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den Umständen passen, die sie von der unbekanten Begebenheit schon gehört hatten.

»Aber warum sollen wir's denn noch nicht wissenfragten einige unter ihnen mit recht kläglichen Gebehrden?

»Ich habe meine Ursachen«, antwortete der Vater.

Die Kinder, welche gewöhnt waren, sich mit dieser Antwort zu begnügen, drangen nicht weiter in ihn, und erwarteten mit bescheidener sehnsucht die Stunde, da diese Ursachen seines Stilschweigens aufhören würden. Indess, weil die erwachsenen Leute den Kindern leicht ins Herz sehen und alle ihre Gedanken erraten können, so war es auch dem Vater nicht schwer, einigen unter ihnen den Gedanken an der Stirn zu lesen: »aber was könnten doch das wohl für Ursachen sein, die ihn abhalten, uns den Gefallen zu tunEr hielt es also für nötig, sie bei dieser gelegenheit noch einmal zu überzeugen, dass es ihm nicht an gutem Willen fehle, ihnen so viel Freude zu machen, als er nur könne, und dass er also wichtige Ursachen haben müsse, warum er ihnen nicht jetzt das Vergnügen gewährte, ihnen weiter zu erzählen.

»Bereitet euch, sagte er zu ihnen, Morgen mit dem Frühesten die längst gewünschte Reise nach Travemünde zur Ostsee anzutreten

Nach Travemünde? – Zur Ostsee? – Morgen früh? – Ich auch, lieber Vater? – Ich auch? – so fragten alle mit einem mund, und da ein allgemeines Ja! alle diese fragen auf einmal beantwortete: so entstand ein Freudengeschrei, dergleichen wohl kürzlich nicht gehört worden, und wohl so bald nicht wieder gehört werden dürfte.

»Nach Travemünde! Nach Travemünde! Wo ist mein Stok? Hanne, wo sind meine Halbstiefel? Geschwind, die Bürste! Den Kam! Reine Wäsche! Nach Travemünde! O Geschwind! Geschwind! –« so ging's durchs ganze Haus, dass alle Wände davon erschollen.

Alles ward nun zur morgenden Wanderschaft vorbereitet; und die kleinen Wanderer taten in dem Feuer ihrer Freude tausend fragen, ohne eine einzige Antwort abzuwarten. Mit Mühe waren sie dahin zu bringen, sich denselben Abend zu Bette zu legen, weil sie die Zeit nicht erwarten konnten, dass der Tag wieder anbrechen und die Reise angetreten würde.

jetzt brach die erste Morgendämmerung an; und das ganze Haus ward laut. Vor allen Schlafzimmern ward getrommelt; und da half nichts, es muste Alles heraus!

Und da nun Alles, Gross und Klein, auf den Beinen war, und die ersten von den Lezten durch Liebkosungen und Freudensbezeigungen fast aufgerieben wurden: rieb der Vater die Augen und sagte in einem Tone, der mit der allgemeinen stimme der Freude einen erbärmlichen Misklang machte: »Kinder, wenn ihr mir einen Gefallen tun woltet, so sprächet ihr mich heute frei von meinem Versprechen

»Von welchem? Von welchem?« – und jeder Mund, der diese Frage tat, blieb vor ängstlicher Erwartung und vor halben Schrekken offen stehen.

Vater. Von dem Versprechen, heute mit euch nach Travemünde zu gehen. –

Nun war der Schrekken ganz; keiner konte eine Silbe hervorbringen.

Vater. Ich habe diese Nacht bedacht, dass wir einen dummen Streich machen würden, wenn wir diese Reise schon heute antreten.

»I, warum denn?« – mit halberstikter stimme, und mit einer zurück gehaltenen Träne.

Vater. Das will ich euch sagen, und ihr möget dan selbst entscheiden. – Erstlich haben wir seit einiger Zeit immer Ostwind gehabt, und der treibt alles wasser aus der Trave so geschwind ins Meer, dass aus dem Hafen bei Travemünde kein einziges schiff auslaufen und auch keins in denselben einlaufen kan, weil das wasser in der Mündung des Flusses viel zu seicht ist. Und Eins oder das Andere wolten wir doch wohl Alle gern sehen, wenn wir einmal da sind!

»O der Wind kan sich ja heute wohl noch umsezen

Vater. Dan ist mir noch etwas eingefallen. Wenn wir noch vier Wochen warteten: so wäre grade die Zeit, da die Häringe in ihrem grossen zug, aus dem Eismeere herunter, auch in das Baltische Meer oder in die Ostsee kommen. Dan schwimt ein ganzes Heer derselben auch bis zur Mündung der Trave, wo die Fischer ihrer eine grosse Menge mit leichter Mühe aus dem wasser herausziehen. Das wolten wir doch auch wohl gerne sehen? Nicht wahr?

»Jaaber –«

Vater. Nun hört aber noch meinen wichtigsten Grund! Was werden unsere neuen Freunde Matias und Ferdinand, die erst in vier Wochen zu uns kommen, von uns denken, wenn wir diese Lustreise angestellt hätten, ohne erst ihre Ankunft zu erwarten, um sie mitzunehmen? Würden sie nicht über uns seufzen, so oft wir künftig von dem Vergnügen dieser Reise redeten, und wurde uns Allen denn wohl die Erinnerung daran noch Freude machen können? Nein, gewiss nicht! Wir werden uns immer geheime Vorwürfe machen, dass wir nicht das an ihnen getan hätten, was wir wünschten, dass sie an uns tun mögten, wenn wir jetzt in ihrer Stelle und sie in der Unsrigen wären. – Also was sagt ihr?

Ein tiefes Stilschweigen.

Vater. Ihr wisst, ich habe nie mein Wort gebrochen; besteht ihr also darauf, so marschiren wir ab. Sprecht ihr mich aber selbst frei davon, so tut ihr mir, und unsern künftigen Freunden, und euch selbst einen Dienst. Also, sprecht! Was sol geschehen?

»Wir wollen