die Augen wischen. Beide beobachteten eine Zeitlang ein rührendes Stilschweigen.
Robinson. Sei gutes Muts, Freitag! Dein Vater wird noch leben, und wenn es Gottes Wille ist: so wollen wir nächstens hinüber fahren und ihn zu uns hohlen.
Nun das war zu viel Freude für den armen Freitag! laut heulend sprang er auf, warf sich über Robinsons Knie hin, klammerte sich fest daran und konte vor Schluchzen kein Wort sprechen.
»Kinder! rief hier die Mutter aus, welch ein Beispiel von Elternliebe an einem Wilden! An einem Wilden, der seinem Vater keine Erziehung, keinen Unterricht, nur das blosse Leben, und noch dazu ein recht armseliges Leben zu verdanken hatte!«
So gewiss, fügte der Vater hinzu, hat Gott die Liebe und Dankbarkeit gegen Eltern allen Menschen ins Herz gelegt! Und welch ein Ungeheuer müste also nicht der sein – wenn es unter uns gesitteten Menschen einen solchen gäbe – der diesen angebohrnen Trieb bei sich erstikte, und gegen seine Eltern gleichgültig werden, ihnen wohl gar Kummer und Betrübniss verursachen könnte! Soltet ihr je einen solchen Unmenschen antreffen: o so verweilet nicht mit ihm unter einen dach; flieht ihn, als eine Pest der Geselschaft, als einen solchen, der auch jeder andern Unmenschlichkeit gleichfalls fähig ist, und dem die gerechten Strafgerichte Gottes auf dem fuss nacheilen! –
Nachdem Freitag sich einiger massen erhohlt hatte, fragte Robinson, ob er denn auch wohl der Fahrt nach seiner Heimat so völlig kundig wäre, dass sie nicht abermals ein ähnliches Unglück, als ihr gestriges, zu besorgen hätten? und Freitag beteuerte, dass das Fahrwasser dahin ihm so bekant wäre, dass er zur Nachtzeit dahin zu schiffen sich getraue, weil er sich oft mit dabei befunden hätte, wenn seine Landsleute herüber geschift wären, um hier ihre Siegesfeste zu feiern.
Robinson. Also bist du oft mit dabei gewesen, wenn man Menschen schlachtete?
Freitag. O ja!
Robinson. Und hast sie mit verzehren helfen?
Freitag. Leider! Ich wuste ja noch nicht, dass das was Böses sei!
Robinson. An welcher Stelle unserer Insel pflegtet ihr dan zulanden?
Freitag. Allemahl an der südlichen Küste, weil uns diese die nächste war, und weil es da Kokusbäume gibt.
Robinson sah hieraus noch deutlicher ein, wie viel Ursache er habe, Gott zu danken, dass er ihn an der nördlichen Seite der Insel, und nicht an der südlichen hatte Schifbruch leiden lassen, weil er im lezten Falle gewiss in kurzer Zeit ein Raub der Wilden würde geworden sein. Er wiederhohlte hierauf das für Freitag so angenehme Versprechen, dass er in kurzem mit ihm hinüber fahren wolte, um seinen Vater abzuholen. Für jetzt liesse sich's noch nicht tun, weil die Gartenarbeiten, zu denen es eben Zeit war, ihre Gegenwart erfoderten.
Zu diesen ward also gleich geschritten. Robinson und Freitag gruben um die Wette und in den Ruhestunden waren sie darauf bedacht, sich immer brauchbarere Werkzeuge zu machen. Robinson, dessen Erfindungskraft und Geduld gleich unerschöpflich waren, kam so gar damit zu stand, eine Harke zu verfertigen, ungeachtet er die Löcher, zu den Zähnen mit einem spizigen Steine – ihr könt denken wie langsam! ausboren muste. Freitag hingegen schnizte nach und nach mit einem steinernen Messer zwei Spaten aus so hartem Holze, dass sie ihnen beinahe dieselben Dienste leisteten, als wenn sie von Eisen gewesen wären.
Und nun begnügte sich Robinson nicht mehr damit, bloss für die allernötigsten Bedürfnisse zu sorgen: sondern er fing auch nach und nach an, auf eine Verschönerung seines Aufentalts zu denken. Und so, Kinder, ist es immer in der Welt gegangen. So lange die Menschen noch alle ihre Gedanken auf die Erwerbung ihres Unterhalts und auf die Sicherheit ihres Lebens richten mussten, fiels ihnen gar nicht ein, sich auf diejenigen Künste zu legen, welche nur dazu dienen, die Gegenstände um uns her zu verschönern, und unserer Sele feinere Vergnügungen zu verschaffen, als die bloss tierischen Vergnügungen der Sinne sind. Aber kaum war für Nahrungsmittel und für Sicherheit hinlänglich gesorgt, so fingen sie auch an, das Schöne mit dem Nüzlichen, das Angenehme mit dem Notwendigen verbinden zu wollen. So entstanden dan die eigentliche Baukunst, die Mahlerei, die Bildhauerkunst, die Tonkunst, und alle die übrigen künstlichen Geschiklichkeiten, welche unter dem Nahmen der schönen Künste begriffen werden.
Robinson fing mit der Verbesserung und Verschönerung des Gartenwesens an. Er teilte seinen Garten nach einem ordentlichen Plane in regelmässige Felder ein; durchschnit diese Felder mit schnurgraden Wegen, legte lebendige Hekken, Lauben und Alleen an; bestimte den einen Plaz zum Blumengarten, den andern zum Küchengarten und einen dritten zum Obstgarten. In diesen leztern pflanzt' er alles, was er von jungen Zitronenbäumen auf der Insel finden konte, nebst einer Menge anderer junger Bäume, auf die er Kokusreiser pfropfte. Bei dieser lezten Arbeit machte Freitag besonders grosse Augen, weil er gar nicht begreifen konte, wozu das sollte, bis ihm Robinson das Verständniss darüber öfnete.
jetzt pflanzten sie Kartoffeln und Maiz in grosser Menge und weil der Akker vielleicht von Erschaffung der Welt her brach gelegen hatte; so wuchs das Gepflanzte bald zu einer sehr geseegneten Erndte auf.
Unter durch stellten sie auch Fischereien an, weil Freitag wie ich erzählt habe, in der lezten Regenzeit die Neze dazu verfertiget hatte. Sie fingen jedesmahl weit mehr, als sie brauchen konnten, und warfen daher die Ueberflüssigen wieder ins Meer.