armen Brüder, die noch jetzt in dem unglückseeligen Zustande einer tierischen Wildheit leben!
Frizchen. Wo sind denn wohl jetzt noch solche Menschen?
Johannes. Weit, weit von hier, Frizchen, auf einer Insel die man neu-Seeland nent! Vater hat's uns vorigen Winter aus einer Reisebeschreibung vorgelesen. Da sollen die Leute auch noch so wild und barbarisch sein, dass sie Menschenfleisch essen. Aber die Engländer, die sie entdekt haben, werden sie wohl zahm machen.
Frizchen. Das ist gut!
Vater. Lasst uns nun wieder zu unserm Robinson zurückkehren. – Er wandte sein Gesicht von diesem grässlichen Schauspiel weg, ihm wurde übel, und er würde in Ohnmacht gesunken sein, wenn die natur sich nicht durch ein heftiges Erbrechen geholfen hätte.
Sobald er sich ein wenig erhohlt hatte, rante er mit der äussersten Geschwindigkeit davon. Kaum dass sein treues Lama ihm folgen konte. Doch lief es ihm nach. Aber so sehr hatte die Furcht den Verstand unsers armen Robinsons umnebelt, dass er auf seiner Flucht dieses ihm folgenden Tieres vergass, die Tritte desselben für den Fusstrit eines ihm nachjagenden Kannibalen hielt, und daher mit der grössten Selenangst alle seine Kräfte anstrengte, um ihm zu entlaufen. Noch nicht genug; auch seine Rüstung, seinen Spiess, seinen Bogen, sogar sein steinernes Beil – die er jetzt über alles hätte wert achten sollen – warf er von sich, weil sie ihm im Laufen hinderten. Dabei achtete er so wenig auf den Weg, dass er bald hier, bald da ausbeugte und am Ende, da er gar nicht mehr wuste, wo er war, sich in einem ordentlichen Zirkel herum drehete und nach ungefähr einer Stunde wieder an demselben schreklichen Orte war, von wannen sein Lauf angefangen hatte.
Neues Entsezen! Neue Betäubung! denn er merkte nicht, dass dies eben der Ort sei, den er schon einmal gesehen habe; sondern hielt ihn für ein zweites Denkmahl der unmenschlichen Grausamkeit derer, vor welchen er flohe. Er rante also mit der Schnelligkeit des Sturmwindes davon, und hörte nicht eher auf zu laufen, bis er ermattet, ohnmächtig und sinlos zu Boden stürzte.
Indess er so lag und von sich selbst nichts wuste, fand sein Lama sich wieder bei ihm ein und lagerte sich zu seinen Füssen. Zufälliger Weise war dies grade eben dieselbe Stelle, wo er vorher seine Waffen abgeworfen hatte. Da er also nach einiger Zeit die Augen wieder öfnete, fand er alle das Seinige neben sich im Grase liegen. Dies und alles vorhergehende schien ihm jetzt ein Traum zu sein; er wuste nicht, weder wie er selbst, noch wie alles dies hierher gekommen sei, so sehr hatte die Furcht ihn aller Besonnenheit beraubt!
Er machte sich von neuem auf; aber da die Heftigkeit des Affekts sich unterdessen um etwas gelegt hatte: so war er nunmehr sorgfältiger darauf bedacht, seine Waffen, das einzige Verteidigungsmittel, welches er hatte, zu erhalten, und nahm sie mit sich. Er fühlte sich aber so entkräftet, dass es ihm unmöglich war, ferner eben so geschwind als vorher zu laufen, so sehr die Furcht ihn auch dazu antrieb. Der Hunger war ihm für den ganzen Tag vergangen, und nur ein einziges mahl nahm er sich die Zeit, seinen Durst bei einer Quelle zu stillen.
Er hofte seine Burg zu erreichen; aber dies war ihm unmöglich. Da es schon angefangen hatte Nacht zu werden, befand er sich noch über eine halbe Stunde weit von seiner wohnung an einem Orte, den er seinen Sommerpallast zu nennen pflegte. Dieser bestand aus einer Laube und aus einer ziemlich weiten Umzäunung, worin er einen teil seiner Heerde hielt, weil hier viel fetteres Gras, als in der Gegend seiner ordentlichen wohnung wuchs. Er hatte hier in dem leztverflossenen Jahre verschiedene Sommernächte zugebracht, weil es daselbst weniger Musquitos gab; und darum hatte er dieser Laube den obbenanten Nahmen gegeben.
Seine Kräfte waren gänzlich erschöpft und es war ihm unmöglich weiter zu gehen, so gefährlich es ihm auch vorkam in einer unverwahrten Laube zu schlafen. Er beschloss also da zu bleiben. Kaum aber hatte er sich, ganz ermattet, den Kopf vol schwerer Gedanken und mehr träumend als wachend, auf den Boden hingestrekt, als er plözlich einen neuen Schrek hatte, der ihn beinahe getödtet hätte.
Johannes. Hilf Himmel! was dem doch alles begegnen muss!
Nikolas. Was war's denn?
Vater. Er hörte eine stimme, wie vom Himmel herab, die ihm ganz vernehmlich zurief: Robinson, armer Robinson, wo bist du gewesen? wie komst du hierher?
Gottlieb. Tausend! Was mogte denn das sein?
Vater. Robinson sprang erschrokken auf, zitterte, wie ein Espenblat, und wuste nicht, ob er davon laufen oder bleiben sollte. In demselben augenblicke hört' er die nemlichen Worte noch einmal aussprechen, und da er seine Augen nach dem Orte, woher der Schal kam, hinrichtete: fand er – was meint ihr?
Alle. Ja, wer kan das wissen!
Vater. – fand er, was der Furchtsame fast immer finden würde, wenn er sich nur Zeit zur Untersuchung nähme, – dass er gar nicht Ursache gehabt habe zu erschrekken. Die stimme kam nämlich nicht vom Himmel, sondern von einem Zweige seiner Laube, auf welchem – sein lieber Papagai sass.
Alle. Ah!
Vater. Dieser hatte zu haus vermutlich lange Weile gehabt, und weil er einige mahle