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sich doch vor ihn in Acht nehmen!

Fr. R. verstehe' mich recht, lieber Johannes! dass der Gedanke an Freitags mögliche Untreue ihm einfiel, verdenk' ich ihm nicht; auch das nicht, dass er ihm nachlief, um ihn zu hindern, fals er etwas wider ihn im Schilde führen sollte: denn diese Vorsichtigkeit gegen einen noch unbekanten Menschen war allerdings nötig und gut. Aber das verdenk ich ihm, dass er diesen Argwohn nun gleich für gegründet hielt, dass er in leidenschaft geriet und, von Unwillen entbrannt, sich gar nicht einfallen liess, dass Freitag doch wohl unschuldig sein könnte. – Nein! so weit muss unser Mistrauen gegen andere Menschen niemals gehen, wenn wir nicht die gewissesten Beweise ihrer Untreue in Händen haben. In zweifelhaften Fällen muss man von Andern immer das Beste, nie das Schlimste, vermuten.

Vater. Eine gute Regel! Merkt sie euch, Kinder, und richtet euch darnach. –

Nun, unser Robinson war, wie gesagt, vor Freuden ausser sich, da er seinen Argwohn zernichtet und sich nun auf einmal wieder im Besiz des so lange entbehrten und so sehnlich gewünschten Feuers sah. Lange weidete er seine Augen an den auflodernden Flammen und konte sich nicht sat daran sehen. Endlich nahm er einen glühenden Feuerbrand und lief damit, von Freitag begleitet, nach seiner wohnung.

Hier macht' er augenbliklich ein helles Feuer in seiner Küche an, legte einige Kartoffeln dazu und flog darauf, wie der Wind, nach seiner Heerde, um ein junges Lama zu holen. Dieses wurde augenbliklich geschlachtet, abgestreift, zerlegt und ein Viertel davon an den Spiess gestekt. Freitag wurde zum Bratenwender bestellt.

unterdessen dass dieser sein Amt verrichtete, schnit Robinson ein Bruststük ab, und legt' es wohl gewaschen in einen seiner Töpfe. Dan schält' er einige Kartoffeln, zerstampfte zwischen zweien Steinen eine Handvol Maiz zu Mehl tat beides zu dem Fleisch im Topf und goss so viel reines wasser darauf, als ihm nötig zu sein schien. Auch vergass er nicht etwas Salz dazu zu werfen, und dan sezt' er diesen Topf gleichfalls an das Feuer.

Lotte. Ich weiss schon, was er davon machen wolte! – Suppe!

Vater. Ganz recht; – eine Speise, die er nun wenigstens in acht Jahren nicht genossen hatte! Ihr könt denken, wie der Mund ihm darnach wässern muste!

Freitag machte bei diesen Zurüstungen grosse Augen, weil er noch nicht begreifen konte, wozu das alles sollte? Vom Kochen hatte' er nie etwas gehört oder gesehen; er wuste daher auch schlechterdings nicht zu erraten, was das wasser im Topfe bei dem Feuer machen solle? Als nun Robinson auf einige augenblicke in seine Höhle gegangen war, und das wasser im Topfe zu kochen anfing: stuzte Freitag, weil es ihm unbegreiflich war, was doch wohl das wasser auf einmal in Bewegung sezen mögte? Da es aber vollends aufbrausete und von allen Seiten anfing überzulaufen, geriet er auf den närrischen Einfal, dass vielleicht irgend ein lebendiges Tier darin sei, welches diese plözliche Bewegung verursachte; und um zu verhüten, dass dieses Tier nicht alles wasser aus dem Topfe heraus drengte: stekt' er hurtig seine Hand hinein, um es zu fangen. Aber in eben demselben augenblicke fing er ein so entsezliches Geschrei an, dass die Felsenwand der Höhle davon erbebte.

Angst und Schrekken ergriffen unsern armen Robinson, da er dies gewaltige Geschrei vernahm, weil er in dem ersten augenblicke nichts anders vermuten konte, als dass die Wilden da wären und seinen Freitag schon gepakt hätten. Furcht und Selbstliebe rieten ihm, sich durch seinen verborgenen unterirdischen gang auf die Flucht zu begeben, um sein eigenes Leben zu retten. Aber er verwarf diesen Einfal augenbliklich wieder, weil er es mit Recht für schändlich hielt, seinen neuen Hausgenossen und Freund im Stiche zu lassen. Ohne sich also länger zu besinnen, stürzt' er aus der Höhle hervor, fest entschlossen, für Freitags abermahlige Befreiung aus den Händen der Unmenschen Blut und Leben zu wagen.

Fr. B. So gefälst du mir, Freund Robinson!

Vater. Er stürzte also hervor, das Beil in der Hand: aberwie erstaunt' er nicht, da er Freitag ganz allein, wie einen Unsinnigen mit unaufhörlichen Geschrei herumtanzen und die allerseltsamsten Gebehrden machen sah. Lange stand er, wie verduzt, und wuste nicht, was er davon denken sollte? Endlich kam es zu Erklärungen, und da erfuhr er denn durch Zeichen, dass das ganze Unheil nur darin bestehe, dass Freitag sich die Hand ein wenig verbrant habe.

Diesen zu beruhigen, kostete ihm nicht wenig Mühe. Damit ihr aber begreifen möget, (was Robinson erst ein Jahr nachher, da Freitag mit ihm reden konte, begrif) warum er, um einer solchen Kleinigkeit willen, einen so entsezlichen Lerm machte und sich so wunderlich gebehrdete: so muss ich euch erst sagen, was unwissende, in ihrer Jugend nicht unterrichtete Menschen zu denken pflegen, wenn ihnen etwas begegnet, wovon sie die Ursache nicht einzusehen vermögen.

Diese armen einfältigen Menschen geraten nämlich alsdan fast immer auf den Gedanken, dass irgend ein unsichtbares Wesen, ein Geist, die Ursache von demjenigen sei, was sie nicht begreifen können; und sie meinen, dass dieser Geist eine solche wirkung auf Befehl irgend eines Menschen tue, dem er dienstbar geworden sei. Einen solchen Menschen, dem sie diese Herschaft über einen oder mehrere Geister zutrauen