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Insel, jemahls gewesen war. Die einzige grosse sorge, die ihn jetzt nur noch beunruhigte, war die, dass die Wilden vielleicht bald zurück kommen wurden, um ihre zurückgebliebenen gefährten aufzusuchen, und dass es dan leicht zwischen ihm und ihnen wieder zu blutigen Händeln kommen dürfte. Er zitterte vor dem Gedanken, abermals in die notwendigkeit versezt zu werden, Menschenblut vergiessen zu müssen, und sein eigenes zweifelhaftes schicksal machte ihn nicht weniger bekümmert.

Bei diesen Umständen erfoderte die Pflicht der Selbsterhaltung, auf seine eigene Sicherheit, so viel möglich, bedacht zu sein. Schon längst hatte' er den Wunsch gehegt, seine Burg zu einer ordentlichen kleinen Festung machen zu können: aber so lange er noch allein war, schien ihm die Ausführung dieses Anschlages unmöglich zu sein. jetzt aber, da er zwei arme mehr hatte, kont' er so was schon unternehmen. Er stelte sich also auf den Gipfel des berges, von wannen er den ganzen Plaz übersehen konte, um den Plan dazu zu machen. Dieser war auch bald entworfen. Er durfte nur ausserhalb der Baumwand rund um seine Burg herum einen etwas breiten und tiefen Graben aufwerfen, und den inwendigen Rand desselben mit Pallisaden bepflanzen?

Frizchen. Was sind das Pallisaden?

Johannes. O du kannst auch leicht wieder was vergessen! Weisst du nicht mehr, die spizigen Pfäle, die Vater um das eine Ravelin an unserer kleinen Festung so dicht neben einander gepflanzt hat, – na! das sind Pallisaden.

Frizchen. Ach ja! – Nu nur weiter!

Vater. In diesen Graben beschloss er die kleine Quelle zu leiten, die ohnweit seiner wohnung entsprang, und zwar so, dass ein teil des Bachs mitten durch seinen Hofraum flösse, damit es ihm, in Fall einer ordentlichen Belagerung, nicht an wasser fehlen mögte.

Es hielt schwer, alles dies seinem Freitag durch Zeichen verständlich zu machen. Indess glückt' es ihm endlich damit; und Freitag lief darauf nach dem Gestade, um allerlei Werkzeuge zum Graben und Schaufeln, nämlich grosse Muscheln und platte scharfe Steine zu suchen. Dan sezten beide sich in Arbeit.

Ihr könt denken, dass dies abermals kein leichtes Geschäft gewesen sei. Der Graben muste, wenn er etwas helfen sollte, wenigstens drei Ellen tief und zum mindesten vier Ellen breit sein. Die Länge desselben mogte sich leicht auf 80 bis 100 Schritte belaufen. Und dazu kein eisernes Werkzeug, keine Hakke, keinen Spaten, keine Schaufel zu haben! Denkt einmal nach, was das sagen wolle! Der Pallisaden bedurfte man beinahe 400 Stük; und diese bloss mit einem einzigen steinernen Beile behauen und zuspizen zu wollen: in der Tat kein leichtes Unternehmen! Und dan, so muste auch noch von der Quelle bis zu diesem Graben ein beinahe eben so tiefer Kanal gegraben werden, um das wasser herzuleiten; und zwischen diesem Quel und der wohnung war noch oben drein eine Anhöhe, welche durchgestochen werden muste!

Aber alle diese Schwierigkeiten schrekten unsern entschlossenen Freund nicht ab. Durch ein mässiges und immer arbeitsames Leben war auch sein Mut zu jeder wichtigen Unternehmung viel grösser geworden, als er bei weichlichen, im Müssiggang und Wohlleben aufgewachsenen Menschen zu sein pflegt. Mit Gott und gutem Mut! war der Wahlspruch, mit welchem er jedes wichtige Geschäft anfing; und wir wissen schon, dass er dan auch nicht eher nachliess, als bis das Werk geendiget war,

So also auch jetzt. Beide, er und Freitag, arbeiteten täglich vom frühen Morgen bis zum späten Abend mit Lust und Eifer, und es war daher erstaunlich, wie viel sie, ihrer armseeligen Werkzeuge ungeachtet, an jedem Tage vor sich brachten. Zum Glück wehete zwei Monate hinter einander ein solcher Wind, der es den Wilden unmöglich machte, Robinsons Insel zu besuchen. Es war also auch, während der Arbeit, kein Ueberfal von ihnen zu besorgen.

Indess nun Robinson so arbeitete, war er nebenbei bemüht, seinen Gehülfen nach und nach so viel von der deutschen Sprache zu lehren, dass er ihn verstehen könnte, wenn er mit ihm redete; und dieser war so gelehrig, dass er in kurzer Zeit schon recht viel davon begriffen hatte. Robinson macht' es dabei eben so, wie wir es mit euch zu machen pflegen, wenn wir euch lateinisch oder französisch lehren; er zeigte ihm immer das Ding, wovon er redete und dan sprach er den Nahmen desselben laut und deutlich aus. Wenn er aber von Sachen redete, die er ihm nicht zeigen konte, so machte er so vernehmliche Mienen und Gebehrden dazu, dass ihn Freitag doch wohl verstehen musste. So lernte dieser, noch ehe ein halbes Jahr verstrich, so viel Deutsch, dass beide sich ihre Gedanken schon so ziemlich mitteilen konnten.

Ein neuer Zuwachs von Glückseeligkeit für unsern Robinson! Bisher hatte' er an Freitag nur einen stummen Gehülfen gehabt; nun ward er fähig, sein wirklicher Geselschafter, sein Freund zu werden. O wie verschwand nun gegen diese Freude das geringere Vergnügen, welches vorher das gedankenlose Geschwäz des Papagaien ihm verursacht hatte!

Freitag bewies sich immer mehr und mehr als einen guterzigen, treuen jungen Menschen, in dem kein Falsch war; und schien seinem Herrn mit der aufrichtigsten Liebe zugetan zu sein. Daher gewan denn auch dieser ihn von Tage zu Tage lieber, und trug nach einiger Zeit gar kein Bedenken mehr, ihn neben sich in seiner eigenen Höhle schlafen zu lassen.

In weniger, als zwei Monaten, war die Grabenarbeit fertig geworden