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, und nun konnten sie jeden Anfal der Wilden ziemlich ruhig erwarten. Denn ehe einer derselben über den Graben kommen und die Pallisaden ersteigen konte: war es ihnen leicht, ihn entweder mit Pfeilen zu erschiessen, oder mit den langen Spiessen zu erstechen. Für ihre Sicherheit war also nun wohl hinlänglich gesorgt.

Eines Tages, da Robinson und Freitag eine nahe am Strande liegende Anhöhe erstiegen hatten, von der sie weit ins Meer hinaus sehen konnten: gukte Freitag sehr scharf nach der Gegend hin, wo man, wie wohl nur ganz dunkel, einige ferne Inseln liegen sah. Auf einmal fing er an vor Freuden zu hüpfen und zu springen und allerlei seltsame Gebehrden zu machen. Auf Robinsons Frage: was ihn ankomme? rief er freudig aus, indem er fortfuhr zu tanzen: lustig! lustig! dort ist meine Heimat! Dort wohnt meine Nazion!

Aus dem glühenden Gesicht und den funkelnden Augen, womit er dies ausrief, leuchtete eine recht grosse Liebe zu seinem vaterland und der Wunsch hervor, wieder dahin zu kommen.

Diese Bemerkung war seinem Herrn gar nicht angenehm, ungeachtet es sehr lobenswürdig an Freitag war, dass er sein Vaterland mehr, als andere Länder und seine zurückgelassene Freunde und Anverwandte noch zärtlicher, als jeden andern Menschen, liebte. Robinson, der daher Anlass nahm, zu besorgen, dass er ihn bei gelegenheit, um seiner Landsleute willen, wohl einmal verlassen könnte, versuchte, ihn darüber auszufragen. Er fing also folgendes Gespräch mit ihm an, woraus ihr den ehrlichen Freitag noch besser werdet kennen lernen.

Robinson. Hättest du denn wohl Lust, wieder unter deinen Landsleuten zu leben?

Freitag. Ach ja! ich wolte recht froh sein, wenn ich wieder bei ihnen wäre!

Robinson. Du wolltest vielleicht wieder Menschenfleisch mit ihnen essen?

Freitag. (Ernstaft) Nein! ich wolte sie lehren, dass sie nicht mehr so wild leben, dass sie Fleisch von Tieren und Milch, aber keine Menschen mehr essen sollten.

Robinson. Aber wenn sie dich selbst aufässen?

Freitag. Das werden sie nicht!

Robinson. Aber sie essen doch Menschenfleisch?

Freitag. Ja, aber nur das Fleisch ihrer getödteten Feinde.

Robinson. Köntest du denn wohl einen Kahn machen, worin man hinüberfahren könnte?

Freitag. O ja!

Robinson. Nun, so mache dir einen, und fahre nur immer hin zu ihnen.

Hier sah Freitag auf einmal ganz ernstaft und traurig vor sich nieder.

Robinson. Nun, was ist dir? Worüber wirst du traurig?

Freitag. Ich bin traurig, dass mein lieber Herr böse auf mich ist.

Robinson. Böse? Wie das?

Freitag. Ja, weil er mich von sich wegschikken will.

Robinson. Du wünschtest dich ja hin nach deiner Heimat!

Freitag. Ja, aber wenn mein Herr nicht da ist, wünscht Freitag auch nicht hin.

Robinson. Mich wurde deine Nazion für einen Feind halten und auffressen; reise also nur immer allein ab.

Freitag riss bei diesen Worten seinem Herrn das Beil von der Seite, gab's ihm in die Hand und hielt ihm den Kopf dar, damit er ihn mit dem Beile spalten mögte.

Robinson. Was sol ich?

Freitag. Mich umbringen! Besser umgebracht, als weggeschikt!

Die Tränen stürzten ihm dabei aus den Augen. Robinson ward gerührt, fiel ihm in die arme und sagte: »Sei unbekümmert, mein lieber Freitag! Auch ich wünsche mich nie von dir zu trennen: denn ich liebe dich herzlich. Was ich gesagt habe, sagt' ich nur, um dich zu prüfen, ob ich dir wohl schon eben so lieb sei, als du mir bistEr umarmte ihn hierauf von neuen, und wischte sich selbst eine Freudenträne ab, die ihm aus dem Auge hervorgequollen war.

Freitags Versicherung, dass er wohl einen Kahn machen könne, war unserm Robinson sehr angenehm zu hören gewesen. Er fasste ihn also bei der Hand und führte ihn nach dem Orte, wo er selbst nun schon seit einigen Jahren an einem Schiffe gearbeitet hatte. Hier zeigt' er ihm den Blok, der noch nicht um den dritten teil ausgehöhlt war und sagte ihm, wie viel Zeit er schon darauf verwandt habe.

Freitag schüttelte den Kopf und lächelte. Auf Robinsons Frage: was er daran auszusezen fände? antwortete er: dass es all' der Arbeit nicht bedurft hätte; man könnte einen solchen Blok viel besser und zwar in kurzer Zeit durch Feuer aushöhlen. Wer war froher über diese Nachricht, als Robinson! Schon sah er den Kahn vollendet; schon sah er sich im geist auf dem Meere und landete schon, nach einer glücklichen Fahrt, in einer Gegend des festen Landes, wo Europäer waren! Wie schlug ihm vor Freuden das Herz bei diesem Gedanken an eine so nahe Erlösung! – Es ward beschlossen, das Werk gleich mit Anbruch des morgenden Tages anzufangen.

Gotlieb. O nun wird die Freude bald aus sein!

Vater. Wie so?

Gotlieb. Ja, wenn er erst ein schiff hat, so wird er bald absegeln; und wenn er denn erst wieder in Europa ist: so kan Vater uns nichts mehr von ihm erzählen.

Vater. Und wolltest du auf dieses Vergnügen nicht willig Verzicht tun, wenn du des armen Robinsons Befreiung dadurch erkaufen köntest?

Gotlieb. Ach ja, das ist auch wahr! Ich hatte' es nur nicht bedacht.

Vater. Indess, wer weiss,