1779_Campe_126_5.txt

sehen, wer am meisten abstreifen kan!

Vater. Sezt euch so herum, dass ihr die Sonne könt untergehen sehen; es wird heute ein schön Spektakel am Himmel geben. (Alle lagern sich und beginnen ihr Werk.)

Vater. Nun, Kinder, ich will euch heute eine recht wunderbare geschichte erzälen. Die Hare werden euch dabei zu Berge stehen, und dan wird euch das Herz wieder im leib lachen.

Gotlieb. O, aber mach's ja nicht zu traurig!

Lotte. Nein, nicht zu traurig; hörst du, Väterchen? Sonst müssen wir gewiss weinen, und können nicht davor.

Johannes. Nun, so lasst doch! Vater wird's schon wissen.

Vater. Seid unbesorgt, Kinder; ich will's schon so machen, dass es nicht gar zu traurig werde.

Es war einmal ein Man in der Stadt Hamburg, der hiess Robinson. Dieser hatte drei Söhne. Der Aelteste davon hatte Lust zum Soldatenstande, liess sich anwerben und wurde erschossen in einer Schlacht mit den Franzosen.

Der zweite, der ein Gelehrter werden wolte, hatte einmal einen Trunk getan, da er eben erhizt war; kriegte die Schwindsucht und starb.

Nun war also nur noch der Kleinste übrig, den man Krusoe nante, ich weiss nicht, warum? Auf den sezten nun der Herr Robinson und die Frau Robinson ihre ganze hoffnung, weil er jetzt ihr Einziger war. Sie hatten ihn so lieb, als ihren Augapfel; aber sie liebten ihn mit Unverstand.

Gotlieb. Was heist das, Vater?

Vater. Wirst es gleich hören. Wir lieben euch auch, wie ihr wisst; aber eben deswegen halten wir euch zur Arbeit an, und lehren euch viel angenehme und nüzliche Dinge, weil wir wissen, dass euch das gut und glücklich machen wird. Aber Krusoe's Eltern machten es nicht so. Sie liessen ihrem lieben Söhnchen in allem seinen eigenen Willen, und weil nun das liebe Söhnchen lieber spielen, als arbeiten und etwas lernen mogte: so liessen sie es meist den ganzen Tag spielen, und so lernte es denn wenig oder gar nichts. Das nennen wir andern Leute eine unvernünftige Liebe.

Gotlieb. Ha! ha! nu verstehe ich's.

Vater. Der junge Robinson wuchs also heran, ohne dass man wuste, was aus ihm werden würde. Sein Vater wünschte, dass er die Handlung lernen mögte; aber dazu hatte er keine Lust. Er sagte, er wolte lieber in die weite Welt reisen, um alle Tage recht viel neues zu sehen und zu hören.

Das war nun aber recht unverständig gesprochen von dem jungen Menschen. Ja, wenn er schon was rechts hätte gelernt gehabt! Aber was wolte ein so unwissender Bursche, als dieser Krusoe war, in der weiten Welt machen? Wenn man in Ländern sein Glück machen will: so muss man sich erst viel Geschiklichkeit erworben haben. Und daran hatte er bisher noch nicht gedacht.

Er war nun schon siebenzehn Jahr alt, und hatte seine meiste Zeit mit Herumlaufen zugebracht. Täglich quälte er seinen Vater, dass er ihn doch mögte reisen lassen; sein Vater antwortete: er wäre wohl nicht recht gescheit, und wolte nichts davon hören. Söhnchen, Söhnchen! rief ihm dan die Mutter zu, bleibe im land und nähre dich redlich!

Eines Tages

Lotte. Haha! nun wirds kommen!

Nikolas. O stille doch!

Vater. Eines Tages, da er, seiner Gewohnheit nach, bei dem Hafen herum lief, sah er einen Kammeraden, der eines Schiffers Sohn war und der eben mit seinem Vater nach London abfahren wolte.

Frizchen. In der Kutsche?

Diederich. Nein, Frizchen, nach London muss man zu Schiffe fahren über ein grosses wasser, das die Nordsee heisst. – Nun?

Vater. Der Kammerad fragte ihn: ob er nicht mit reisen wolte? Gern, antwortete Krusoe, aber meine Eltern werden es nicht haben wollen! I, sagte der Andre wieder, mache einmal den Spass und reise so mit! In drei Wochen sind wir wieder hier, und deinen Eltern kanst du ja sagen lassen, wo du geblieben seist.

»Aber ich habe kein Geld bei mirsagte Krusoe. – »Schad't nichts, antwortete der Andere; ich will dich schon frei halten unterwegens

Der junge Robinson bedachte sich noch ein Paar augenblicke; dan schlug er dem Andern auf einmal in die Hand und rief aus: »Top! ich fahre mit, Bruder! Nur gleich zu Schiffe!« – Darauf bestellte er jemand, der nach einigen Stunden zu seinem Vater gehen und ihm sagen sollte: er wäre nur ein bischen nach England gefahren und werde bald wieder kommen. Dan gingen die beiden Freunde an Bord.

Johannes. Fi! den Robinson mag ich nicht leiden.

Nikolas. Ich auch nicht.

Freund B. Warum denn nicht?

Johannes. Ja, weil er das tun kan, dass er so von seinen Eltern weg geht, ohne dass sie's ihm erlaubt haben!

Freund B. Hast Recht, Johannes, es war wirklich ein dummer Streich von ihm; wir müssen Mitleid mit seiner Dumheit haben. Gut, dass es solcher einfältigen jungen Leute, die nicht wissen, was sie ihren Eltern schuldig sind, nicht viel gibt!

Nikolas. gibt es mehr solche?

Freund B. Mir ist keiner dergleichen vorgekommen; aber das weiss