, dass er seinem Feinde vollends den Rest damit zu geben wünschte. Unser Held, der ungern Menschenblut vergoss und gleichwohl die notwendigkeit, den Verwundeten völlig umzubringen, erkante, gab seinem Schuzgenossen das Beil, und wandte seine Augen weg. Dieser lief drauf hin; und spaltete dem Verwundeten auf einen Streich den Schedel bis in die Schulter herab. Dan kam er lachend wieder zurück und legte mit vielen sonderbaren Gebehrden das Beil und die Hirnschale des Erschlagenen zum Zeichen des Sieges zu Robinsons Füssen nieder.
Dieser gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er die Bogen und Pfeile der Getödteten nehmen und ihm folgen sollte. Der Wilde hingegen bedeutete ihm, dass er erst die toten Körper im Sande verscharren wolte, damit ihre Kameraden, wenn sie etwa nachfolgen sollten, sie nicht finden mögten. Robinson bezeugte ihm Beifal über diese seine Vorsichtigkeit, und da war er mit seinen Händen so hurtig darüber aus, dass er in weniger, als einer Viertelstunde schon beide Leichname verschart hatte. Dan wanderten Beide nach Robinsons wohnung und erstiegen den Berg.
Lotte. Aber, Vater, nun war ja Robinson ein Mörder geworden.
Frizchen. I, das waren ja nur Wilde, die er umgebracht hatte; das tut nichts!
Lotte. Ja, es waren aber doch Menschen!
Vater. Allerdings waren sie das, Frizchen, und wild oder gesittet tut hier nichts zur Sache. Die Frage ist nur, ob er ein Recht dazu hatte, diese Unglücklichen umzubringen? Was meinst du, Johannes?
Johannes. Ich glaube, dass er recht daran tat.
Vater. Und warum?
Johannes. Weil sie solche Unmenschen waren, und weil sie sonst den andern armen Wilden würden tot gemacht haben, der ihnen doch wohl nichts mogte zu Leide getan haben.
Vater. Aber wie konte Robinson das wissen? Vielleicht hatte dieser den Tod verdient? Vielleicht waren diejenigen, die ihn verfolgten, Diener der Gerechtigkeit, die von ihrem Oberhaupte dazu befehliget waren. Und dan, wer hatte Robinson zum Richter über sie bestellt?
Nikolas. Ja, aber wenn er sie nicht getödtet hätte, so würden sie seine Burg gesehen haben, und dan hätten sie es den Andern wieder erzählt –
Gotlieb. Und denn wären sie alle gekommen und hätten den armen Robinson selbst umgebracht.
Frizchen. Und aufgefressen dazu!
Vater. jetzt seid ihr auf dem rechten Flekke; zu seiner eigenen Sicherheit must' er's tun, ganz recht! Aber ist man denn wohl berechtiget, um sein eigenes Leben zu retten, einen Andern umzubringen?
Alle. O ja!
Vater. Warum?
Johannes. Weil Gott will, dass wir unser Leben erhalten sollen, so lange wir nur können. Wenn also einer uns umbringen will, so muss es ja wohl recht sein, ihn erst umzubringen, damit er's wohl müsse bleiben lassen.
Vater. Allerdings, lieben Kinder, ist eine solche Notwehr nach menschlichen und götlichen Gesezen recht, aber wohl gemerkt! – nur in dem einzigen Fal, wenn ganz und gar kein anderes Mittel zu unserer eigenen Rettung übrig ist. Haben wir hingegen gelegenheit, entweder zu entfliehen, oder von Andern beschüzt zu werden, oder unsern Verfolger ausser Stand zu sezen, uns zu schaden: so ist ein Angrif auf sein Leben ein wirklicher Mord, und wird auch von der Obrigkeit, als ein solcher, bestraft.
Vergesst nicht, lieben Kinder, Gott zu danken, dass wir in einem land leben, in welchem die Obrigkeit so gute Veranstaltungen zu unserer Sicherheit getroffen hat, dass unter hundert tausend Menschen höchst selten ein Einziger in die traurige notwendigkeit geraten kan, von dem Rechte der Notwehr Gebrauch machen zu müssen.
Genug für heute!
Sechzehnter Abend.
Nachdem die Geselschaft am folgenden Abend sich wieder versamlet hatte, und das Gewöhnliche »ah! von Robinson! von Robinson!« von Mund zu Mund geflogen war, fuhr der Vater in seiner merkwürdigen Erzählung folgendermassen fort:
Das schicksal unsers Robinsons, lieben Kinder, das uns allen so sehr am Herzen liegt, ist noch nicht entschieden. Er erstieg, wie wir gehört haben, mit seinem geretteten Wilden den Berg hinter seiner wohnung; und da haben wir ihn gestern verlassen, ungewiss, was aus beiden weiter werden würde? Seine Lage war noch immer sehr gefährlich: denn was konte man wahrscheinlicher vermuten, als dass die Wilden, so bald sie ihre unmenschliche Mahlzeit würden vollendet haben, ihren ausgebliebenen beiden Kameraden nachgehen und den entronnenen Gefangenen aufsuchen würden? Und taten sie das, wie sehr stand dan nicht zu besorgen, dass sie Robinsons wohnung entdekken, sie mit Gewalt erstürmen und ihn mit seinem Schuzgenossen zugleich abschlachten würden?
Robinson schauderte bei diesem Gedanken, indem er auf dem Gipfel des berges hinter einem Baume stand, und den abscheulichen Freudensbezeugungen und Tänzen der wilden Unmenschen von ferne zusahe. Er überlegte in der Geschwindigkeit, was wohl am besten sei, zu fliehen? oder sich in seine Burg zu begeben? Ein Gedanke an Gott, den Beschüzer der Unschuld, gab ihm Kraft und Mut das Leztere zu erwählen. Er kroch also, um nicht gesehen zu werden, hinter niedrigem Gesträuche bis zu seiner Strikleiter fort und befahl seinem gefährten durch Zeichen ein Gleiches zu tun. Und so stiegen beide hinab.
Hier machte der Wilde grosse Augen, da er die bequeme und ordentliche Einrichtung der wohnung seines Erretters sah, weil er so was schönes in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Es war ihm ungefähr eben