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was wieder dazwischen kommen kan, dass der Schifbau oder die Abreise doch noch eingestellt werden muss? Die Zukunft ist ein ungewisses, veränderliches Ding, und fält gemeiniglich ganz anders aus, als wir erwartet hatten. Unsere Hofnungen, wenn sie auch noch so zuverlässig zu sein scheinen, schlagen nicht selten fehl; und es ist daher sehr weise, sich immer schon zum voraus darauf gefasst zu machen. –

Robinson, der dies nun schon oft aus der Erfahrung gelernt hatte, ging jetzt, von Freitag begleitet, mit dem frommen Vorsaze nach haus, dass er die Erfüllung seines feurigsten Wunsches der alweisen und algütigen Vorsehung überlassen wolle, weil diese doch besser, als er selbst, wisse, was für ihn das Zuträglichste sei. Und so, meine lieben Kinder, wollen wir in ähnlichen Fällen es auch machen.

Neunzehnter Abend.

Da die Geselschaft am folgenden Abend wieder zusammen kam, waren die beschlossenen Uebungen der Entaltsamkeit zum teil schon angestellt worden. Alle waren froh und guter Dinge; und der Vater fing die Unterredung mit folgenden Worten an:

Nun, Kinder, wie tut das Fasten?

Alle. O recht gut, recht gut!

Vater. Ihr seht, ich selbst lebe auch noch, ungeachtet ich heute nur wasser und Milch getrunken habe.

Nikolas. Wenn's darauf ankäme, so wolt' ich wohl noch länger fasten!

Alle. O ich auch! Ich auch! Das ist ja gar nichts!

Vater. Länger zu fasten ist nicht nötig; könnte auch eurer Gesundheit schädlich werden: aber wenn ihr es wünscht, so will ich euch wohl andere Uebungen vorschlagen, die euch eben so nüzlich sein werden.

Alle. O ja! O ja, lieber Vater!

Vater. Für heute hat jeder von uns genug getan, besonders da diese Nacht noch gewacht werden sol. Aber, wenn ihr wirklich Lust habt, recht trefliche Menschen zu werden, die da gesund und stark an Leib und Sele, und also fähig sind, zum Glück ihrer Nebenmenschen viel, recht viel beizutragen: so hört, was wir tun wollen!

Ich will für euch die Schriften der alten Weisen lesen, welche die Lehrer der grossen und liebenswürdigen Männer waren, die euch, da ich die alte geschichte erzählte, so sehr gefallen haben. Darin stehen die Vorschriften, welche jene weisen Männer ihren Schülern gaben, und durch deren Erfüllung diese ihre Schüler so gross und so gut geworden sind. Wöchentlich will ich eine dieser Vorschriften auf eine mit Papier überzogene Tafel schreiben und sie euch erklären. Dan will ich jedesmahl euch dabei sagen, was für Uebungen ihr die Woche hindurch anstellen könt, um euch die Erfüllung einer solchen Vorschrift zu einer leichten und angenehmen Gewohnheit zu machen. Aber freilich wird das ohne Aufopferungen nicht abgehen; ihr werdet euch oft freiwillig entschliessen müssen, auf ein sehr liebes Vergnügen Verzicht zu tun, und zuweilen etwas sehr Unangenehmes zu erdulden, um euch dadurch nach und nach diejenige Stärke der Sele zu erwerben, welche uns in den Stand sezt, jede unerlaubte Begierde in uns zu bekämpfen und jeden Verlust, jeden Mangel mit weiser Gleichmütigkeit zu ertragen. Es versteht sich, dass wir Erwachsene euch in allen diesen Uebungen vorgehen und nichts von euch fodern werden, als was wir selbst zu leisten Herz genug haben. Wolt ihr diesen Vorschlag eingehen?

Alle gaben ihre Einstimmung durch ein lautes Ja! und durch freudiges Händeklatschen zu erkennen. Es wurde also von diesem augenblicke an eine Schule der Weisheit unter ihnen errichtet, welche von andern schulen sich vornehmlich dadurch auszeichnete, dass wöchentlich nur eine halbe Stunde gelehrt, und das Gelehrte wenigstens acht Tage hinter einander recht eigentlich zur Uebung gemacht ward. Vielleicht teilen wir unsern jungen Lesern einmal eine Nachricht von diesen Uebungen und von ihren erfreulichen Folgen mit, um auch sie die Mittel zu lehren, wodurch man ein vorzüglich guter, gemeinnüziger und glücklicher Mensch werden kan.

jetzt wieder zu unserm Robinson! – Nachdem die gemeldete Verabredung genommen war, fuhr der Vater folgendermassen fort.

Kinder, das, wovon ich gestern Abend beim Schluss meiner Erzählung sagte, dass es möglich sei, hat sich nun wirklich zugetragen.

Alle. Was denn? Was denn?

Vater. Ich sagte, dass im menschlichen Leben unsere gewissesten Hofnungen oft plözlich vereitelt werden; und dass daher auch Robinson, so wahrscheinlich und so nahe seine Erlösung auch zu sein schiene, doch leicht ein unvorhergesehenes Hinderniss antreffen dürfte, welches ihn nötigte, noch länger da zu bleiben. Dieses Hinderniss nun fand sich schon am folgenden Tage ein.

Es fing nämlich mit diesem Tage abermals die gewöhnliche Regenzeit an, von welcher Robinson nun schon aus vieljähriger Erfahrung wuste, dass sie jährlich zweimahl, und zwar immer um diejenige Zeit einzutreffen pflege, da Tag und Nacht einander gleich sind. Während dieser Regenzeit, die gemeiniglich einen oder zwei Monate anhielt, war es unmöglich, ausser haus etwas zu verrichten; so stark und unaufhörlich strömte alsdan der Regen herab! Auch hatte Robinson bemerkt, dass in jener Weltgegend das Ausgehen und Nasswerden in dieser Jahrszeit der Gesundheit äusserst nachteilig sei. Was war also nun zu tun? Der Schifbau muste aufgehoben und die Zeit mit häuslichen Verrichtungen hingebracht werden.

Wohl bekam es nun unserm Robinson an den regnigten Tagen und in den langen finstern Abendstunden, dass er wieder Feuer, noch mehr, dass er einen Geselschafter, einen Freund, hatte, mit dem er unter gemeinschaftlichen Hausarbeiten die Zeit mit vertraulichen Gesprächen vertreiben konte! Vormahls hatte' er diese traurigen