1779_Campe_126_73.txt

' er sich in seinem Gedankenwinkel, um über die glückliche Veränderung seines Zustandes ernstafte Betrachtungen anzustellen. Alles hatte nun eine andere, viel angenehmere Gestalt für ihn gewonnen. Sein Leben war nun nicht mehr einsam; er hatte einen Geselschafter, mit dem er jetzt zwar noch nicht reden konte, aber dessen blosse Geselschaft ihm doch schon jetzt zum Troste und zur hülfe gereichte; er hatte wieder Feuer und der wohlschmekkenden und gesunden Nahrungsmittel genug, um die Bedürfnisse des Gaums und des Magens hinlänglich befriedigen zu können. »Was kan dich, dachte' er, nun noch hindern, vergnügt und unbekümmert zu leben? Geneuss also der mannigfaltigen Wohltaten des himmels; iss und trink von deiner Heerde und von den Früchten des Landes das Beste, (denn du hast ja Ueberfluss an allem) und halte dich nun durch Ruhe und gutes Essen und Trinken schadlos für die ausgestandnen Mühseeligkeiten und den Mangel der verflossenen Jahre! Dein Freitag mag für dich arbeiten; er ist jung und stark und du hast es ja um ihn verdient, dass er dein Knecht seiHier stokten seine Gedanken; denn es kam ihnen eine andere Betrachtung in die Queer.

»Aber wie? dachte' er, wenn deine ganze gegenwärtige Glückseeligkeit einmal wieder ein Ende nähme? Wenn Freitag stürbe? Wenn dein Feuer abermals erlöschteEin kalter Schauder lief ihm bei diesem Gedanken durch alle Glieder.

»Und dachte' er weiter, wenn du durch ein weichliches und wollüstiges Leben dich dan so verwöhnt hättest, dass es dir unmöglich fiele, zu der Härte und Armseeligkeit deiner vorigen Lebensart zurück zu kehren? Und wenn du dennoch, dazu zurück zu kehren, gezwungen würdestEr stiess einen tiefen Seufzer aus.

Dan dachte' er weiter: »Wem hast denn du es vornemlich zu zuschreiben, dass du durch Gottes hülfe manche Schwachheit und Untugend abgelegt hast, die dir vorher eigen waren? Nicht wahr, lediglich der arbeitsamen und mässigen Lebensart, die du bisher zu führen gezwungen warest? Und du wolltest nun durch Müssiggang und sinliches Wohlleben dich in Gefahr sezen, der Gesundheit des Leibes und des Geistes, welche Mässigkeit und Arbeitsamkeit dir verliehen haben, wieder verlustig zu werden? da sei Gott vordachte' er, sprang von seinem Lager auf und ging mit hastigen Schritten in seinem Hofraume auf und nieder. Freitag trug unterdessen die übrig gebliebenen speisen in den Keller und ging, auf Robinsons Befehl, die Lama's zu melken.

Robinson fuhr in seiner Betrachtung also fort: »Und, dachte' er, wenn du von nun an ein ruhiges und schwelgerisches Leben führtest, wie lange würde' es dauern, dass du aller überstandenen Not, und der väterlichen hülfe, die dein lieber Gott bis hieher dir geleistet hat, vergessen würdest? Wie bald würdest du übermütig, trozig, gottvergessen werden? Schreklich! schreklichrief er aus und fiel auf seine Knie, um Gott zu bitten, dass er ihn doch ja vor diesem abscheulichen Undanke bewahren mögte.

Noch stand er einige Minuten im tiefen Nachdenken; dan fasste seine Sele folgende mänliche und wahrhaftig heilsame Entschliessung:

»Ich will, dachte' er, der neuen götlichen Wohltaten zwar geniessen; aber immer mit der grössten Mässigkeit. Die einfachsten speisen sollen auch künftig meine Nahrung sein, so gross und mannigfaltig mein Vorrat auch immer sein mag. Meine arbeiten will ich eben so unverdrossen und eben so ununterbrochen fortsezen, als bisher, ungeachtet sie nicht mehr eben so notwendig sein werden. An einem Tage einer jeden Woche, und dies sei der Sonnabend, will ich von eben den rohen speisen leben, die mich bis hieher ernährt haben, und den lezten Tag eines jeden Monats will ich eben so einsam hinbringen, als ich die ganze verflossene Zeit meines hiesigen Aufentalts habe hinbringen müssen. Freitag sol dan jedesmahl einen Tag und eine Nacht sich fern von mir in meinem Sommerpallast aufhalten

Er empfand, nachdem er diese tugendhaften Vorsäze gefasst hatte, die reine himlische Freude, welche jedes Bestreben unsers Geistes nach grösserer Volkommenheit allemahl zu begleiten pflegt. Seine Stirn glühete, sein Herz empfand schon zum voraus die seeligen Folgen dieser freiwilligen Aufopferungen und schlug lebhafter; es war ihm unaussprechlich wohl zu Mute. Aber er kante nun schon die Wankelmütigkeit des menschlichen Herzens, auch seines Herzens, und sah daher voraus, wie leicht es möglich sei, dass er dieser seiner guten Vorsäze wieder vergessen könnte. Er glaubte daher, dass es nicht undienlich sein werde, wenn er sich irgend ein sinliches Merkzeichen machte, bei dessen anblick er sich täglich wieder daran erinnern könnte. In dieser Absicht ergrif er sein Beil und hieb in die Felsenwand über dem Eingange zu seiner Höhle die beiden Worte ein: Arbeitsamkeit und Mässigkeit.

Nun Kinder, ich geb' euch bis Morgen Zeit, über diesen lehrreichen Umstand in unsers Freundes Leben nachzudenken, ob vielleicht etwas darin sei, welches ihr zu eurem Besten nachmachen köntet. Wenn wir wieder zusammen kommen, solt ihr mir eure Gedanken darüber mitteilen, so wie ich euch die Meinigen sagen werde.

Achtzehnter Abend.

Am folgenden Tage war ein Flüstern und Zischeln und eine Bewegung unter dem kleinen volk, dass man wohl merken konte, es sei irgend etwas Wichtiges unter ihnen auf dem Tapet. Indess konte man doch nicht erfahren, was es eigentlich sei, bis die Stunde zur Robinsonserzählung geschlagen hatte. Aber da entstand auch ein Zulaufen und ein Andrängen um den Vater herum, dass dieser sich auf die