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nach und nach wohl 2000 Zweige von dem weidenartigen Baume ein, dessen leichtes Fortkommen und schnellen Wachstum er nun schon erfahren hatte. Er pflanzte sie aber nicht in Reihen, sondern mit Fleiss unordentlich durch einander hin, damit das Ganze ein natürliches, nicht durch Menschenhände angelegtes Gebüsch zu sein schien.

Nächstdem beschloss er, aus dem innersten seiner Höhle einen unterirdischen gang bis an das andere Ende des berges durchzuführen, um, im Fal der Not, wenn seine Festung von Feinden erstiegen wäre, sich durch diesen Ausgang retten zu können. Dies war aber wieder ein mühseeliges und langwieriges Geschäft und es versteht sich von selbst, dass die Schifbauerarbeit darüber vor's erste eingestellt werden muste.

Er verfuhr aber bei diesem Ausgraben des unterirdischen Weges eben so, wie die Bergleute bei Anlegung der Stollen verfahren.

Gotlieb. Was sind das Stollen?

Johannes. Weisst du nicht mehr? Erst graben ja die Bergleute so grade hinein in die Erde, als wenn sie einen Brunnen machen wolten, das nennen sie einen Schacht; und denn, wenn sie schon ein bischen tief gegraben haben: so machen sie erst Quergänge zu den Seiten, und die nennen sie Stollen. Dan graben sie wieder einen Schacht und dan wieder einen Stollen, bis sie an Stellen kommen, wo das Erz liegt.

Vater. Gut erklärt! Nun, seht ihr, wenn sie nun so in die Quere, (man nent das Horizontal) graben: so würde ihnen die Erde von oben auf den Kopf fallen, wenn sie dieselbe nicht zu befestigen suchten. Also müssen sie, indem sie weiter arbeiten wollen, diese Erde erst durch Pfäle und Querhölzer stüzen, damit sie fest liege; und eben so macht' es nun auch Robinson.

Alle Erde, die er heraus arbeitete, warf er an die Baumwand, und trat sie fest, so dass dadurch nach und nach eine Erdmauer entstand, die wohl acht Fuss dik und wenigstens zehn Fuss hoch war. An verschiedenen Stellen hatte' er kleine Löcher, wie Schiessscharten, offen gelassen, um durchsehen zu können. Zugleich hatte' er einige Treppen eingeschnitten, um mit Bequemlichkeit auf und absteigen und seine Festung, wenn es einmal nötig sein sollte, von der Mauer herab verteidigen zu können.

Nun schien er vor einem plözlichen Ueberfalle hinlänglich gesichert zu sein. Aber wie? wenn die Feinde sich einfallen liessen, ihn förmlich zu belagern? Wie da?

Der Fal schien nicht unmöglich zu sein; er hielt es also für nötig, sich auch darauf gefasst zu machen, um nicht durch Hunger und Durst zur Uebergabe genötiget zu werden. In dieser Absicht beschloss er, wenigstens ein milchgebendes Lama immer auf seinem Hofraume zu halten und zum Unterhalte desselben einen nur in der Not anzugreifenden Heuschober in Bereitschaft zu haben; ferner so viel Käse, als er nur immer ersparen könnte, aufzubewahren und endlich einen Vorrat von Früchten und Austern von einem Tage zum andern so lange zu sparen, als sie sich nur halten würden.

Auf die Ausführung eines andern Einfals must' er Verzicht tun, weil er voraus sah, dass sie ihm gar zu viel Zeit kosten würde. Er wünschte nämlich, die Quelle, welche nicht weit von seiner wohnung hervorsprudelte und einen kleinen Bach machte, durch seinen Hofraum leiten zu können, um im Fal einer Belagerung auch mit wasser versehen zu sein. Aber da hätte er eine ziemlich grosse Anhöhe durchstechen müssen, welches von einem einzigen Menschen ohne grossen Zeitverlust nicht geschehen konte. Er hielt es daher für besser, dieses Projekt vor der Hand aufzugeben, und wieder zu seiner Schifbauerarbeit zurück zu kehren.

So verstrichen ihm nun wieder einige Jahre, in denen eben nichts vorfiel, welches erzählt zu werden verdiente. Ich eile daher zu einer der wichtigsten begebenheiten, welche auf das schicksal unsers guten Freundes einen grösseren Einfluss hatte, als alles, was bis hieher auf seiner Insel ihm begegnet war.

Es war an einem schönen warmen Morgen, als Robinson, da er schon mit seinem Schifbau beschäftiget war, in einiger Entfernung von sich unvermutet einen starken Rauch aufsteigen sah. Seine erste Empfindung bei diesem anblick war Schrekken, die zweite Neugier; und beide trieben ihn an, so geschwind er konte nach dem Berge hinter seiner wohnung zu laufen, um von da zu sehen, was doch die Ursache davon sein mögte. Kaum hatte' er den Berg bestiegen, als er zu seiner noch weit grösseren Bestürzung wenigstens fünf Kanoes, oder kleine Kähne, am Strande, und bei einem grossen Feuer wenigstens 30 Wilde erblikte, die unter barbarischen Gebehrden und Freudensbezeugungen einen Rundtanz hielten.

So sehr nun auch Robinson auf ein solches Schauspiel vorbereitet war, so fehlte doch nicht viel, dass er nicht abermals vor Angst und Schrekken alle Besonnenheit verlor. Doch rief er diesmahl seinen Mut und sein Vertrauen auf Gott geschwinder zurück; stieg eiligst hinab, um sich in den nötigen Verteidigungsstand zu sezen; legte seine ganze Rüstung an und fasste im Vertrauen auf Gott den mänlichen Entschluss, sein Leben, so lange er könnte, zu verteidigen. Kaum hatte' er diese Entschliessung genommen und durch ein kurzes Gebet sich darin bestärkt, als es ihm so leicht ums Herz ward, dass er Mut genug fühlte, die Strikleiter wieder hinan zu klettern, um die Bewegungen der Feinde von dem Gipfel des berges herab zu beobachten.

Aber wie schlug ihm das Herz von Unwillen und Entsezen, da er ziemlich deutlich zwei unglückliche Menschen aus den Kähnen hohlen und nach dem Feuerplaze hinschleppen sah