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und band ihn mit selbst gedrehten Bindfaden so fest, als wenn er wäre eingenagelt gewesen.

Er versuchte darauf sogleich ob er nicht einen jungen Stam damit abhauen könnte; und seine Freude über den glücklichen Erfolg dieses Versuchs war unaussprechlich. Man hätte ihm tausend Taler für dieses Beil bieten können und er würde es nicht dafür gegeben haben; so viel Nuzen versprach er sich davon!

Indem er weiter suchte unter den Steinen fand er noch zwei, die ihm gleichfalls sehr brauchbar zu sein schienen. Der Eine war ungefähr wie so ein Klöpfel geformt, als die Steinhauer und die Tischler brauchen. Der Andere hatte die Gestalt eines kurzen dikken Prügels und ging unten spizig zu, wie ein Keil. Auch diese beiden nahm Robinson mit und lief nun freudig nach seiner wohnung hin, um sich sogleich in Arbeit zu sezen.

Das Werk ging treflich von statten. Indem er den spizigen keilförmigen Stein an das Erdreich und an die Felsenstükke sezte, und mit dem Klöpfel darauf schlug, löste er ein Stük nach dem andern ab und erweiterte auf diese Weise die Höle. In einigen Tagen war er so weit damit gekommen, dass er den Plaz für gross genug hielt, um ihn zur wohnung und zur Schlafstelle zu dienen.

Er hatte schon vorher eine Menge Gras mit den Händen ausgerauft, und es an die Sonne gelegt, um Heu daraus zu machen. Dieses war nun hinlänglich gedört. Er trug es also in seine Höle, um sich ein bequemes Lager davon zu machen.

Und nun hinderte ihn nichts mehr, einmal wieder auf eine menschliche Weise, nämlich liegend, zu schlafen, nachdem er über acht Nächte, wie die Vögel, auf einem Baume hatte sizen müssen. O was das für eine Wollust für ihn war, seine ermatteten Glieder so der Länge nach auf einen weichen Heulager auszustrekken! Er dankte Gott dafür und dachte bei sich selbst: o wenn doch meine Landsleute in Europa wüsten, wie es tut, wenn man viele Nächte hinter einander auf einem harten Aste sizend zubringen muss: gewiss, sie würden sich glücklich schäzen, dass sie alle Abend sich auf ein weiches und sicheres Lager strekken können, und würden nicht vergessen, auch für diese Wohltat Gott täglich Dank zu bringen!

Der folgende Tag war ein Sontag. Robinson widmete ihn der Ruhe, dem Gebet und dem Nachdenken über sich selbst. Stundenlang lag er auf seinen Knien, die betränten Augen gegen Himmel gerichtet, und flehete zu Gott um Vergebung seiner Sünden und um Seegen und Trost für seine armen Eltern. Dan dankte er Gott mit Freudentränen für die wunderbare hülfe, die er ihm in seinem verlassenen Zustande hatte wiederfahren lassen und gelobte tägliche Besserung seiner Selbst, und beständigen kindlichen Gehorsam an. –

Lotte. Nun ist er doch ein viel besserer Robinson, als er vorher war!

Vater. Das wuste der liebe Gott wohl vorher, dass er sich bessern würde, wenn's ihm unglücklich ginge; und deswegen schikte er ihm eben dieses Leiden zu! So macht's der gütige himlische Vater immer mit uns. Nicht aus Zorn, sondern aus Liebe, lässt er's uns zuweilen übel gehen, weil er weiss, dass wir sonst nicht gut werden würden.

Um die Folge der Tage nicht zu vergessen, und um immer zu wissen, welcher Tag ein Sontag sei, war Robinson darauf bedacht, sich einen Kalender zu machen.

Johannes. Einen Kalender?

Vater. Freilich keinen so genauen und auf Papier gedrukten, als man in Europa machen kan, aber doch einen, nach dem er die Tage zählen könnte.

Johannes. Und wie machte er denn das?

Vater. Da er kein Papier und keine Schreibmaterialien hatte: so suchte er sich vier neben einander stehende Bäume aus, die eine glatte Rinde hatten. In den grössten von ihnen grub er alle Abend mit einem scharfen Steine einen kleinen Strich ein, welcher jedesmahl einen zurück gelegten Tag bedeutete. So oft er nun sieben Striche gemacht hatte, war eine Woche geendiget; und dan schnit er in den nächsten Baum einen Strich ein, welcher eine Woche bedeutete. So oft er in diesem zweiten Baume vier Striche gemacht hatte, bezeichnete er in dem dritten Baume durch einen ähnlichen Strich, dass ein ganzer monat verflossen wäre. Und wenn endlich dieser Monatszeichen zwölf geworden waren: so merkte er in dem vierten Baume an, dass nun ein ganzes Jahr geendiget sei.

Diderich. Aber die Monate sind ja nicht alle gleich lang! Die Einen haben ja dreissig, die andern ein und dreissig Tage: wie wuste er denn immer wie viel Tage jeder habe?

Vater. Das wuste er an den Fingern abzuzählen.

Johannes. An den Fingern?

Vater. Ja; und wenn ihr wolt, so will ich euch das auch lehren.

Alle. O ja! o ja, lieber Vater!

Vater. Nun, so gebt achtung! – Seht, er machte so die linke Hand zu; dan stipte er mit einem Finger der andern Hand erst auf einen dieser hervorragenden Knöchel, dan in die dabei befindliche Grube, und nante dabei die Monate in der Ordnung, wie sie auf einander folgen. Jeder monat der auf einen Knöchel fält, hat ein und dreissig Tage, die andern aber, die in die Grübchen fallen, haben nur dreissig, den einzigen Februar ausgenommen, der nicht einmal dreissig, sondern nur acht und zwanzig, und alle vier Jahre neun und zwanzig Tage hat.

Er fing aber mit dem Knöchel