so dabei zu Mute, als wenn ein Landman, der nie aus seinem dorf gekommen ist, zum erstenmahle in einen Pallast geführt wird.
Robinson gab ihm durch Zeichen zu verstehen, was er von seinen grausamen Landsleuten für sich und ihn besorgte, und bedeutete ihm, dass er entschlossen sei, sein Leben bis auf den lezten Blutstropfen gegen sie zu verteidigen. Der Wilde verstand ihn, machte ein grimmiges Gesicht, schwenkte das Beil, welches er noch in Händen hatte, einige mahl über dem kopf, und wandte sich darauf mit fürchterlichen Gebehrden drohend nach der Seite hin, wo seine Feinde waren, als wenn er sie zum Kampf heraus foderte, um durch dies alles seinem Schuzhern zu erkennen zu geben, dass es ihm gleichfalls nicht an Mute fehle, sich tapfer gegen sie zu wehren. Robinson lobte seine Herzhaftigkeit, gab ihm einen Bogen nebst einem seiner Spiesse (denn er hatte deren nach und nach mehrere verfertiget) in die Hand und stelte ihn, als Schildwache, an ein kleines Loch, welches er mit Fleiss in der Baumwand gelassen hatte, und wodurch man den kleinen Zwischenraum übersehen konte, der das von ihm gepflanzte Gebüsch von der Baumwand trente. Er selbst stelte sich in seiner ganzen Rüstung an die andere Seite der Wand, wo er gleichfalls ein solches Wachtloch offen gelassen hatte.
In dieser Stellung hatten sie ungefähr eine Stunde zugebracht, als sie plözlich durch ein wildes, aber noch ziemlich fernes Geschrei vieler Stimmen erschrekt wurden. Beide machten sich fertig zum Streit, und winkten einer dem andern zu, um sich gegenseitig aufzumuntern. Es wurde wieder stil; dan ertönte abermals ein ähnliches Geschrei und zwar schon etwas näher, worauf von neuem eine fürchterliche Stille folgte. jetzt –
Lotte. O Vater, ich laufe weg, wenn sie kommen!
Frizchen. Fi! wer wolte wohl so eine feige Memme sein!
Gotlieb. Lass du nur, Lotte! Robinson wird sich schon wehren; davor ist mir gar nicht bange.
Lotte. Na, ihr solt sehen, sie werden ihn gewiss tot machen.
Johannes. O stille!
Vater. jetzt liess sich ziemlich nahe eine einzige rauhe stimme hören, die in das Gebüsch fürchterlich herein schrie und von dem Echo des berges wiederhohlt wurde. Schon standen unsere mutigen Kämpfer bereit; schon hatte jeder seinen Bogen gespant, um dem ersten der sich werde blikken lassen, einen Pfeil in den Leib zu schiessen. Ihre Augen funkelten von mutiger Erwartung und waren unverwandt auf diejenige Gegend des Gebüsches gerichtet, aus welcher die stimme erschollen war. –
Hier hielt der Vater plözlich ein, und alle beobachteten ein erwartungsvolles Stilschweigen. Aber es erfolgte nichts. Endlich fragten ihn alle wie mit einem mund: warum er denn nicht fortfahre? Und der Vater antwortete:
»Um euch abermals eine gelegenheit zu geben, eure Begierden bändigen zu lernen! Vermutlich seid ihr jetzt alle sehr neugierig, den Ausgang des fürchterlichen Kampfes zu wissen, der unserm Robinson bevorzustehen scheint; auch bin ich, wenn ihr es so wolt, sogleich bereit, ihn euch zu erzählen. Aber wie? wenn ihr freiwillig Verzicht darauf tätet? Wenn ihr eure Neugierde bekämpftet und die Befriedigung derselben bis auf Morgen verschöbet? Ihr solt indess euren freien Willen haben; sprecht: wolt ihr? oder nicht?«
Wir wollen! Wir wollen! war die allgemeine Antwort, und so wurde die Fortsezung der Erzählung bis auf den folgenden Abend ausgesezt. [Fussnote]
Jeder sezte unterdessen, bis zum Essen getrommelt wurde, seine gewöhnliche Handarbeit unter lehrreichen Gesprächen fort. Einige machten Körbe, andere Schnüre und wiederum andere entwarfen Risse zu einer kleinen Festung, die man nächsten Tages auf dem grossen Hofraume anlegen wolte; und erst am folgenden Abend fuhr der Vater in der abgebrochenen Erzählung also fort:
Robinson und sein mutiger Bundsgenosse blieben in derjenigen kriegerischen Stellung, worin wir sie gestern verlassen haben, bis gegen Abend stehen, ohne fernerhin das Geringste zu sehen oder zu hören. Endlich ward es beiden sehr wahrscheinlich, dass die Wilden von ihrer vergeblichen Nachsuchung wohl müsten nachgelassen, und in ihren Kähnen sich wieder nach ihrer Heimat begeben haben. Sie legten also ihre Waffen nieder, und Robinson hohlte etwas von seinem Vorrate zum Abendessen herbei.
Weil dieser merkwürdige Tag, der in der geschichte unsers Freundes sich so vorzüglich auszeichnet, grade ein Freitag war; so beschloss er seinem geretteten Wilden den Nahmen desselben zu geben und nant' ihn also Freitag.
Robinson hatte jetzt erst Zeit, ihn etwas genauer zu betrachten. Es war ein wohlgewachsener junger Mensch, ungefähr zwanzig Jahr alt. Seine Haut war schwarzbraun und glänzend; sein Haar schwarz, aber nicht wolligt, wie das Haar der Mohren, sondern lang, seine Nase kurz, aber nicht flach; seine Lippen waren klein und seine Zähne weiss, wie Elfenbein. In beiden Ohren trug er allerhand Muschelwerk und Federn, worauf er sich nicht wenig einzubilden schien. Uebrigens gierig er nakt vom Kopf bis zu den Füssen.
Eine von den vorzüglichsten Tugenden unsers Robinsons war die Schamhaftigkeit. So gross daher auch sein Hunger war, so nahm er sich doch erst Zeit, für seinen nakten Hausgenossen aus einem alten Felle eine Schürze zu schneiden und sie durch Bindfaden zu befestigen. Dan gab er ihm zu verstehen, dass er sich neben ihm sezen sollte, um das Abendbrod mit ihm zu essen. Freitag (denn so wollen wir ihn nun künftig auch nennen) näherte sich ihm mit allen ersinlichen Zeichen der Ehrerbietung und der Dankbarkeit, kniete alsdan