1779_Campe_126_58.txt

. über eine Sache, die unserm Robinson die ganze Nacht hindurch im kopf herum gegangen ist, und wovor er kein Auge hat zu tun können.

Alle. Nun?

Vater. Es war die Frage, ob er den alten Kokusbaum, den er gestern gesehen hatte, in der ungewissen hoffnung, ob er daraus ein schiff würde machen können, umhauen oder stehen lassen sollte.

Johannes. Ich hätt' ihn hübsch wollen stehen lassen.

Diderich. Und ich hätt' ihn umgehauen.

Vater. Da sind also zwei entgegengesezte Meinungen; der Eine will den Baum umhauen, der Andere will ihn stehen lassen. Lasst doch hören, ihr Andern, was ihr dazu sagt?

Gotlieb. Ich halt' es mit Johannes.

Lotte. Ich auch, lieber Vater! Der Baum sol stehen bleiben.

Frizchen. Nein er sol umgehauen werden, dass der arme Robinson ein schiff kriegt.

Nikolas. Das sag ich auch!

Vater. Nun so stellt euch in zwei Parteien; und dan wollen wir hören, was jeder für Grund zu seiner Meinung hat. – So! Nun, Johannes, mache du den Anfang; warum sol der Baum stehen bleiben?

Johannes. I, weil er so schöne Früchte trägt, und weil diese Art von Bäumen so was Seltenes auf der Insel ist!

Diderich. O es ist schon ein alter Baum; der wird doch nicht lange mehr Früchte tragen!

Johannes. Woher weisst du das? Er ist ja nur erst ein wenig hohl; und wie viel hohle Bäume giebts nicht, die noch manches Jahr Früchte tragen.

Nikolas. Robinson hat ja schon andere Bäume gepfropft; nun wird er bald Kokusbäume genug kriegen?

Gotlieb. Ja, aber sind die denn sogleich gross? Da können ja wohl vier Jahre über hingehen, ehe die anfangen, Früchte zu tragen.

Frizchen. Ist es denn nicht besser, dass er ein schiff kriegt, und wieder zu Menschen fährt, als dass er da immer auf seiner Insel sizt und Kokusnüsse isst?

Johannes. Ja, wenn das schiff so gleich fertig wäre! Womit will er denn den Baum umhauen, und womit will er ihn aushöhlen, da er nur eine steinerne Axt hat?

Diderich. O, wenn er nur lange genug daran hauet und nicht ungeduldig wird, so wird er schon damit zu stand kommen!

Gotlieb. Aber denn so hat er ja noch kein Segel! Was will er denn mit dem blossen Schiffe anfangen?

Nikolas. O er muss sich mit Rudern helfen!

Lotte. Ja, das wird schön gehen! Weisst du nicht mehr, da wir bei Travemünde auf der Ostsee waren [Fussnote], und dem einen Matrosen das Ruder brach, wie es uns da beinahe gegangen wäre? Vater sagte ja, wenn das zerbrochene Ruder nicht noch zu gebrauchen gewesen wäre: so hätte uns der andere Matrose allein nicht wieder ans Land bringen können.

Diderich. O das war auch ein grosser Kahn, und waren ja achtzehn Menschen drin. Wenn sich Robinson einen kleinen Kahn und zwei Ruder macht, so wird er ihn schon allein regieren können.

Vater. Nun, Kinder, ihr seht, die Sache ist gar nicht leicht zu entscheiden. Alles, was ihr da gesagt habt, ging dem guten Robinson die ganze Nacht hindurch auch im kopf herum; und das nennt man eine Sache überlegen, wenn man nachdenkt, ob es besser sei, sie zu tun, oder nicht zu tun. Seitdem Robinson die traurigen Folgen seiner übereilten Entschliessung, in die weite Welt zu reisen, empfunden hatte, hatte' er sich's zur beständigen Regel gemacht, nie wieder etwas zu tun, ohne erst vorher eine vernünftige überlegung darüber angestellt zu haben. Das tat er also auch jetzt. Nachdem er nun die Sache lange genug hin und her überdacht hatte; so fand er, dass Alles auf die Frage ankomme: ob es recht sei, einen kleinen, aber gewissen Vorteil hinzugeben, um einen grösseren, aber noch ungewissen Vorteil dadurch zu erlangen? Da fiel ihm nun zuerst die Fabel von dem Hunde ein, der das Stük Fleisch, welches er im mund hielt, fahren liess, um nach dem Schatten desselben im wasser zu greifen, und darüber am Ende gar nichts hatte. Aber bald darauf erinnerte er sich auch, wie es die Landleute machen; dass sie nämlich einen teil des Korns, welches sie schon haben, ausstreuen, in der hoffnung, noch weit mehr dadurch zu gewinnen. Das Verfahren des Hundes nent jederman unvernünftig, das Verfahren des Landmans hingegen vernünftig und klug: »was mag denn wohl, dachte Robinson, der Unterschied hiebei sein

Er san noch ein Weilchen darüber nach und dan sagt' er zu sich selbst: »ja, ja, so ist es! Der Hund handelte unvernünftig, weil er nur seiner Begierde folgte, ohne zu überlegen, ob er das, was er haschen wolte, auch wirklich erlangen könnte. Der Akkersman aber handelt vernünftig, weil er mit grosser Wahrscheinlichkeit hoffen kan, dass er mehr Korn wieder bekommen werde, als er ausstreuet

»Nun, sagt' er ferner, bin ich nicht in demselben Falle? Ist es nicht wahrscheinlich, dass ich durch anhaltenden Fleiss endlich damit zu stand kommen werde, aus dem alten Baume einen Kahn zu machen? Und wenn mir dieses glückken sollte, hab' ich dan nicht hoffnung, mich damit aus dieser traurigen Einöde befreien zu können