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ganz und gar keine feste Haltung gehabt hatte. Nichts war also wahrscheinlicher, als dass es über kurz oder lang von selbst würde eingestürzt sein. Das sah nun Gott nach seiner Alwissenheit vorher, und vermutlich auch, dass dies Felsenstük grade zu einer Zeit einstürzen wurde, da Robinson eben in der Höhle wäre. Da nun aber seine weise Güte diesem Menschen ein längeres Leben bestimte: so hatte er der Erde, von Anbegin der Welt her, eine solche Einrichtung gegeben, dass grade um diese Zeit auf dieser Insel ein solches Erdbeben entstehen musste. Selbst das unterirdische Krachen und das Heulen des Sturmwindes, so schreklich es auch in Robinsons Ohren klingen mogte, hatte zu seiner Errettung dienen müssen. Denn wenn das Erdbeben ohne alles Getöse entstanden wäre: so würde Robinson vermutlich nicht davon erwacht sein; und dan hätte der einstürzende Felsen seinem Leben sicherlich ein Ende gemacht.

Seht, Kinder, so hatte Gott abermals für ihn gesorgt zu einer Zeit, da er sich von ihm verlassen wähnte; und er hatte grade durch diejenigen fürchterlichen begebenheiten für ihn gesorgt, die Robinson als sein grösstes Unglück betrachtete.

Und diese seelige Erfahrung, werdet ihr selbst, meine Lieben, in eurem künftigen Leben oft zu machen gelegenheit haben. Wenn ihr nur auf die Wege der götlichen Vorsehung, die sie mit euch gehen wird, recht merken wolt: so werdet ihr bei allen den traurigen Vorfällen des Lebens, die eurer in der Zukunft warten, zweierlei immer wahr befinden, nämlich:

Erstlich, dass die Menschen sich das Unglück, welches ihnen begegnet, immer grösser vorstellen, als es in der Tat ist und dan

Zweitens, dass alles unser Leiden uns von Gott aus weisen und gütigen Ursachen zugeschikt werde, und also am Ende immer zu unserm wahren Besten gereiche.

Ja, Kinder, – o freut euch dieser tröstenden Wahrheit! – es lebt

Es lebt ein Gott, der seine Menschen liebt!

Wir sehen's, wohin wir blikken,

Am Nebel, der den Himmel trübt,

Wie an den reinsten Sonnenblikken.

Wir sehen's, wenn Donnerwolken glühn,

Und Berg' und Wald bewegen;

Und sehen's, wenn sie vorüber ziehen,

Am sanften lieben Regen.

jetzt sehen wir sie bei stetem Glück

In tausend, tausend Freuden;

Einst sieht sie unser nasser blick

In kleinen kurzen Leiden.

Zehnter Abend.

(Der Vater fährt in seiner Erzählung fort.)

Robinson, der nun schon seit einiger Zeit gewohnt war, Gebet und Arbeit mit einander zu vereinigen, warf sich erst auf seine Knie, um Gott für seine abermahlige Errettung zu danken; dan legt' er mutig Hand ans Werk, um seine wohnung von dem eingestürzten Schut zu räumen. Die blosse Erde war bald hinaus geschaft: aber nun lag unten das grosse Felsenstük, welches zwar in zwei Stükke zerbrochen war, aber doch auch so noch mehr, als eines Menschen Kraft, zu erfodern schien, um von der Stelle bewegt zu werden.

Er machte einen Versuch, den Kleinsten dieser Steinklumpen fortzuwälzen: aber vergebens! Er fand, dass diese Arbeit seine Kräfte bei weitem übersteige. Da stand er also wieder in tiefen Gedanken und wusste nicht, was er machen sollte.

Johannes. O ich wüsste wohl, was ich gemacht hätte!

Vater. Und was denn?

Johannes. I, ich hätte mir einen Hebel gemacht, wie wir neulich taten, da wir den Balken auf dem Hofraum fortwälzen wolten.

Gotlieb. Da bin ich nicht bei gewesen; was ist denn das ein Hebel?

Johannes. Das ist so eine dikke und lange Stange; die stekt man mit dem einen Ende unter den Balken, oder den Stein, den man fortbewegen will, und denn legt man einen kleinen Kloz oder Stein unter die Stange, aber recht nahe bei den Balken, den man wälzen will; und denn fasst man an das andere lange Ende der Stange und drükt sie so stark, als man kan, auf den kleinen Kloz; denn hebt sich der Balken und man kan ihn mit leichter Mühe fortwälzen.

Vater. Wie das geschieht, will ich euch zu einer andern Zeit erklären; jetzt hört, was Robinson tat.

Nach langem vergeblichen Nachsinnen, fiel ihm endlich eben dieses Hülfsmittel ein. Er erinnerte sich, in seiner Jugend zuweilen gesehen zu haben, dass alle Arbeitsleute es so zu machen pflegen, wenn sie schwere Lasten bewegen wollen; und er eilte nun den Versuch davon zu machen.

Es gelang ihm. In einer halben Stunde waren beide Steine, welche wohl vier Menschen mit ihren blossen Händen nicht von der Stelle gekriegt hätten, aus seiner Höhle glücklich hinaus gewälzt. Und nun hatte er die Freude seine wohnung noch einmal so geräumig, als sie vorher gewesen war, und zugleich, allem Ansehen nach, völlig sicher zu sehen. Denn nunmehr bestanden sowohl die Wände, als auch die Dekke, aus einem einzigen hohlen Felsen, in welchem nirgends auch nur die kleinste Rize zu sehen war.

Nikolas. Wie war's denn seiner Spinne ergangen?

Vater. Gut, dass du mich daran erinnerst; die hätte ich bald vergessen. Aber in der Tat weiss ich auch nichts mehr davon zu sagen, als dass sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, in den Ruinen der eingestürzten Dekke begraben war. Wenigstens sah sie Robinson nimmer wieder, und seine andern Freunde, die Lama's, ersezten ihm den Verlust derselben.

jetzt wagte er einen gang nach dem feuerspeienden Berge aus