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Kohlen gebrant; das Loch war durch und durch erhizt und die Steine waren glühend geworden. Er warf darauf in der grössten Geschwindigkeit diese Steine nebst den Kohlen aus dem Loche hinaus; legte dan einige der heissgemachten Steine auf den Boden des Lochs und bedekte sie mit grünen Kokusblättern. Auf diese legt' er das Lama, bedekt' es abermals mit Blättern und pakte die übrigen heissen Steine darauf. Dan schüttete er das ganze Loch mit Erde zu.

Nach einigen Stunden ward das Loch wieder geöfnet und das Lama heraus genommen. Robinson, der ein Stükchen davon kostete, muste gestehen, dass es weit mürber, saftiger, und wohlschmekkender sei, als wenn's am Spiesse wäre gebraten worden; und er nahm sich daher vor, künftig immer so zu verfahren.

Johannes. Eben so machen's ja auch die Otahiter, wenn sie ihre Hunde braten?

Vater. Das tun sie auch.

Gotlieb. Ihre Hunde? Essen die denn Hundefleisch.

Johannes. Ja wohl! Wir haben's vorigen Winter ja gelesen; und die Engländer, die mit davon assen, gestanden, dass es sehr gut schmekke.

Einige. Fi!

Vater. Ihr müsst nur wissen, dass die dortigen Hunde auch eine ganz andere Lebensart, als die Unsrigen, führen. Sie fressen kein Fleisch, sondern leben bloss von Früchten. Da mag denn ihr Fleisch auch wohl ganz anders schmekken, als das Fleisch der Unsrigen schmekken würde.

Nun, Kinder, alle Vorbereitungen zu der beschlossenen Reise waren jetzt gemacht. Wir wollen also unsere beiden Wanderer erst ausschlafen lassen, und dan sehen, was es morgen geben wird.

Alle. Oh!

Zwei und zwanzigster Abend.

Vater. Robinson und Freitag mogten kaum eine Stunde geschlafen haben, als der erste durch ein heftiges Gewitter, welches unterdessen entstanden war, plözlich wieder gewekt wurde. Der Sturmwind heulte fürchterlich, und der Donner krachte, dass die Erde davon erbitterte. »Hörst du, Freitagfragte Robinson, indem er seinen Schlafkammeraden anstiess.

»Au weh! antwortete dieser; wenn uns das auf dem Meere getroffen hätteEr hatte dieses kaum gesagt, als sie auf einmal einen Knal hörten, der einem fernen Kanonenschusse ähnlich war.

Freitag meinte, es sei der Donner; Robinson hingegen glaubte steif und fest, einen Kanonenschuss gehört zu haben, und geriet darüber in die freudigste Bestürzung. Er sprang eiligst vom Lager auf, lief nach der Küche und befahl Freitag, ihm zu folgen. Hier ergrif er einen glühenden Feuerbrand, und kletterte damit die Strikleiter hinauf. Freitag tat ein Gleiches, ohne zu wissen, was seines Herrn Absicht sei.

Auf dem Gipfel des berges machte Robinson in grösster Geschwindigkeit ein grosses Feuer an, um den Notleidenden ein Zeichen zu geben, dass sie hier bei ihm einen sichern Zufluchtsort finden könnten. Er glaubte nämlich, dass irgend ein schiff in der Nähe sei, welches in Gefahr wäre, und deswegen einen Notschuss getan habe. Aber kaum loderte die Flamme auf, als ein so entsezlicher Regenguss herabstürzte, dass das Feuer augenbliklich wieder ausgelöscht wurde. Robinson und Freitag mussten sich in ihre Höhle retten, um nicht fortgeschwemt zu werden.

Nun wütete der Sturm, nun rasselte der Plazregen, nun krachte der Donner mit unbeschreiblicher Heftigkeit. Es erfolgte Schlag auf Schlag, und ungeachtet Robinson sich einbildete, unter durch von Zeit zu Zeit noch mehr Kanonenschüsse zu hören: so war er doch zulezt selbst zweifelhaft, ob's nicht vielleicht bloss der Donner gewesen sei? Dem ungeachtet hing er die ganze Nacht hindurch dem süssen Gedanken nach, dass ein schiff zu seiner Erlösung in der Nähe sei; dass dieses vielleicht der Gefahr, worin es sich jetzt befinde, glücklich entkommen, und ihn, nebst seinem treuen Freitag, nach Europa führen würde. Zehnmahl versucht' er, ein neues Feuer anzulegen, aber der unaufhörliche Regen löschte jedesmahl es wieder aus. Es blieb ihm also weiter nichts übrig, als für die Unglücklichen zu beten; und das tat er mit der grössten Innigkeit.

Gotlieb. Fürchtet er sich denn jetzt nicht mehr so vor dem Gewitter, wie er sonst tat?

Vater. Du siehst, dass diese törichte Furcht ihn jetzt auch verlassen haben muss; und woher wohl das?

Johannes. Weil er jetzt kein böses Gewissen mehr hat.

Vater. Richtig! und dan auch wohl deswegen, weil er jetzt vollkommen überzeugt ist, dass Gott ein Gott der Liebe sei, und dass also denen, die from sind und recht tun, nichts begegnen kan, das nicht am Ende zu ihrem wahren Besten gereichte. –

Erst mit Anbruch des Tages legte sich das Ungewitter; und Robinson rante, von Freitag begleitet, zwischen Furcht und hoffnung nach dem Strande, um zu sehen, ob er recht gehört habe, oder nicht? Aber das Erste, was sich ihnen daselbst zeigte, war für beide äusserst traurig, besonders für den armen Freitag. Der Sturm hatte nämlich ihren Kahn losgerissen, und in das weite Weltmeer fortgeschleudert. Es war recht kläglich anzusehen, wie Freitag sich gebehrdete, da er die schöne hoffnung, mit seinem Vater vereinigt zu werden, so auf einmal zernichtet sah! Er ward todtenblass, stand eine Zeitlang ganz sprachlos, die starren Blikke zur Erde geheftet und schien mit seiner ganzen Sele abwesend zu sein. Dan brach er in einen Strom von Tränen aus, rang die hände, zerschlug sich die Brust, und zerraufte sich das Haar.