzubringen, und dass er vor allen Dingen suchen müsse, sich den Leuten auf dem Schiffe zu erkennen zu geben. – Aber wie nun? Das war die