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allerlei häusliche arbeiten in Bereitschaft hielt, womit die Wachenden sich die Nacht hindurch die Zeit vertreiben sollten. Zwei wurden jedesmahl, als Schildwachen, in die entferntesten Ekken des Gartens ausgestellt und nach Verlauf einer Viertelstunde unter Trommelschlag und Pfeifenklang von der ganzen Wache wieder abgelöst, indem zwei Andere an ihre Stelle traten. Nach Verlauf einer jeden Stunde wurde etwas Obst zur Erfrischung genossen.

Es war eine herliche Sommernacht. Der halbe Mond an der einen Seite des himmels und an der andern ein fernes Wettergewölk, aus dem es unaufhörlich blizte! Die Luft dabei so sanft erwärmt, die ganze schlafende natur so stille! Alle gestanden am folgenden Morgen, dass sie nie einen Tag, geschweige eine Nacht, mit mehr Vergnügen hingebracht hätten, als diese.

Zwanzigster Abend.

Vater. Nun, Kinder, Robinson und Freitag haben eingepakt, und der Wind ist günstig. Macht euch also gefasst, ihnen ein ewiges Lebewohl zu sagen: denn wer weiss, ob wir jemahls wieder von ihnen etwas sehen, oder hören werden!

Alle. (Bestürzt und traurig.) Oh!

Vater. So ist es nun einmal in der Welt! Man kan nicht immer bei seinen Freunden sein; der Schmerz der Trennung ist unvermeidlich; man muss sich also auch darauf schon in voraus vorzubereiten suchen.

Da Robinson seine Burg verlassen hatte, blieb er auf dem Hügel über derselben nachdenkend stehen, und hiess seinen gefährten ein wenig voran gehen. Dan überdacht' er noch einmal alle überstandene Schiksale seines einsamen Lebens an diesem Orte, und ward über die wunderbare Führung des himmels, die ihn bis dahin so sichtbar geleitet hatte, tief im Innersten seines Herzens gerührt. Ein Strom dankbarer Freudentränen entstürzte seinen Augen. Dan hob er seine ausgebreiteten arme gegen Himmel und betete mit glühender Andacht:

»O du lieber, lieber himlischer Vater, wie sol ich dir danken für Alles, was du bis hieher an mir getan hast? Siehe! (indem er auf die Knie fiel) hier lieg' ich vor deinem alsehenden Auge im Staube, unfähig, die heissen Gefühle meines Herzens durch Worte auszudrükken! Aber du siehst dies Herz, siehst die unaussprechlichen Empfindungen der Dankbarkeit, von denen es so ganz, so ganz durchdrungen ist. Dies von dir gebesserte, dich über alles liebende Herz, dies so oft durch Trübsal verwundete, so oft von dir geheilte Herz, ist alles alles, was ich dir, mein gütiger Vater, für alle deine unzählbaren Wohltaten wieder zu geben vermag. Nim es an, mein Vater, o nim es ganz und vollende das Werk der Besserung, welches du mit ihm angefangen hast! Siehe! ich werfe mich von neuem in deine Vaterarme! Mache du es mit mir nach deinem väterlichen Wohlgefallen. Nur dass ich nie wieder verlasse den Weg der Tugend, auf den deine Barmherzigkeit mich zurückgeführt hat! Nur das nicht, mein Vater, nur das nicht! Sonst mag es mit mir gehen, wie dein weiser Rat beschlossen hat. Ich gehe, wohin du mich führen wirst; gehe im Vertrauen auf dich jeder neuen Gefahr, die meiner vielleicht wartet, mutig entgegen. Begleite mich, mein Gott; bewache meine unsterbliche Sele mit deinem unsichtbaren Schuze bei jeder mir vielleicht bevorstehenden Versuchung zur Kleinmütigkeit, zur Ungeduld und zur Undankbarkeit gegen dichgegen dich, o du ewige himlische Liebe, mein Schöpfer, mein Vater, mein Gott! Gott! Gott! –«

Hier wurde seine Empfindung so heftig, dass er nichts bestimtes mehr zu denken vermogte. Er warf sich mit dem Gesicht zur Erde, um auszuweinen. Dan richtete er sich, gestärkt durch götlichen Trost, wieder auf und übersahe noch einmal die ihm nun so liebe Gegend, die er jetzt verlassen sollte. Es war ihm, wie einem, der sein Vaterland verlassen sol, und es nie wieder zu sehen hoffen darf. Sein nasser blick blieb liebevol und traurig hangen an jedem Baume, in dessen Schatten ihm einst wohl gewesen war, an jedem Werke seiner hände, welches er im Schweisse seines Angesichts gemacht hatte. Es war ihm nicht anders dabei zu Mute, als wenn er sich von eben so vielen Freunden trennen sollte. Und da er nun vollends seine am Fuss des berges im Grase weidende Lama's erblikte, must' er sein Gesicht von ihnen wegkehren, um in seiner Entschliessung zur Abreise nicht wankend zu werden.

Endlich hatte' er ausgekämpft. Er ermante sich, breitete seine arme gegen die ganze Gegend aus, als wenn er Alles, was darin war, umarmen wolte, und rief mit lauter stimme aus: lebt wohl, ihr teuren Zeugen meiner überstandenen Leiden! Lebt wohl! Wohl! Wohl! – Das letzte Wohl verlohr sich in einem lauten Schluchzen. jetzt richtete er noch einmal seine Augen gegen Himmel und trat entschlossen den Weg zum Strande an.

Im Weggehen bemerkt' er seinen trauten Pol, der von Baum zu Baum neben ihm herflatterte. Er konte dem Verlangen, ihn mitzunehmen, nicht wiederstehn; also strekt' er seine Hand gegen ihn aus, rief: Pol! Pol! und Polchen hüpfte hurtig herab, kletterte gaukelnd von seines Herrn Hand auf seine Schulter und blieb da sizen. So kam Robinson bei seinem, ihn mit Ungeduld erwartenden Freitag an und beide stiegen in das schiff.

Es war der 30ste November des Morgens um 8 Uhr, im neunten Jahr des Aufentalts unsers Freundes auf dieser einsamen Insel, da sie bei völlig heiterem Wetter und mit frischen günstigen