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der Kahn einen so heftigen Stoss empfing, dass beide Ruderer von ihren Sizen herab der Länge nach auf den Schifsboden hinstürzten. In dem augenblicke stand der Kahn selbst stille und die Wellen fingen an, über Bord zu schlagen.

Mutter. Ja, Kinder, so gern ich auch, so wie ihr, auf das Abendessen Verzicht täte, wenn wir unsern armen Freund dadurch retten könnten: so müssen wir doch jetzt aufbrechen. Das Essen wartet auf uns, schon zweimahl hat Hanchen gerufen.

Alle. Oh!

Ein und zwanzigster Abend.

Einige zugleich. O nur geschwind, lieber Vater, dass wir nur erst hören, was aus dem armen Robinson geworden sei!

Vater. Eben, da er sich für gerettet hielt, stürzt' er, wie wir gehört haben, in ein neues Unglück, welches leicht noch grösser werden konte, als dasjenige, dem sie so eben erst entgangen waren. Der Kahn sass plözlich fest und die Wellen fingen an, über Bord zu schlagen. War nun dasjenige, wovon das schiff festgehalten wurde, eine Felsenspize: so war es aller Wahrscheinlichkeit nach, um sie geschehen!

Robinson untersuchte, so geschwind als möglich, mit dem Ruder den Grund im wasser, und da er ihn rund um das schiff herum fest und das wasser nicht über eine halbe Elle tief fand: so besan er sich keinen augenblick, sondern sprang über Bord. Freitag folgte seinem Beispiel und beide fanden zu ihrem grossen Troste, dass es nur eine Sandbank und kein Felsen sei, worauf sie geraten waren.

Beide strengten darauf alle ihre Kräfte an, um den Kahn wieder zurück ins tiefere wasser zu schieben. Es glückte ihnen; das schiff ward flot, und beide sprangen wieder hinein.

Lotte. Nun wird der arme Robinson gewiss den Schnupfen kriegen, weil er sich die Füsse nass gemacht hat!

Vater. Liebe Lotte, wenn man durch eine arbeitsame und natürliche Lebensart sich erst so abgehärtet hat, als Robinson: so pflegt man von einer solchen Kleinigkeit den Schnupfen nicht mehr zu kriegen. Sei deswegen nur unbesorgt!

Nachdem sie das eingesprüzte wasser, so gut es mit den Rudern gehen wolte, wieder ausgeworfen hatten, beschlossen sie, vorsichtiger zu Werke zu gehen und ohne Segel zu fahren, damit sie die Lenkung des Schiffes besser in ihrer Gewalt hätten. So ruderten sie also längst der Sandbank hin, in der hoffnung, dass sie bald ein Ende nehmen werde. Aber sie mussten wohl erst vier gute Stunden schiffen, ehe diese hoffnung erfült ward: so weit lief die Bank von Norden nach Süden hin. Robinson merkte, dass sie sich bis in diejenige Gegend des Meeres hin erstrekke, wo er vor neun Jahren Schifbruch gelitten hatte, und dass es also eben dieselbe sei, auf welcher das schiff damahls gestrandet war.

Frizchen. Was heisst das gestrandet?

Gotlieb. O dass du doch auch immer den Vater unterbrechen must!

Vater. Nun, das ist ja gut von ihm, dass er gern belehrt sein will! Aber nicht so gut von dir, lieber Gotlieb, dass du darüber unfreundlich wirst! Hüte dich künftig davor! – Stranden, lieber Friz, heisst, wenn ein schiff auf eine solche Sandbank oder auf einen Felsen gerät, und nicht wieder davon loskommen kan.

Frizchen. Gut!

Vater. Endlich erreichten sie wieder ein ordentliches Fahrwasser, und ruderten nun mit aller Gewalt der Insel zu, welche ihnen jetzt schon ganz vor Augen lag. Sie erreichten endlich den Strand, da die Sonne eben ihre lezten Blikke auf den Gipfel der Berge warf, und stiegen ganz ermattet, aber unbeschreiblich froh über ihre glückliche Rettung, ans Land.

Beide hatten den ganzen Tag keinen Bissen genossen. Sie konnten daher die Zeit nicht abwarten, da sie wieder in der Burg würden angekommen sein, und sezten sich gleich am Strande nieder, um von dem Vorrate, den sie mit sich zu Schiffe genommen hatten, erst eine reichliche Mahlzeit zu tun. Dan zogen sie den Kahn in eine kleine Bugtihr wisst doch, was das ist?

Johannes. O ja! Wo das wasser so etwas ins Land hineintrit. Es ist ja fast eben das, was ein Meerbusen ist.

Vater. Nur, dass der Meerbusen grösser ist! – Sie zogen, sag' ich, den Kahn in eine Bugt und gingen mit allem, was sie im Schiffe gehabt hatten, beladen nach haus. –

Nikolas. O es ist doch wohl noch nicht aus?

Vater. Robinson und Freitag haben sich bereits zur Ruhe begeben, und der letzte liegt schon im tiefen Schlaf versunken, indess der erste noch ein feuriges Dankgebet für seine abermahlige Errettung zu Gott schikt. Wir könnten's also auch so machen; aber da es noch so früh am Tage ist: so will ich die Nacht überspringen und nun noch erzählen, was am folgenden Tage geschahe.

»Nun, Freitag, fragte Robinson beim Frühstük, hättest du Lust, dich noch einmal so mit mir zu wagen, als gestern

Freitag. Gott bewahre!

Robinson. Also entschliesst du dich, dein Leben auf dieser Insel mit mir zu endigen?

Freitag. Wenn nur mein Vater auch hier wäre!

Robinson. Also hast du noch einen Vater?

Freitag. Wenn er nicht unterdessen gestorben ist!

Hier legt' er die Kartoffel aus der Hand, und ein Paar grosse Tränen rolten ihm die Bakken herab. Robinson dachte an seine eigene Eltern und muste sich gleichfalls