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er sich an den Baum, von dem er herabgestiegen war; und seiner gepresten Brust entfuhren ohn' Unterlass Seufzer, die mehr Schrei, als Seufzer, waren. In dieser trostlosen Stellung verblieb er, bis die Morgenröte den neuen Tag verkündigte.

Gotlieb. zu Fr. R. Nun sehe ich, dass Vater doch recht hatte.

Fr. R. Worin?

Gotlieb. Ja, ich meinte neulich, dass Robinson nun schon ganz gebessert wäre, und dass ihn der liebe Gott nun wohl von seiner Insel erlösen könnte. Da sagte Vater, dass wüsste der liebe Gott selbst am Besten, und dass wir das nicht beurteilen könnten.

Fr. R. Und nun?

Gotlieb. Ja, nun sehe ich wohl, dass er doch noch nicht so viel Vertrauen zu Gott hat, als er haben sollte; und dass der liebe Gott recht tat, dass er ihn noch nicht erlösete.

Nikolas. Das habe ich auch schon gedacht; und nun bin ich ihm auch gar nicht mehr so gut.

Vater. Eure Bemerkung, Kinder, ist vollkommen richtig. Wir sehen freilig wohl, dass Robinson lange noch nicht das feste, unwandelbare kindliche Vertrauen zu Gott hatte, welches er, nach so vielen Beweisen seiner Güte und Weisheit, die er selbst erfahren hatte, billig hätte haben müssen. Aber ehe wir ihn deswegen verdammen: wollen wir uns erst einen augenblick an seine Stelle sezen, und unser eigenes Herz fragen, ob wir, an seinem Plaze, es auch wohl besser würden gemacht haben? Was dünkt dich, Nikolas, würdest du, wenn du Robinson gewesen wärest, wohl getroster gewesen sein?

Nikolas. (Mit leiser, zweifelhafter stimme.) Ich weiss nicht.

Vater. Erinnere dich einmal an die Zeit, da dir, deiner Augen wegen, eine spanische Fliege gelegt werden musste, die dir einige Schmerzen verursachte. Weisst du noch, wie kleinmütig du da zuweilen wurdest? Und das war doch nur ein kleines vorübergehendes Leiden, welches nur zwei Tage dauerte! Ich weiss, jetzt würdest du bei einer ähnlichen gelegenheit dich viel standhafter bezeigen: aber ob du auch schon stark genug sein würdest, alles das, was Robinson leiden musste, mit frommen kindlichem Sin zu ertragenwas meinst du, Lieber, sol ich daran auch nicht zweifeln? –

Dein Stilschweigen ist die rechte Antwort auf diese Frage. Du kanst es selbst nicht recht wissen, wie du dich in diesem Falle betragen würdest, weil du noch nie darin gewesen bist. Alles also, was wir jetzt tun können, ist dieses, dass wir bei den kleinen unbedeutenden Uebeln, die wir etwa zu erleben gelegenheit haben mögten, uns gewöhnen, unsere Augen immer auf Gott zu richten und immer geduldig, immer getrost zu sein. Dan wird unser Herz von Tage zu Tage stärker werden, auch grössere Leiden zu ertragen, wenn es Gott einst gefallen wird, uns deren aufzulegen.

Der neue Tag brach an, und das aufgehende Freudeverbreitende Licht des Tages fand den armen Robinson in der trostlosen Lage, worin er sich an den Baum gelehnt hatte. In seine Augen war kein Schlaf, und in seine Sele kein anderer Gedanke gekommen, als die einzige schwarze, schwermütige Frage: was sol nun aus mir werden?

Endlich machte er sich auf und schwankte, wie ein Träumender, nach seiner verwüsteten wohnung hin. Wie gross war aber nicht das freudige Schrekken, welches ihn überfiel, da ihm nahe bei seinem Hofplaze auf einmal seinewas meint ihr? – seine geliebten Lama's gesund und wohlbehalten entgegen sprangen! Anfangs traute er seinen eigenen Augen nicht, aber jeder Zweifel wurde ihm bald benommen. Sie kamen herzugerant, lekten ihm die hände und drükten ihre Freude, ihn wieder zusehen, durch Hüpfen und Blöken aus.

In diesem augenblick erwachte Robinsons Herz, welches bis dahin ganz erstorben zu sein schien. Er blikte auf seine Lama's, dan zum Himmel, und eine Träne der Freude, des Danks und der Reue über seine Kleinmütigkeit benezte seine Wangen. Dan überhäufte er seine ihm wiedergeschenkten Freunde mit freudigen Liebkosungen; und von ihnen begleitet ging er nun hin, zu sehen, was aus seiner wohnung geworden sei?

Diderich. Wie mogten sich denn die Lama's gerettet haben?

Vater. Vermutlich hatte die Wasserflut sie nach einem kleinen Hügel fortgerissen, wo ihre Füsse wieder Grund fassen konnten; und weil das wasser eben so schnel wieder sich verlief, als es aus der Luft herunter gestürzt war, so gingen sie vermutlich nach ihrer wohnung zurück.

Robinson stand jetzt vor seiner Höhle, und fand zu seiner abermahligen Beschämung, dass auch hier der Schade bei weitem nicht so gross sei, als er ihn in seiner Kleinmütigkeit sich vorgestellt hatte. Zwar war die Dekke, die aus einem Felsenstükke bestanden hatte, eingestürzt, und hatte das nächste Erdreich mit sich herabgerissen: aber es schien doch nicht unmöglich zu sein, alle diese Ruinen aus der Höhle wieder hinaus zu schaffen, und dan war seine wohnung noch einmal so geräumlich und bequem, als sie vorher gewesen war.

Hierzu kam noch etwas, welches ganz offenbahr bewies, dass die götliche Vorsehung das, was vorgefallen war, nicht um Robinson zu züchtigen, sondern vielmehr aus milder Fürsorge für ihn veranstaltet habe. Da er nämlich die Stelle, wo das Felsenstük gehangen hatte, genauer besichtigte, fand er zu seinem Erstaunen, dass es überal mit lokkerer Erde umgeben gewesen war, und also