! Er zweifelte nicht, dass sie zur Schlachtbank geführt werden sollten, und in demselben augenblicke wurde diese seine Vermutung auf die schreklichste Weise bestätigst. Einige der Unmenschen schlugen nämlich den einen Gefangenen zu Boden und ein Paar andere fielen über ihn her, vermutlich, um ihm den Leib aufzuschneiden und ihn zu ihrem abscheulichen Gastmahle zu zubereiten. unterdessen stand der andere Gefangene als ein Zuschauer bei diesem unmenschlichen Schauspiele da, bis die Reihe an ihn kommen würde. Aber plözlich, da dieser arme Mensch merkte, dass alle mit seinem geschlachteten Kameraden beschäftiget waren und eben nicht sehr auf ihn achteten, ergrif er, in der hoffnung sein Leben zu retten, die Flucht, und lief mit unglaublicher Geschwindigkeit grade nach der Gegend zu, wo Robinsons wohnung war.
Freude, hoffnung, Furcht und Grauen ergriffen jetzt zugleich das Herz unsers Helden und färbten seine Wangen bald mit hoher Röte, bald mit Todtenblässe; Freude und hoffnung, weil er bemerkte, dass der Entronnene viel schneller laufen konte, als die, welche ihn verfolgten; Furcht und Grauen hingegen, weil der Verfolgte und die Verfolger ihren Weg grade nach seiner Burg zu nahmen. Indess war zwischen diesen und jenen noch ein kleiner Meerbusen, den der Unglückliche durchschwimmen muste, wenn er sich nicht gefangen geben wolte. Allein kaum war er dabei angekommen, als er ohne sich einen augenblick zu besinnen, hineinplumpte und mit eben der Schnelligkeit, die er im Laufen bewiesen hatte, nach dem gegenseitigem Ufer schwam.
Zwei seiner Verfolger, welche die Vordersten waren, schwammen ihm nach, die übrigen kehrten zu ihrem verruchten Gastmahle zurück. Mit innigem Vergnügen bemerkte Robinson, dass diese beiden auch im Schwimmen dem ersten bei weiten nicht gleich kamen. Dieser flohe schon gegen seine wohnung zu, indess die Andern noch nicht zur Hälfte durchgeschwommen waren.
In diesem augenblicke fühlte unser Robinson sich von einem Mute beseelt, der so gross und feurig noch nie in ihm erwacht war. Seine Blikke sprüheten Feuer; sein Herz drengte ihn, dem Unglücklichen beizuspringen; er ergrif seine Lanze und ohne sich einen augenblick länger zu bedenken, rant' er den Berg hinab und war in einem Hui! zwischen dem Verfolgten und seinen Verfolgern. Halt! rief er dem ersten mit lauter donnernder stimme zu, indem er aus dem Gebüsch hervorsprang; halt! Der arme Flüchtling sah sich um, und erschrak beim anblick des über und über in Felle gehülten Robinsons, den er vermutlich für ein übermenschliches Wesen hielt, dergestalt, dass er nicht wuste, ob er sich vor ihm niederwerfen oder entfliehen sollte.
Robinson winkte ihm mit der Hand, gab ihm zu erkennen, dass er zu seiner Beschüzung da sei, und rükte dabei almählig gegen seine beiden Verfolger an. jetzt war er so weit gekommen, dass er den ersten mit seinem Spiess erreichen konte. Er ermante sich, und versezte ihm einen so nachdrüklichen Stoss in den nakten Leib, dass er zu Boden stürzte. Der Andere, welcher noch ungefähr hundert Schritte entfernet war, stuzte; holte darauf einen Pfeil hervor und schoss auf Robinson, indem dieser eben auf ihn los gehen wolte. Der Pfeil traf grade die Stelle des Herzens, – aber glücklicher Weise nur so schwach, dass er von der harten Pelzjakke, wie von einem Panzer zurückpralte, ohne ihm auch nur im geringsten zu verlezen.
Unser mutige Streiter liess dem Feinde nicht Zeit, einen zweiten Schuss zu tun; er rante auf ihn zu, und strekte ihn in den Sand, indem er eben wieder den Bogen spante. Und jetzt sah er sich nach dem Geretteten um.
Der arme Flüchtling stand zwischen Furcht und hoffnung noch auf derselben Stelle, auf der ihm Robinson zugerufen hatte, ungewiss ob das, was vorging, zu seiner Errettung geschähe, oder ob die Reihe jetzt an ihn kommen werde. Der Sieger rief ihm abermals zu und winkte ihm, herbei zu kommen. Er gehorchte; stand aber bald wieder stille, trat abermals etwas näher und stand von neuem stille und zwar mit sichtbarer Angst und in der Stellung eines Betenden. Robinson gab ihm alle ersinliche Zeichen von Freundschaftsbezeugung und winkte ihm abermals herzu zu treten. Er tats; doch kniete er alle zehn oder zwölf Schritte mit den demütigsten Gebehrden nieder, als wenn er ihm danken, und zugleich ihm huldigen wolte.
Robinson nahm hierauf seine Maske ab um ihm ein menschliches und freundliches Gesicht zu zeigen; worauf er ohne Bedenken näher trat, vor ihm niederkniete, den Boden küsste, sich plat niederlegte und Robinsons Fuss auf seinen Nakken sezte, vermutlich zur Versicherung, dass er sein Sklav sein wolle. Unser Held, dem es mehr um einen Freund, als um einen Sklaven zu tun war, hob ihn liebreich auf, und suchte ihn auf jede nur mögliche Weise zu überzeugen, dass er nichts als Gutes und liebes von ihm zu erwarten habe. Allein da war noch mehr zu tun.
Einer der Erschlagenen, der den Stich nur in den Unterleib bekommen hatte und vermutlich nicht tödtlich verwundet war, fing an sich wieder zu erhohlen, und etwas ausgerissenes Gras in die Wunde zu stopfen um das Blut zu stillen. Robinson machte seinen Wilden aufmerksam darauf und dieser antwortete ihm einige Worte in seiner Landessprache, die jener zwar nicht verstand, aber welche doch wie Musik in seinen Ohren tönten, weil es die erste menschliche stimme war, die er nach so vielen Jahren wieder hörte. Hierauf zeigte der Indianer auf sein steinernes Beil, dan auf sich, und gab zu verstehen