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weiser und besser wäre es doch gewesen, wenn er sich von Jugend an hätte gewöhnt gehabt, vor keiner auch noch so grossen Gefahr dergestalt zu erschrekken, dass er seines Verstandes nicht mehr mächtig bliebe. Und dahin, meine lieben Kinder, können wir es alle bringen, wenn wir uns nur frühzeitig genug bemühen, gesund und stark an Leib und Sele zu werden.

Johannes. Ja, wie wird man das aber?

Vater. Dadurch, lieber Johannes, wenn man durch eine arbeitsame, mässige und, so viel möglich, natürliche Lebensart seinen Körper abzuhärten, und seinen Geist durch unbefleckte Tugend und Gottesfurcht über jede Abwechselung des Schiksals zu erheben und gegen jedes Unglück im Voraus zu bewafnen sucht. Wenn ihr also, nach unserm Beispiel, euch mit einem mässigen Genusse gesunder, einfacher, und unerkünstelter speisen zu begnügen, und das süsse Gift der Lekkereien immer mehr zu verschmähen lernt; wenn ihr den Müssiggang, als eine Pest des Leibes und der Sele flieht und, so viel es immer möglich ist, bald durch Kopfarbeitdurch Lernen und Nachdenkenbald durch Handarbeit beschäftiget seid; wenn ihr euch oft freiwillig übt, etwas sehr Angenehmes, das ihr gar zu gern haben mögtet und auch haben köntet, aus eigener Entschliessung zu entbehren, und etwas sehr Unangenehmes, das euch äusserst zuwider ist und das ihr auch abwehren köntet, mit Vorsaz zu übernehmen; wenn ihr euch der Hülfleistungen anderer Menschen so wenig als möglich bedient, und vielmehr durch euren eigenen Verstand, und durch eure eigene Leibeskräfte eure jedesmaligen Bedürfnisse zu befriedigen, euch selbst zu raten und aus Verlegenheiten zu ziehen sucht; wenn ihr endlich in eurem ganzen Leben den grossen Schaz eines guten Gewissens zu bewahren, und dadurch euch des Beifals und der Liebe unsers almächtigen und algütigen himmlischen Vaters zu versichern euch bestrebt: dan, liebste Kinder, werdet ihr gesund und stark an Leib und Sele sein; dan werdet ihr bei jeder Abwechselung des Schiksals ruhig bleiben, weil ihr alsdan überzeugt seid, dass euch nichts begegnen kan, was euch nicht von einem weisen und liebevollen Gotte zu eurem wahren Besten zugesandt werde. –

Unser Robinson hatte es, wie wir sehen, in dieser auf Gottesfurcht gegründeten Standhaftigkeit noch nicht so weit gebracht, als zu seiner Ruhe und Glückseeligkeit nötig gewesen wäre. Daran war wohl ohnstreitig dieses Schuld, dass er nun einige Jahre hindurch ein ganz ruhiges von allen Gefahren und Unglücksfällen freies Leben geführt hatte. Die gar zu grosse Ruhe und Sicherheit verderben den Menschen, machen ihn weibisch und furchtsam; und es ist daher eine wahre Wohltat Gottes, wenn er uns zuweilen einige Widerwärtigkeiten zuschikt, die unsere Leibes- und Selenkräfte in Tätigkeit sezen und unsern Mut durch Uebung stärken messen.

Robinson stand, wie wir gehört haben, beim anblick der Menschenspur, wie vom Donner gerührt. Furchtsam blikt' er umher, lauschte mit grosser Aengstlichkeit auf jedes kleine Geräusch der Blätter, und wuste vor Verwirrung lange nicht, wozu er sich entschliessen sollte. Endlich rafte er sich auf, flohe, wie einer, der verfolgt wird, und hatte nicht das Herz, auch nur ein einziges mahl sich umzusehen. Aber plözlich machte ihn etwas stuzen, und verwandelte seine Furcht in Grausen und Entsezen.

Er sahbereitet euch, Kinder, einen schreklichen anblick zu ertragen, und den schauervollen Zustand zu sehen, worin Menschen geraten können, welche ohne Erziehung und Unterricht aufwachsen und sich selbst überlassen bleiben! – Er sah einen Ort, woselbst ein runder Kreis in die Erde gegraben war, in dessen Mitte er eine ehemalige Feuerstelle erblikte. Rund um diesen Ort herum lagenmich schaudert indem ichs erzählen mussHirnschalen, hände, Füsse und andere Gebeine menschlicher Körper, von denen das Fleisch abgenagt war.

Alle. Von wem? von wem?

Vater. VonMenschen; doch nein, nur von menschenähnlichen Geschöpfen, die so dum und viehisch aufgewachsen waren, dass sie, gleich wilden Tieren, weder von Ekkel, noch von mitleidiger Menschenliebe abgehalten wurden, das Fleisch ihrer geschlachteten Brüder zu verzehren. Es wohnten nämlich damahls, wie ich, wo mir recht ist, schon einmal erzählt habe, auf den Karibischen Inseln wilde Menschen, die man Karaiben, Kannibalen oder Menschenfresser nante, weil sie die abscheuliche Gewohnheit hatten, alle ihre Feinde, die sie im Kriege lebendig gefangen kriegten, zu schlachten, unter Tanzen und Singen zu braten, und dan mit unmenschlichem Heisshunger zu verschlingen.

Lotte. Fi! die abscheulichen Leute!

Vater. Ihre unmenschlichen Sitten, liebe Lotte, wollen wir verabscheuen, aber nicht die armen Leute selbst, die ja nichts davor können, dass man sie nicht unterrichtet und erzogen hat. Hättest du das Unglück gehabt, unter solchen armen Wilden geboren zu werden: gewiss! du würdest eben so, wie sie, nakt, wild und unvernünftig in Wäldern herumlaufen, würdest dein Gesicht und deinen Leib mit Rötel beschmieren, man würde dir Ohren und Nase durchlöchert haben, du würdest dich nicht wenig darauf einbilden, Vogelfedern, Muschelschalen und andere Dinge darin zu tragen, und an den unmenschlichen Mahlzeiten deiner wilden Eltern und Landsleute würdest du einen eben so frohen Anteil nehmen, als du jetzt an unsern bessern speisen nimst. Freuet euch also, lieben Kinder, und danket Gott dafür, dass er euch von gesitteten, vernünftigen und menschlichgesinten Eltern hat lassen gebohren werden, die es euch so leicht machen, auch gesittete, vernünftige und menschlichgesinte Menschen zu werden, und bedauert das schicksal unsrer