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Der Gedanke an seine Befreiung wurde in diesem augenblicke so lebhaft in seiner Sele, dass er plözlich aufsprang, sein steinernes Beil ergrif, und spornstreichs nach dem Baume hinlief, um das grosse Werk sogleich anzufangen.

Aber hatte' er jemahls ein mühseeliges und langwieriges Geschäft unternommen, so war es dieses! Tausend andere Menschen werden nach dem ersten Hiebe den Arm mutlos wieder haben sinken lassen, und die Sache für unmöglich gehalten haben. Aber Robinson hatte sich nun einmal, wie wir wissen, zum Gesez gemacht, sich durch keine Schwierigkeit von irgend einem vernünftigen Vorhaben abschrekken zu lassen; und also blieb er auch diesmahl mit grosser Standhaftigkeit bei seinem einmal gefassten Vorsaze, die Ausführung desselben mögte ihm auch noch so viel Zeit und noch so viel Arbeit kosten!

Nachdem er von Sonnenaufgang an, bis gegen Mittag fast unaufhörlich gearbeitet hatte, war das Loch, welches er durch tausend Hiebe in den Stam gehauen hatte, noch nicht so gross, dass er seine Hand hineinlegen konte. Daraus könt ihr in voraus schliessen, wie viel Zeit er brauchen wird, um den ganzen ziemlich dikken Baum völlig umzuhauen, und ein schiff daraus zu zimmern.

Er sah nun wohl, dass das eine Arbeit von mehreren Jahren sein würde; und er hielt daher für nötig, eine ordentliche Einteilung seiner Tageszeit zu machen, um für jede Stunde ein gewisses Geschäft zu haben: Denn er hatte nun schon aus der Erfahrung gelernet, dass bei einem geschäftigen Leben nichts mehr unsern Fleiss befördert und erleichtert, als Ordnung und regelmässige Einteilung der Tagesstunden. Hier ist ein Verzeichniss, woraus ihr sehen könt, wozu er jede Stunde gewidmet hatte.

Sobald der Tag anbrach, stand er auf, und lief nach der Quelle, um Kopf, hände, Brust und Füsse zu waschen. Da er kein Handtuch hatte, so must' er sich von der Luft troknen lassen, welches er dadurch beförderte, dass er jedesmahl in vollem Laufe nach seiner wohnung zurück rante. Dan kleidete er sich völlig an. War dieses geschehen, so erstieg er den Hügel über seiner Höhle, wo er eine freie Aussicht hatte, warf sich daselbst auf die Knie und verrichtete ein andächtiges Morgengebet, wobei er nie vergass, Gott um Seegen für seine lieben Eltern zu bitten. Hierauf molk er seine Lama's, von denen er sich nach und nach eine kleine Heerde zugezogen hatte. Einen teil der jedesmahligen Milch verwahrt' er in seinem Keller, die Uebrige genoss er zum Frühstük. Darüber war denn ungefähr eine Stunde verflossen. Nun legt' er alles, was zu seiner Bewafnung gehörte, an und machte sich auf den Weg, entweder gleich nach dem Orte, wo der Baum stand, oder, fals es eben Ebbezeit war, erst nach dem Strande, um einige Austern zum Mittagsessen aufzulegen. Seine Lama's liefen dan gewöhnlich alle hinter ihm her und weideten neben ihm herum, indess er selbst mit Hauen beschäftigst war.

Gegen zehn Uhr war die Hize gemeiniglich schon so stark, dass er mit seiner Arbeit einhalten muste. Dan ging er wieder nach dem Strande, teils um Austern zu suchen, fals er des Morgens keine gefunden hatte, teils um sich zu baden, welches er gewöhnlicher Weise des Tages zweimahl zu verrichten pflegte. Gegen elf Uhr war er mit seiner ganzen Begleitung wieder zu haus.

Dan molk er abermals die milchgebenden Lama's, bereitete Käse aus der sauergewordenen Milch, und richtete seine kleine Mittagsmahlzeit an, die gemeiniglich aus Milch mit frischem Käse vermischt, einigen Austern und einer halben Kokusnuss bestand. Es kam ihm dabei sehr zu statten, dass man in diesen heissen Erdgegenden nicht halb so viel Appetit zu haben pflegt, als in den kälteren Ländern. Demohngeachtet sehnt' er sich sehr nach Fleischspeisen und konte endlich nicht umhin, wieder zu dem anfänglich von ihm erdachten Mittel, das Fleisch durch klopfen mürbe zu machen, seine Zuflucht zu nehmen.

Während seiner Mahlzeit beschäftigte er sich mit seinem Papagai, dem er allerlei vorplauderte, um ihn einige Worte sprechen zu lehren.

Frizchen. Womit fütterte er ihn denn?

Vater. In der Wildheit pflegen die Papagaien sich grösstenteils von Kokusnüssen, Eicheln und Kürbiskörnern zu nähren: zahm essen sie fast alles, was Menschen essen. Robinson fütterte den Seinigen mit Kokusnüssen und Käse.

Nach der Mahlzeit ruhete er eine Stunde im Schatten oder in seiner Höhle aus, der Papagai und die Lama's um ihn herum. Da kont er nun zuweilen sizen und zu den Tieren plaudern ordentlich wie ein kleines Kind, das mit seiner Puppe redet, und sich einbildet, dass die Puppe es verstehe. So gross war das Bedürfniss seines Herzens, irgend einem lebendigen Wesen seine Gedanken und seine Empfindungen mitzuteilen, dass er oft darüber vergass, dass er zu unvernünftigen Tieren rede. Und wenn sein Papchen, den er Pol nante, dan je zuweilen ein verständliches Wort ihm nachschwazte: o wer war da glücklicher, als er! Er glaubte eine menschliche stimme zu hören; vergass Insel, Lama's und Papagai und war in seiner Einbildung mitten in Europa. Aber dieser süsse Traum dauerte gemeiniglich nur eine Minute; dan sass er wieder da im vollen Bewustsein seines kläglichen Einsiedlerlebens und seufzte: armer Robinson!

Gegen zwei Uhr Nachmittags

Nikolas. Ja, wie wust' er denn immer, was die Glokke geschlagen hatte?

Vater. Anfangs macht' er es bloss so, wie es die Landleute zu machen pflegen; er beobachtete den Stand der Sonne