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sträubte, aus allen seinen Kräften mit sich fort, und die beiden Lämmerchen folgten ihm. Der kürzeste Weg war ihm jetzt der liebste; und auf diesem langte er endlich glücklich bei seiner wohnung an.

Aber nun war die Frage, wie er das Lama auf seinen Hofraum bringen sollte, den er, wie wir wissen, auf allen Seiten fest zugemacht hatte. Es oben von dem Felsen am Strik hinab zu lassen, war wohl nicht tunlich, weil er besorgen muste, dass es unterwegens erstikken werde. Er beschloss also, vor der Hand einen kleinen Stal neben seinem Hofplaze zu machen, und das Lama mit seinen Jungen so lange darin zu verwahren, bis er irgend eine bessere Anstalt würde getroffen haben.

Bis dieser Stal fertig wäre, band er es an einen Baum und fing so gleich die Arbeit an. Er hieb nämlich mit seinem steinernen Beil eine Anzahl junger Bäume ab, und pflanzte sie so dicht neben einander in die Erde, dass sie eine ziemlich feste Wand machten. Das Lama hatte sich unterdessen vor Müdigkeit nieder gelegt, und die Lämmer, die nichts davon wussten, dass sie Gefangene wären, lagen sorglos an ihren Zizen und liessen sichs wohl schmekken.

Was das für ein erfreulicher anblick für unsern Robinson war! Zehnmahl stand er stil, um den lieben Tierchen zuzusehen, und sich glücklich zu schäzen, dass er doch nun wenigstens einige lebendige Geschöpfe zu seiner Geselschaft habe! Von diesem augenblicke an, schien sein Leben ihm nicht mehr ganz einsam zu sein, und die Freude darüber gab ihm so viel Kraft und Munterkeit, dass er in kurzer Zeit mit der Anlegung des Stals zu stand kam. Dan führte er das Lama mit seinen Jungen hinein und verzäunte die letzte Oefnung mit dichten Zweigen.

Wie vergnügt er nun war – O das lässt sich mit Worten nicht beschreiben! Ausser der Geselschaft dieser Tiere, die ihm allein schon unschäzbar war, versprach er sich noch viel andere, recht grosse Vorteile davon; und das mit Recht! Von ihrer Wolle konte er sich vielleicht mit der Zeit irgend eine Kleidung machen lernen, ihre Milch konte er essen, konte auch Butter und Käse davon machen. Wie er dies alles eigentlich anfangen würde, das wusste er zwar noch nicht; aber er hatte nun schon hinlänglich erfahren, dass man an seiner Geschiklichkeit nicht verzweiflen müsse, wenn man nur Lust und Fleiss genug zur Arbeit brächte.

Eins fehlte noch, um sein Glück vollkommen zu machen. Er wünschte mit seinen lieben Tieren von einerlei Wänden eingeschlossen zu sein, um sie immer vor Augen zu haben, so oft er zu Haus wäre, und um sich die Freude zu machen, sie an seine Geselschaft gewöhnt zu sehen.

Lange zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er das wohl anzufangen habe? Endlich beschloss er, es so zu machen. Er wolte nämlich sich die Mühe nicht verdriessen lassen, die Baumwand seines Hofraums an einer Seite einzureissen und eine Neue von etwas grösserem Umfange anzulegen, damit sein Hof zugleich ein wenig erweitert würde. Um aber unter der Zeit, dass er die neue Baumwand anlegte, doch auch zugleich sicher wohnen zu können, nahm er sich klüglich vor, die alte Wand nicht eher einzureissen bis er mit der neuen würde fertig geworden sein.

Durch unverdrossenen Fleiss ward das Werk in einigen Tagen vollendet; und so hatte Robinson die herzliche Freude, sich in Geselschaft dreier Hausgenossen zu finden. Indess vergass er darüber nicht, wie viel Vergnügen ihm die Entdekkung seiner ersten Geselschafterin, der Spinne, verursachet hätte, und fuhr fort, sie täglich mit Fliegen und Mükken zu versorgen. Das Tier merkte auch bald seine freundschaftlichen Gesinnungen gegen sich und wurde so vertraut, dass es, so oft er das Nez berührte, hervorkam, um ihm die Fliege aus der Hand zu nehmen.

Auch das Lama und die Jungen gewöhnten sich bald an seine Geselschaft. So oft er zu haus kam, sprangen sie ihm entgegen, berochen ihn, ob er ihnen nichts mitgebracht habe, und lekten ihm dankbar die Hand so oft sie frisches Gras oder junge Baumreiser von ihm erhalten hatten.

Er gewöhnte darauf die Jungen von der Muttermilch ab, und fing an, die Alte des Morgens und des Abends ordentlich zu melken. Zu Gefässen dieneten ihm seine Kokusschalen, und der Genuss der Milch, die er zum teil süss verzehrte, zum teil sauer werden liess, vermehrte das Vergnügen seines einsamen Lebens um vieles.

Da der Kokusbaum ihm so sehr viel Vorteile verschafte: so hätte er ihn gar zu gern vervielfältigst gesehen. Aber wie solt' er das anfangen? Er hatte wohl gehört, dass man Bäume zu pfropfen oder einzuimpfen pflege; aber wie das eigentlich gemacht werden müsse, darum hatte er sich niemals bekümmert. O, seufzte er oft, wie wenig habe ich in meiner Jugend meinen Vorteil gekant, dass ich nicht auf Alles, was ich sah oder hörte, recht genau achtung gab, um den Leuten alle ihre Künste abzulernen! Hätte ich das Glück noch einmal jung zu werden: o wie wolt' ich aufmerksam sein auf Alles, was Menschen hände und menschliche Geschiklichkeit nur immer machen können! Es sollte kein Handwerker, kein Künstler sein, dem ich nicht etwas von seinen Kunststükken ablernen wolte.

Aber was halfen ihm diese Klagen jetzt, da es zu spät war, ihnen abzuhelfen? Besser war es, er richtete alle seine Gedanken darauf, wie er den Mangel an gelernten Künsten durch seine Erfindsamkeit ersezen mögte.