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gelegen und mit Angst und Verzweifelung gerungen hatte, fiel ihm ein Lied ein, welches er seine fromme Mutter manchmahl hatte singen hören, wenn ihr etwas Trauriges begegnet war. Das Lied fängt sich so an:

Wer nur den lieben Gott lässt walten,

Und hoffet auf ihn allezeit,

Den wird er wunderlich erhalten

In allem Kreuz und Herzeleid;

Wer nur den Allerhöchsten traut,

Der hat auf keinen Sand gebaut.

Das war eine rechte Herzstärkung für ihn! Er sagte dieses schöne Lied ein Paar mahl recht innig in Gedanken her; dan fing er an, es laut zu singen; rafte sich dabei von dem Boden auf und ging, um zu sehen, ob er nicht irgendwo eine Höle finden könnte, die ihm zur sichern wohnung diente.

Wo er eigentlich wäre, – auf dem festen land von Amerika, oder nur auf einer Insel? – das wuste er noch nicht. Er sah aber von fern einen Berg liegen, und dahin ging er.

Auf diesem Wege machte er die traurige Bemerkung, dass die ganze Gegend nichts als unfruchtbare Bäume und Gras trage. Wie ihm dabei zu Mute war, könt ihr euch vorstellen.

Er kletterte auf den Berg, der ziemlich hoch war, mit Mühe hinauf; und nun konte er viele Meilen weit umher sehen. Da sah er denn mit Schrekken, dass er wirklich auf einer Insel wäre, und dass, so weit sein Auge reichte, nirgends Land erscheine, ein Paar kleine Inseln ausgenommen, die etliche Meilen weit von da aus dem Meere hervor ragten.

»Ich armer, armer Mensch! rief er aus und hob seine hände, die er ängstlich gefaltet hatte, gegen Himmel. So ist es also wahr, dass ich von allen Menschen abgesondert, von allen verlassen bin, und keine hoffnung habe, aus dieser traurigen Einöde jemahls, jemahls wieder errettet zu werden? O meine arme bekümmerte Eltern! So werde ich euch also niemals wieder sehen! niemals euch um Vergebung meines Fehlers bitten können! niemals wieder die liebliche stimme eines Freundes, eines Menschen, hören! – Aber ich habe mein schicksal verdient, fuhr er fort. Gott, du bist gerecht in deinen Schikkungen! Ich darf mich nicht beklagen. Hab' ich es doch nicht besser haben wollen

Gedankenlos und wie ein Träumender blieb er auf derselben Stelle stehen und hatte seine starren Blikke auf die Erde geheftet. »Von Gott und Menschen verlassendas war Alles, was er denken konte. – Zum Glück fiel ihm endlich wieder eine Strofe aus seinem schönen lied bei:

denke' nicht in deiner Drangsalshize,

Dass du von Gott verlassen seist,

Und dass ihm der im Schoosse size,

Der sich mit stetem Glückke speist!

Die Zukunft ändert oft sehr viel,

Und sezt der Trübsaal Maass und Ziel.

Er warf sich mit Inbrunst auf seine Knie vor Gott, gelobte Geduld und Unterwerfung in seinen Leiden, und bat um Stärke zur Ertragung derselben.

Lotte. Das war doch recht gut, dass der Robinson solche schöne Lieder wuste, die ihn so trösteten in seinem Unglück!

Vater. Freilich war das sehr gut! Was würde aus ihm geworden sein, wenn er nun nicht gewust hätte, dass Gott der algütige, der allmächtige und der algegenwärtige Vater aller Menschen ist? Er hätte umkommen müssen vor Angst und Verzweiflung, wenn man ihn das nicht gelehrt gehabt hätte. Aber der Gedanke an diesen himlischen Vater gab ihn immer wieder neuen Trost und Mut, so oft er in seinem Jammer vergehen wolte.

Lotte. Wilst du mich auch noch mehr von Gott lehren, wie du die Andern gelehrt hast?

Vater. Gern, mein gutes Kind! So wie du von Tage zu Tage verständiger werden wirst, werde ich dir auch immer mehr von unsern lieben Gott erzählen. Du weist, ich rede von nichts lieber, als von ihm, der so gut und so gross und so liebevol ist.

Lotte. O das ist schön! Es ist mir auch nichts lieber, als wenn du von Gott mit uns redest. Ich freue mich schon recht darauf.

Vater. Hast auch Ursache, liebe Lotte! Denn, wenn du Gott erst recht wirst kennen lernen: so wirst du dich noch vielmehr bemühen, so ganz gut zu werden, und dan wirst du noch vielmehr Freude haben, als jetzt. –

Robinson fühlte sich nun wieder um vieles gestärkt und fing jetzt an, an dem Berge herum zu klettern. Lange war seine Bemühung, einen sichern Ort zu seiner wohnung ausfindig zu machen, vergebens. Endlich kam er zu einem kleinen Berge, der von der Vorderseite so steil, als eine Wand war. Indem er diese Seite desselben genauer untersuchte, fand er eine Stelle, die etwas ausgehöhlt war, und einen ziemlich schmalen Eingang hatte.

Hätte er ein Hakeisen, einen Steinmeissel und andere Werkzeuge gehabt: so wäre nichts leichter gewesen, als diese Hölung, die zum teil felsicht war, weiter auszuarbeiten und sie zu einer wohnung geschikt zu machen. Aber von allen diesen Dingen hatte er nichts. Es war also die Frage, wie er den Mangel derselben ersezen sollte?

Nachdem er sich lange den Kopf darüber zerbrochen hatte, dachte er so: »die Bäume die ich hier sehe, scheinen wie die Weidenbäume in meinem vaterland zu sein, die sich leicht verpflanzen lassen. Ich will eine Menge solcher jungen Bäume mit meinen Händen ausgraben, und hier vor diesem Loche einen kleinen Plaz so dicht