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zu einer Zeit, da er grade nicht am Strande wäre: fasste er den Entschluss, auf der vorspringenden Erdzunge ein Zeichen aufzurichten, aus welchem jeder, der da ankäme, seine Not ersehen könnte. Dieses Zeichen bestand in einem Pfahle, an welchem er eine Flagge wehen liess.

Nikolas. Ja, wo kriegt' er denn die Flagge her?

Vater. Das will ich dir sagen. Sein Hemde befand sich jetzt in einem Zustande, dass es unmöglich länger getragen werden konte. Er nahm also den grössten Lappen desselben und machte ihn zur Flagge an dem aufgerichteten Pfahl.

Nun hätt' er auch gern eine Inschrift auf den Pfahl gesezt, um seine Not noch deutlicher zu erkennen zu geben: aber wie solt' er das anfangen? – Das einzige Mittel dazu, welches in seiner Gewalt stand, war dieses, dass er die Buchstaben mit seinem steinernen Messer einschnit. Aber nun entstand die Frage: in welcher Sprache er die Inschrift abfassen sollte? Tat er es in deutscher oder englischer Sprache, so konte vielleicht ein französisches, oder spanisches oder portugisisches schiff kommen, und dan würden die Leute auf demselben nicht verstanden haben, was die Worte bedeuteten. Glücklicher Weise besan er sich auf ein Paar lateinische Worte, mit denen er seinen Wunsch ausdrükken konte.

Gotlieb. Ja, würden denn das die Leute verstehen?

Vater. Die lateinische Sprache, wie ihr wisst, hat sich durch alle Länder Europens verbreitet und die meisten Menschen, die eine ordentliche Erziehung gehabt haben, verstehen wenigstens etwas davon. Robinson durfte also hoffen, dass auf jedem Schiffe, welches da ankäme, wenigstens einer sein würde, der seine Inschrift verstünde. Also macht' er sie fertig.

Johannes. Wie hiess sie denn?

Vater. Ferte opem misero Robinsonio! Verstehst du, Lotte?

Lotte. I ja: helft dem armen Robinson!

Vater. jetzt bestand sein grösstes Bedürfniss in dem Mangel an Schuhen und Strümpfen. Diese waren ihm endlich stükweise abgefallen und die Musquitos verfolgten seine blossen Beine so entsezlich, dass er vor Schmerzen nicht zu bleiben wusste. Gesicht, hände und Füsse waren ihm seit der Regenzeit, wodurch die Insekten sich auf eine unbeschreibliche Weise vermehrt hatten, dergestalt von schmerzhaften Stichen aufgeschwollen, dass sie gar kein menschliches Ansehen mehr hatten.

Wie oft sezte er sich in seinen Gedankenwinkel, um ein Mittel zu seiner Bedekkung auszusinnen! Aber immer vergebens; immer fehlt' es ihm an Werkzeugen, und an nötiger Kentniss, um das zu stand zu bringen, was er zu machen wünschte.

Das leichteste unter allen Mitteln zu seiner Bekleidung schienen ihm die Felle der geschlachteten Lama's darzubieten. Aber diese waren noch roh und steif; und zum Unglück hatte' er sich nie darum bekümmert, wie die Lohgärber und die Weissgärber es anfangen, um rohe Felle zu zubereiten. Und hätt' er dies auch gewusst; so hatte er doch keine Nadel und keinen Zwirn, um aus dem Leder irgend ein Kleidungsstük zusammen zu nähen.

Die Not war indess dringend. Er konte weder bei Tage arbeiten, noch zur Nachtzeit schlafen, so unaufhörlich verfolgten ihn die Fliegen mit ihren Stacheln. Es musste also notwendig irgend etwas geschehen, wenn er nicht auf die erbärmlichste Weise umkommen wolte.

Diderich. Wozu mag doch Gott auch wohl die fatalen Insekten eigentlich geschaffen haben, da sie einem nur zur Last sind?

Vater. Wozu meinst du wohl, dass der liebe Gott dich und mich und andere Menschen erschaffen hat?

Diderich. Dass wir in seiner Welt glücklich sein sollen.

Vater. Und was bewog ihn denn wohl, das zu wollen.

Diderich. Ja, weil er so gut ist, und nicht gern allein glücklich sein wolte.

Vater. Ganz recht. Aber meinst du nicht, dass die Insekten auch einer Art von Glückseeligkeit geniessn?

Diderich. Ja, das wohl; man sieht, wie sie sich freuen, wenn die Sonne so warm scheint.

Vater. Nun, ist es dir also nicht begreiflich, warum auch sie von Gott geschaffen sind? Sie sollen sich auf seiner Erde auch freuen und so glücklich sein, als sie ihrer natur nach werden können. Ist diese Absicht nicht sehr liebreich, und eines so guten Gottes würdig?

Diderich. Ja, ich meine nur, der liebe Gott hätte wohl nur lauter solche Tiere schaffen können, die keinem was zu Leide tun!

Vater. Danke Gott, dass er das nicht getan hat.

Diderich. Warum?

Vater. Weil du und ich und wir Alle sonst auch nicht da wären.

Diderich. Wie so?

Vater. Weil wir grade zu den reissendsten und verheerendesten unter allen Tierarten gehören! Alle andere Geschöpfe auf Erden sind nicht nur unsere Sklaven, sondern wir tödten sie auch nach Gefallen, bald um ihr Fleisch zu essen, bald um ihre Felle zu bekommen; bald weil sie uns im Wege sind, bald um dieser, bald um jener unerheblichen Ursache willen. Wie viel mehr Recht hätten also die Insekten zu fragen: warum mag doch Gott wohl das grausame Tier, den fatalen Menschen erschaffen haben? – Was würdest du nun der Fliege auf diese Frage antworten?

Diderich. (Verlegen) Jadas weiss ich nicht.

Vater. Ich würde ungefähr so zu ihr sprechen: »liebe Fliege, deine Frage ist sehr verwegen, und beweiset, dass du mit deinem kleinen kopf noch nicht ordentlich zu denken gelernt hast. Sonst würdest du bei dem geringsten Nachdenken leicht erkant