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und schloss daraus auf die jedesmalige Tageszeit. Endlich fiel 's ihm gar ein, eine Art von Sonnenuhr zu machen.

Johannes. Na, was der doch nicht alles machen will!

Vater. Freilig keine solche, als man bei uns machen kan, denn wo hätt' er dazu die nötige Geschiklichkeit, die Werkzeuge und die Materialien hergenommen? Aber doch eine, an der er wenigstens sehen konte, zu welcher Zeit es jedesmahl Mittag sei.

Johannes. Auch die wüst' ich doch gewiss nicht zu machen!

Vater. Und doch ist nichts leichter, als das! – Er stekte nämlich bloss eine grade Stange senkrecht in die Erde. Je näher es nun gegen Mittag kam, desto kürzer wurde der Schatten dieser Stange. Er merkte sich also den Ort, wohin der Schatten der Stange fiel, wenn er am kürzesten war; bezeichnete diesen Ort mit einem Striche, den er die Mittagslinie nante, und so oft dan der Schatten der Stange wieder in diese Mittagslinie fiel, wust' er, dass es grade Mittag sei. – Er bemerkte aber hierbei etwas Sonderbares, welches in Europa nie gesehen wird.

Johannes. Was denn?

Vater. Dieses, dass in einer Jahrszeit der Schatten der Stange, eben so wie bei uns, zur Mittagszeit nach dem Nordpol, in einer andern Jahrszeit hingegen grade umgekehrt, nämlich nach dem Südpol, hinfiel. Ja, was das Sonderbarste war, zuweilen machte die Stange zur Mittagszeit gar keinen Schatten.

Diderich. Ja, das glaube ich; weil die Insel, worauf er war, zwischen den beiden Wendezirkeln lag.

Vater. Richtig! – Ihr Kleineren, begreift das noch nicht. Aber geduldet euch; in vier Wochen werde' ich auch mit euch die Geographie anfangen; dan solt ihr dies und noch viele andere merkwürdige Dinge auch einsehen lernen.

Um nun aber wieder zu den täglichen Beschäftigungen unsers fleissigen Robinsons zurück zu kommen: so pflegte er um zwei Uhr Nachmittags wieder an seine Schifbauerarbeit zu gehen. Unter dieser wirklich schweren Arbeit bracht' er dan jedesmahl wiederum zwei volle Stunden hin. Waren diese verflossen, so lief er abermals nach dem Strande, teils um sich zum zweitenmahle zu baden, teils um wieder Austern zu suchen. Den Rest des Nachmittags wandt' er zu allerlei Gartenarbeit an. Bald pflanzt' er Maiz oder Kartoffeln, in der hoffnung einst wieder Feuer zu bekommen, um diese Gewächse nuzen zu können; bald pfropft' er noch mehr Kokusreiser ein; bald begoss er die gepfropften jungen Stämme; bald pflanzt' er Hekken, um sein Gartenland einzuschliessen; und bald beschnitt' er die Baumwand vor seiner Höhle, um die Zweige so zu ziehen, dass sie mit der Zeit zusammen wuchsen und eine grosse Laube ausmachten.

Zu Robinsons Leidwesen dauerte der längste Tag auf dieser Insel höchstens 13 Stunden, so dass es mitten im Sommer Abends um 7 Uhr schon finster ward. Er musste also alle Geschäfte, wobei er Licht brauchte, noch vor dieser Zeit vollenden. –

Gegen sechs Uhr also, wenn sonst nichts Wichtiges zu tun mehr übrig war, stelte er gemeiniglich noch einige ritterliche Leibesübungen an.

Gotlieb. Was heisst das?

Vater. Er übte sich im Bogenschiessen und im Spiesswerfen, um, in Fal der Not, sich gegen einen Anfal der Wilden, vor welchen ihm immer noch bange war, verteidigen zu können. In beiden bracht' er es nach und nach zu einer solchen Fertigkeit, dass er ein Ziel, welches nicht grösser, als ein Gulden war, nur sehr selten verfehlte.

Sobald die Dämmerung anbrach, molk er wiederum seine Lama's und hielt darauf eine ländliche und mässige Abendmahlzeit, wozu er sich von den Sternen oder von dem mond leuchten liess.

Die letzte Stunde des Abends wandt' er zum Nachdenken über sich selbst an. Er sezte sich nämlich entweder auf dem Gipfel des berges nieder, wo er das ganze Sternbesäte Himmelsgewölbe über sich hatte, oder er lustwandelte auch wohl in der Abendkühle nach dem Strande zu. Dan pflegt' er sich selbst in Gedanken folgende fragen vorzulegen:

»Wie hast du diesen Tag nun wieder hingebracht? Bist du im Genuss der Gaben Gottes, die dir heute wiederum zu teil geworden sind, auch wohl des grossen Gebers derselben immer eingedenk gewesen? Hat dein Herz auch Liebe und Dankbarkeit gegen ihn empfunden? Hast du ihm vertrau't, wenn's dir übel ging, und hast du seiner nicht vergessen, wenn du frölich warest? Hast du jeden bösen Gedanken, der dir einfiel, jede böse Begierde, die in dir rege ward, auch so gleich unterdrükt? Und hast du also heute wirklich zugenommen im Guten

So oft nun sein Herz auf diese und ähnliche fragen mit einem freudigen Ja! antworten konte: o wie war ihm dan so wohl! Und mit welcher Inbrunst sang er dan ein Loblied zum Preise des grossen Gottes, der zum Gutes tun ihm Seegen verliehen hatte! So oft er aber Ursache fand, mit sich selbst nicht so ganz zufrieden zu sein: o wie schmerzte es ihn dan, einen Tag seines Lebens verloren zu haben! Denn für verloren hielt er jeden Tag, an dem er etwas gedacht oder getan hatte, was er am Abend desselben misbilligen muste. Neben dem Striche, womit er einen solchen Tag in seinem Kalenderbaume bezeichnete, pflegte er ein Kreuz einzugraben, um sich beim anblick desselben seines Unrechts zu erinnern, und sich ins künftige destomehr davor in