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Das fing er nun so an. An zwei Bäume, die etwas über eine Elle weit aus einander standen, knöpfte er einen Faden unter den andern, und zwar so dicht, als möglich. Dies sollte das sein, was bei dem Weber der Aufzug ist. Dan knöpfte er von oben herunter wiederum einen Faden neben dem andere gleichfalls so dicht, als möglich; und zwar machte er mit diesen herunter gehenden Faden um jeden Querfaden einen Knoten, recht so, wie es bei dem Filetmachen geschieht. Diese herunter gehenden Faden waren also der Einschlag. Und so brachte er bald ein Nez zu stand, das einem feinen Fischerneze glich. Er lösete darauf die Enden von den Bäumen ab, schürzte sie auf der einen Seite und unten zusammen, und liess nur die obere Seite offen. Und so hatte er also eine ordentliche Jagdtasche gemacht, die er durch hülfe eines dikken Bindfadens, den er an den obersten Enden befestigte, um den Hals hengen konte.

Vor Freude über den gleichen Erfolg seiner Bemühungen konte er fast die ganze Nacht hindurch nicht schlafen.

Gotlieb. O ich mögte mir auch gern eine solche Jägertasche machen.

Nikolas. Ich auch; aber wenn wir nur Bindfaden hätten!

Mutter. Wenn ihr eben so viel Freude, als Robinson, an eurer Arbeit haben woltet: so müstet ihr auch erst euch den Bindfaden selbst machen, und auch selbst erst den Flachs oder den Hanf zubereiten. Aber da diese noch nicht reif sind auf dem feld, so will ich euch wohl Bindfaden dazu geben.

Gotlieb. O wilst du das, liebe Mutter?

Mutter. Gern, wenn ihr es wünscht. Kom, wir wollen welchen holen.

Gotlieb. O das ist prächtig!

Lotte. Das ist recht gut, Kinder, dass ihr das nachmacht. Wenn ihr denn auch einmal auf eine Insel komt, wo keine Menschen sind: so wisst ihr schon, wie ihr es machen müsst. Nicht wahr, Vater?

Vater. Ganz recht; macht nur! – Unsern Robinson werden wir denn wohl bis Morgen müssen schlafen lassen! – Ich will unter der Zeit sehen, ob ich ihm nicht die Kunst, einen Sonnenschirm zu machen, ablernen kan.

Fünfter Abend.

Am folgenden Abend, da die Geselschaft an dem gewöhnlichen Orte sich wieder versamlet hatte, kam Nikolas mit einer von ihm selbst verfertigten Jagdtasche einher stolziert, wodurch er Aller Augen auf sich zog. Stat des Sonnenschirms hatte er sich von der Köchin einen Sieb geliehen, den er über seinem kopf auf einem Stokke trug. Sein ganzer Aufzug war sehr ernstaft und majestätisch.

Mutter. Bravo, Nikolas! Das hast du gut gemacht! Es fehlte nicht viel, dass ich dich für den wahren Robinson genommen hätte.

Johannes. Ich habe nur noch nicht fertig werden können mit meiner tasche; sonst wäre ich auch so gekommen!

Gotlieb. So geht's mir auch!

Vater. Schon gut, dass Einer damit fertig geworden ist: nun sehen wir doch, dass es geht! Aber dein Schirm, Nikolas, taugt nichts!

Nikolas. Ja, ich habe ihn auch nur aus Not gemacht, weil ich keinen andern so geschwind fertig kriegen konte!

Vater. (Der einen von ihm selbst gemachten Schirm hinter der Hekke vorlangt) Was sagst du hierzu, Freund Robinson?

Nikolas. Ah! der ist schön!

Vater. Ich hebe ihn so lange auf, bis wir unsere geschichte ausgehört haben. Wer denn von den Dingen, die Robinson machte, am meisten wird nachmachen können, der sol unser Robinson sein und dem will ich den Sonnenschirm schenken.

Gotlieb. Sol der sich denn auch ordentlich eine Hütte bauen?

Vater. Warum nicht?

Alle. O das ist exzellent! Das ist prächtig!

Vater. Robinson konte kaum den Tag erwarten; er stand noch eher auf, als die Sonne, und machte sich zu seiner Reise fertig. Er hing die tasche um; gürtete einen Strik um seinen Leib, stekte sein Beil, stat eines Degens, daran, nahm den Sonnenschirm auf die Schulter und wanderte darauf getrost fort.

Zuerst besuchte er seinen Kokusbaum, um eine oder ein Paar Nüsse in seinen Beutel zu stekken; dan lief er auch erst an den Strand, um einige Austern dazu zu suchen; und da er sich mit beiden notdürftig versorgt und einen guten Trunk frisches wasser aus seiner Quelle zum Frühstük genossen hatte: so marschierte er ab.

Es war ein reizender Morgen. Die Sonne stieg jetzt eben in ihrer ganzen klarheit, wie aus dem Meere, hervor, und vergoldete die Gipfel der Bäume. Tausend kleine und grosse Vögel von wunderbaren Farben sangen ihr erstes Morgenlied und freuten sich des neuen Tages. Die Luft war so rein und so erquikkend, als wenn sie jetzt eben erst von Gott wäre geschaffen worden, und aus den Kräutern und Blumen duftete der süsseste Wohlgeruch empor.

Robinsons Herz schwol auf von Freude und Dankbarkeit gegen Gott. Auch hier, sagte er zu sich selbst, auch hier zeigt er sich, als den Algütigen! – Dan vermischte er seine stimme mit dem Gesange der Vögel und sang laut das schöne Morgenlied:

Dein erstes Werk sei Preis und Dank,

Du neugestärkte Sele!

Der Herr hört deinen Lobgesang,

O preis' ihn, meine Sele!

Mich selbst zu schüzen viel zu schwach,

Lag ich und schlief in Frieden.

Wer war indessen für mich wach?

Wer schenkte Schlaf mir Müden?

Du bist es