warten«, war die Antwort, und so wurde also die schöne Lustreise bis auf weiter ausgesezt.
Man konte deutlich sehen, dass einigen unter ihnen diese Selbstüberwindung viel gekostet hatte. Diese waren auch den ganzen Tag über lange nicht so fröhlichen Muts, als sie sonst wohl zu sein pflegten. Das gab denn dem Vater gelegenheit, sie am Ende des Tages folgendermassen anzureden:
»Kinder, was euch heute begegnet ist, das wird in eurem künftigen Leben euch noch sehr oft begegnen. Ihr werdet, bald dieses, bald jenes irdische Glück erwarten; eure hoffnung wird sehr gegründet scheinen und euer Verlangen darnach wird ungemein feurig sein. Aber in dem augenblicke, da ihr das vermeinte Glück zu ergreifen meint, wird die alweise götliche Vorsehung plözlich einen unerwarteten Strich durch eure Rechnung machen, und ihr werdet euch in eurer hoffnung jämmerlich betrogen finden.
Die Ursachen, warum euer himlischer Vater so mit euch verfahren wird, werdet ihr so deutlich und so gewiss selten einsehen, als ihr diesem Morgen diejenigen Ursachen einsahet, warum wir heute nicht nach Travemünde gehen wolten. Denn da Gott unendlich weiser ist, als ich bin: so sieht er auch immer in die entfernteste Zukunft und lässt uns zu unserm Besten oft etwas begegnen, wovon wir die glücklichen Folgen erst lange nachher, ja wohl erst in dem ewigen Leben erfahren werden. Ich hingegen sah nur auf vier Wochen voraus.
Wäre nun in eurer Jugend euch Alles immer nach Wunsche gegangen, und hättet ihr dasjenige, was ihr hoftet, jedesmahl zur bestimten Zeit richtig erhalten: o Kinder, wie würde das in eurem künftigen Leben euch schlecht bekommen! Wie würde dadurch euer Herz verwöhnt werden, und wie unglücklich würde dies so verwöhnte Herz euch in der Folge machen; wenn die Zeit erst wird gekommen sein, da euch nicht Alles mehr, so ganz nach Wunsche gehen wird, als jetzt! Und diese Zeit wird kommen, meine Lieben; sie wird eben so gewiss für euch kommen, als sie für alle andere Menschen zu kommen pflegt. Denn noch ist kein Mensch auf Erden erfunden worden, der da hätte sagen können, dass es ihm in allen Dingen völlig nach seinem Sinne gegangen wäre.
Was ist demnach hierbei zu tun, ihr lieben Kinder? – Nichts anders, als dieses, dass ihr euch schon jetzt in eurer Jugend übet, oft ein Vergnügen zu entbehren, dessen ihr für euer Leben gern genossen hättet. Diese oft wiederhohlte Selbstüberwindung wird euch stark machen, stark am Geist und Herzen, um künftig mit gelassener Standhaftigkeit Alles, Alles ertragen zu können, was der weise und gute Gott zu eurem Besten über euch verhengen wird.
Seht, Kinder, hier habt ihr den Schlüssel zu manchem, euch rätselhaft scheinenden Betragen, welches wir Erwachsenen zuweilen gegen euch zu beobachten pflegen! Ihr werdet euch erinnern, dass wir euch oft ein Vergnügen versagten, dessen ihr gern genossen hättet. Zuweilen sagten wir euch wohl die Ursachen unserer abschlägigen Antwort, (wenn ihr nämlich sie begreifen kontet) zuweilen aber auch nicht, (wenn ihr nämlich sie noch nicht begreifen kontet.) – Und warum taten wir dieses? – Oft bloss darum, um euch in der allen Menschen so nötigen Geduld und Mässigung zu üben; um euch auf euer künftiges Leben vorzubereiten!
Nun wisst ihr auch, warum ich alle diese Tage hindurch mich beständig geweigert habe, euch die geschichte unsers Robinsons weiter zu erzählen. So viel Zeit hätte ich doch wohl erübrigen können, als erfodert wird, um euch wenigstens den Umstand aufzuklären, mit dem ich neulich geschlossen und worüber ich euch in einer unangenehmen Ungewissheit gelassen habe. Aber nein! ich sagte euch kein einziges Wort mehr davon, ungeachtet ihr mich batet, und ich so ungern euch etwas abschlage. Also warum tat ich das, Lotte?«
Lotte. Dass du uns lehren wolltest, Geduld zu haben.
Vater. Richtig! und gewiss, wenn ihr mir dereinst für irgend etwas danken werdet, so wird es dafür sein, dass ich euch gewöhnt habe, ohne grosse Betrübniss etwas zu entbehren, nach dessen Besize ihr doch ein grosses Verlangen in euch verspürtet. –
So gingen also wieder einige Tage hin, ohne dass vom Robinson etwas erzählt ward. Endlich aber erschien die sehnlich gewünschte Stunde, da der Vater durch nichts weiter abgehalten wurde, dem allgemeinen Verlangen ein Genüge zu leisten. Er fuhr also in der unterbrochenen Erzählung folgendermassen fort:
Es, war, wie ich schon neulich sagte, Nacht, und unser Robinson lag ruhig auf seinem Lager, die treuen Lama's zu seinen Füssen. Eine tiefe Stille herschte durch die ganze natur, und Robinson träumte, wie gewöhnlich, von seinen Eltern, als plözlich die Erde auf eine ungewöhnliche Weise erzitterte, und unter der Erde ein so entsezliches Brüllen und Krachen gehört wurde, als wenn viele Donnerwetter auf einmal losbrechen. Robinson erwachte mit Schrekken, und fuhr auf, ohne zu wissen, wie ihm geschahe und was er tun wolte. In dem augenblicke erfolgte ein schreklicher Erdstoss nach dem andern; das fürchterliche unterirdische Getöse dauerte fort; es erhob sich zu gleicher Zeit ein heulender Orkan, der Bäume und Felsen niederriss und das laute brausende Meer bis auf den tiefsten Abgrund durchwühlte. Die ganze natur schien in Aufruhr zu sein, und sich ihrem Ende zu nahen.
In wahrer Todesangst sprang Robinson aus der Höhle auf seinen Hofplaz und die erschrekten Lama's taten ein gleiches. Kaum waren sie heraus, als die über