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Bäume sein Gebet zu verrichten, worin er nie vergass, seiner Eltern zu gedenken.

Gotlieb. O nun ist er doch ein recht guter Mensch!

Vater. Er ist jetzt auf dem besten Wege ein recht guter Mensch zu werden; und das hat er der weisen götlichen Vorsehung zu verdanken, die ihn hierher geführt hat.

Gotlieb. Nun könt' ihn Gott auch wohl wieder erretten, und ihn zu seinen Eltern zurück führen!

Vater. Gott, der Alles, was zukünftig ist, vorher sieht, weiss am Besten, was ihm gut ist, und darnach wird er auch sein schicksal einrichten. Zwar ist Robinson, allem menschlichen Ansehen nach, jetzt auf dem besten Wege der täglichen Besserung; aber wer weiss, was aus ihm werden dürfte, wenn er schon jetzt von seiner Insel befreit und zu seinen Eltern wieder zurückgeführt würde! Wie leicht ist es, dass ein Mensch wieder in seine vorigen Untugenden zurück verfällt! O Kinder, es ist ein wahres Wort: wer steht, der sehe wohl zu, dass er nicht falle!

Indem nun Robinson so am Strande herum ging, fiel ihm ein, dass es wohl nicht übel getan wäre, wenn er sich einmal badete. Er zog sich also die Kleider aus; aber wie erschrak er nicht, da er sah in welchem Zustande sein Hemde sei, das einzige welches er hatte! Da er es in einer so heissen Himmelsgegend schon so lange ununterbrochen am leib trug, so konte man fast nicht mehr sehen, dass die Leinewand ehemals weiss gewesen war. Ehe er sich also selbst badete, war er bemüht, das Hemde, so gut er konte zu waschen; dan hing er es an einem Baume auf und sprang ins wasser.

Er hatte in seiner Jugend schwimmen gelernt. Es machte ihm daher Vergnügen, von dem Orte, wo er ins wasser gestiegen war, nach einer Erdzunge hinzuschwimmen, die ziemlich weit ins Meer hinein lief und auf der er bisher noch nicht gewesen war.

Frizchen. Eine Erdzunge? Was ist das?

Vater. So nent man einen schmalen Strich Landes, der von einer Insel oder vom festen land sich ins Meer hinein erstrekt. Sieh, wenn jenes Ufer unsers kleinen See's, das da so etwas ins wasser hervor geht, noch weiter hinein ginge: so wäre das eine Erdzunge. Verstehst du's nun?

Frizchen. O ja!

Vater. Auch dieser Einfal unsers Robinsons war sehr glücklich gewesen. Er fand nämlich, dass diese Erdzunge zur Flutzeit unter wasser gesezt werde, und dass denn nachher, wenn die Ebbe wieder eintrete, eine grosse Menge Schildkröten, Austern und Muscheln darauf zurück blieben. Dasmahl kont' er zwar keine davon mitnehmen; auch brauchte er jetzt keine, weil seine Küche noch hinlänglich bestellt war: aber er freuete sich doch herzlich, diese neue Entdekkung gemacht zu haben.

In der Gegend des Meers, wo er herum schwam, wimmelte es dergestalt von Fischen, dass er sie beinahe mit Händen greifen konte. Hätt' er ein Nez gehabt: so würde' er viele Tausende derselben haben fangen können. Das hatte er nun zwar noch nicht; aber da er bisher in allen seinen arbeiten so glücklich gewesen war: so hofte er, dass es ihm auch einst gelingen würde, ein Fischernez zu verfertigen.

Froh über diese angenehme Entdekkungen stieg er wieder ans Land, nachdem er wohl eine Stunde im wasser gewesen war. Die warme Luft hatte sein Hemde schon ganz getroknet, und er hatte nun also auch das Vergnügen, einmal wieder reine Wäsche anzulegen.

Aber der Gedanke: wie lange diese Freude dauern wurde? Wie bald sein einziges Hemde, das er nun beständig tragen müsste, werde unbrauchbar geworden sein? Und was er dan anfangen sollte? – Dieser Gedanke verbitterte seine Freude gar sehr. Er fasste sich indess bald wieder und nachdem er sich angekleidet hatte, ging er singend nach haus: Wer nur den lieben Gott lässt walten, u. s. w.

Johannes. Das ist doch gut, dass er nun nicht mehr so kleinmütig ist und hübsch Gott vertraut!

Lotte. O ich wolte, dass der Robinson zu uns käme; ich habe ihn recht lieb!

Gotlieb. Ja, wenn Vater mir nur Papier geben wolte; so wolt' ich ihm gern einen Brief schreiben.

Nikolas. O ja, ich auch!

Johannes. Ich wolt' ihm auch wohl schreiben!

Lotte. Ja, das wolt' ich auch wohl: aber wenn ich nur schreiben könnte!

Mutter. Kanst mir vorsagen, was du ihm gern schreiben mögtest, so will ich's für dich aufschreiben.

Lotte. O das ist gut!

Mutter. Nun so komt! Ich will euch Andern Papier geben.

Nach einer halben Stunde kam Einer nach dem Andern herbei gesprungen, und zeigte was er geschrieben hatte.

Lotte. Hier, Väterchen! Sieh, da ist mein Brief! Nun liss ihn einmal!

Vater liest: [Fussnote]

Mein lieber Robinson,

Mache doch, dass du recht arbeitsam und gut werdest. Das wird den Leuten Freude machen und deinen Eltern auch. Ich grüsse dich sehr vielmahl. Du siehst nun, wie die Not nüzlich ist! Gotlieb und Johannes grüssen dich vielmahl; Diderich und Nikolas auch. Korn einmal zu uns, so will ich dich auch noch besser unterrichten.

Lotte.

Gotlieb. Nun meinen, lieber Vater! Hier ist er!

Vater liest:

Mein lieber Freund