Augen. »Das sol mir, dachte er bei sich selbst, eine Lehre sein, dass ich künftig nicht gleich etwas leugne, was ich nicht begreifen kan!«
Mutter. Ging er da nicht zu Bette, nachdem er das gesagt hatte?
Gotlieb. O Mutter, wir sind ja noch alle so munter!
Vater. Ganz zuverlässige Nachricht habe ich nicht davon. Indess, da ich in der alten geschichte seines einsamen Aufentalts auf dieser Insel für diesen Tag weiter nichts aufgezeichnet finde: so vermute ich selbst, dass er mit diesen Worten sich zu Bette legte. Und so wollen wir's denn auch machen, um, so wie er, Morgen früh mit der Sonne zugleich wieder aufstehen zu können.
Eilfter Abend.
Gotlieb. Vater, nun wolt' ich wohl in Robinsons Stelle sein!
Vater. Woltest du das?
Gotlieb. Ja, nun hat er ja Alles, was er braucht und lebt in einem so schönen land, wo es niemals Winter wird!
Vater. Alles, was er braucht?
Gotlieb. Ja, hat er nicht Kartoffeln und Fleisch und Salz, und Citronen und Fische und Schildkröten und Austern, und kan er nicht von der Milch, die ihm die Lama's geben, Butter und Käse machen?
Vater. Das hat er wirklich schon seit einiger Zeit getan; ich hab es nur vergessen zu sagen.
Gotlieb. Na, und Bogen und Spiess hat er auch, und eine gute wohnung auch: was wolt' er denn mehr?
Vater. Robinson wusste das Alles sehr zu schäzen und dankte Gott dafür; und doch – hätt' er sein halbes künftiges Leben darum gegeben, wenn ein schiff gekommen wäre, um ihn wieder in sein Vaterland zurück zu bringen.
Gotlieb. Ja, aber was fehlte ihm denn noch?
Vater. Viel, sehr viel, um nicht Alles zu sagen. Es fehlte ihm an dem, ohne welches keine wahre Glückseeligkeit hienieden möglich ist, an Geselschaft, an Freunden, an Wesen seiner Art, die er lieben und von denen er wieder geliebt werden könnte. entfernt von seinen Eltern, die er so sehr betrübt hatte, entfernt von seinen Freunden, die er niemals wieder zu sehen hoffen durfte, entfernt von allen, allen Menschen auf der ganzen Erde – ach! was hätte ihm in dieser traurigen Lage auch der grösste Ueberfluss an allen irdischen Gütern für sonderliche Freude machen können? Versuche es, junger Freund, versuche es nur einmal einen einzigen Tag, an einem einsamen Orte ganz allein zu sein, und du wirst es fühlen, was es mit dem einsamen Leben auf sich hat!
Und dan, so fehlte auch noch sehr viel daran, dass Robinsons anderweitige Bedürfnisse völlig wären befriediget gewesen. Alle seine Kleidungsstükke verfielen nach und nach in unbrauchbare Lappen, und noch sah er nicht, wie es ihm möglich sein werde, neue Kleider zu verfertigen.
Johannes. O die Kleider kont' er ja auch wohl entbehren auf seiner warmen Insel, wo es niemals Winter wurde!
Lotte. Fi! so hätte er ja nakt gehen müssen.
Vater. Zum Schuz wider die Kälte brauchte er freilich keiner Kleider; wohl aber zum Schuz wider die Insekten, besonders wider die Musquitos, wovon es auf dieser Insel wimmelte.
Nikolas. Was sind denn das für Tiere, die Musquitos?
Vater. Eine Art von Fliegen, die aber einen viel schmerzhaftern Stich, als die Unsrigen, verursachen. Sie sind eine grosse Plage für die Bewohner der heissen Erdgegenden: denn ihre Stiche lassen beinahe eben so schmerzhafte Beulen nach sich, als bei uns der Stich der Bienen und der Wespen. Robinsons Gesicht und hände waren fast immer davon aufgeschwollen. Was stand ihm nun nicht erst alsdan für Leiden bevor, wenn seine Kleidungsstükke einst völlig würden zerrissen sein! Und diese Zeit war nahe.
Dies und besonders die sehnsucht nach seinen Eltern und nach menschlicher Geselschaft überhaupt, pressten ihm manchen tiefen Seufzer aus, so oft er am Strande stand und mit nassen schmachtenden Augen über das unendliche Weltmeer hinblikte, und jedesmahl nichts, als wasser und Himmel, vor sich sah. Wie gross wurde ihm oft das Herz von vergeblicher hoffnung, wenn am entfernten Horizonte ein kleines Wölkchen empor stieg, und seine Einbildungskraft ein schiff mit Masten und Segeln daraus machte! Und wenn er dan des Irtums inne wurde: ach! wie stürzten ihm da die Tränen aus den Augen, und mit welchem bangen beklommenen Herzen kehrte er dan zu seiner wohnung zurück!
Lotte. O er hätte nur den lieben Gott recht sehr bitten sollen; so würde der gewiss ihm ein schiff zugeschikt haben!
Vater. Das tat er, liebe Lotte; er betete Tag und Nacht zu Gott um seine Erlösung; aber er vergass auch nie, hinzu zu sezen: doch, Herr, nicht mein Wille, sondern der Deinige geschehe!
Lotte. Warum tat er das?
Vater. Weil er jetzt vollkommen überzeugt war, dass Gott viel besser, als wir selbst, wisse, was uns gut ist. Er dachte also: wenn's meinem himlischen Vater nun so gefallen sollte, mich noch länger hier zu lassen, so muss er gewiss recht gute Ursachen dazu haben, die ich nicht einsehe; und also muss ich ihn nur unter der Bedingung um meine Befreiung bitten, wenn seine Weisheit es für nüzlich erkent.
Aus Besorgniss, dass einmal ein schiff vorbeifahren, oder sich bei der Insel vor Anker legen mögte,