Winde vom land abstiessen. Sie waren kaum einige tausend Schritte fortgesegelt, als sie an ein Rif von Klippen kamen –
Lotte. O sage uns doch erst, was das ist, ein Rif!
Vater. So nennen die Schiffer eine Reihe an einander hängender Felsen, die entweder unter dem wasser verborgen liegen, oder hie und da hervorragen. Dieses Rif, oder diese Kettenfelsen liefen von einem Vorgebirge der Insel über zwei deutsche Meilen weit schief in die See hinein. Darüber weg zu fahren, schien beiden gefährlich zu sein; also gaben sie dem Segel eine andere Richtung, um durch einen Umweg dieser Felsenreihe auszubeugen.
Nikolas. Wie konnten sie denn aber wissen, wie weit das Rif ins Meer hinauslief, wenn das wasser darüber herfloss?
Vater. Das konnten sie aus den Brechungen der Meereswogen sehen, die an solchen Orten, wo Felsen verborgen sind, höher aufbrausen und zugleich schäumen, weil sie von denen unterm wasser befindlichen Felsen aufgehalten und gebrochen werden.
Kaum hatten sie die äusserste Spize des Rifs erreicht, als ihr Kahn auf einmal mit solcher Geschwindigkeit fortgerissen ward, als wenn sie zwanzig Segel angesezt und den stärksten Sturmwind im Rükken gehabt hätten. Beide erschraken und strichen geschwind das Segel, weil sie glaubten, dass ein plözlicher Windstoss Schuld daran wäre. Aber das half nichts; es schoss vielmehr der Kahn noch eben so schnel durch die Flut, als vorher: und nun sahen sie zu ihrem Schrekken, dass sie sich mitten auf einem reissenden Meerstrome befänden.
Frizchen. I, sind denn in dem Meere auch Ströme?
Vater. O ja, Frizchen! Weil der Grund des Meeres eben so ungleich, als die Oberfläche des festen Landes, ist; weil es da eben so, wie hier zu land, Berge, Hügel und Täler gibt: so kriegt das wasser nach den niedrigern Gegenden hin einen stärkern Schuss, und daher entstehen dan mitten im Meere eben solche grosse Ströme, als unsere Elbe ist, und die pflegen gemeiniglich sehr reissend zu sein. Da ist es dan oft sehr gefährlich für die Schiffe, besonders für die kleinen, wenn sie auf einen solchen Meerstrom geraten; weil sie nicht im stand sind, wieder davon zu kommen, und oft wohl funfzig und mehr Meilen weit ins weite Meer verschlagen werden.
Gotlieb. Ach, armer, armer Robinson, wie wird dir's nun gehen?
Lotte. Wär' er doch nur auf seiner Insel geblieben! Ich dachte' es wohl, dass wieder was daraus herkommen würde!
Vater. Diesmahl war es nicht Vorwiz, nicht Leichtsin, wodurch er zu dieser Reise angetrieben ward. Er hatte vielmehr die vernünftigsten Bewegungsgründe dazu gehabt. Alles also, was ihm jetzt begegnet, darf er für eine götliche Schikkung halten; und in diese hatte' er sich ja ergeben.
Beide strengten alle ihre Kräfte an, um wo möglich, den Kahn durch Rudern aus dem Strome heraus zu arbeiten; aber vergebens! Eine unwiderstehliche Gewalt riss sie mit der Schnelligkeit eines Pfeils dahin und schon waren sie so weit fortgetrieben, dass sie das flache Land ihrer Insel aus dem gesicht verloren. Ihr Untergang schien nun unvermeidlich zu sein: denn es konte höchstens nur noch eine halbe Stunde währen: so waren auch die höchsten Gipfel der Berge aus ihrem Gesicht verschwunden; und wenn dan auch die Gewalt des Stromes über kurz oder lang nachliess: so war es ihnen doch unmöglich den Rükweg nach der Insel zu finden, weil sie keinen Kompass hatten.
Frizchen. Keinen – ?
Vater. Keinen Kompass, sag' ich. Nikolas, der ein Schifskapitain werden will, wird dir sagen, was das sei.
Nikolas. (lachend.) Wenn ich alles andere, was dazu gehört, auch schon so gut wüste, als das? – Frizchen, das ist eine Magnetnadel in einem kleinen runden Kästchen –
Frizchen. Ja, was ist eine Magnetnadel?
Nikolas. Das ist eine ordentliche Nadel von Stahl; die hat man mit einem gewissen Stein bestrichen, welcher der Magnet genant wird. Dadurch hat die Nadel die wunderbare Eigenschaft gekriegt, dass sie immer nach Norden – dort hin über Wandsbek hinaus – weiset. Darnach richten sich denn die Schiffer, wenn sie nichts mehr, als Luft und wasser sehen können, sonst wurden sie auf dem grossen Meere sich bald verirren und gar nicht wissen, nach welcher Himmelsgegend sie hinsegeln.
Vater. Hast du das verstanden, Friz?
Frizchen. Ja! Nur zu!
Vater. Da also Robinson einen solchen Kompass nicht hatte: so war es ihm unmöglich wieder zurück zu finden, so bald er die Insel völlig aus den Augen verloren hatte. Und welch ein schreklicher Zustand wartete seiner dan? Mitten auf den Ozean getrieben zu werden, in einem kleinen unsichern Nachen, und nur auf einige Tage Lebensmittel zu haben. Kan auch etwas Fürchterlicheres erdacht werden?
Aber hier zeigt' es sich recht sichtbarlich, was für ein unaussprechlicher grosser Schaz eine wahre Frömmigkeit und ein gutes Gewissen in Not und Unglück sind! Hätte Robinson diese nicht gehabt: wie hätt' er die überwältigende Last dieser neuen Leiden ertragen können? Er würde in Verzweiflung geraten sein und seinem gequälten Leben ein Ende gemacht haben, um dem langsamen und schreklichen tod des Hungers zu entgehen.
Sein Gefährte, dessen Gottesfurcht noch nicht so fest gegründet, und noch nicht durch so viele und so lange Leiden gestärkt war, als die Frömmigkeit seines Herrn, war wirklich der Verzweiflung nahe. Unfähig, ferner