und unter freien Himmel? Aber da könnten wilde Menschen oder Tiere kommen und ihn auffressen! Ein Haus, oder eine Hütte, oder eine Höle – waren nirgends zu sehen. Er stand lange Zeit ganz trostlos und wuste nicht, was er tun sollte.
Endlich dachte er, er wolte es, wie die Vögel machen, und sich auf einen Baum sezen. Er fand auch bald einen, der so dikke Aeste hatte, dass er bequem darauf sizen, und mit den Rükken sich anlegen konte. Auf diesen kletterte er hinauf, verrichtete ein andächtiges Gebet zu Gott, sezte sich dan zurecht, und schlief augenbliklich ein.
Im Schlafe träumte er von Allem, was ihm den Tag vorher begegnet war. Dan kamen ihm seine Eltern vor. Es war ihm, als sähe er sie, von Gram und Kummer abgehärmt, wie sie um ihn trauerten, seufzten, weinten, die hände rängen und sich nicht wolten trösten lassen. Der kalte Schweiss drang ihm aus allen Gliedern. Er schrie laut: »ich bin da, ich bin da, liebste Eltern!« und indem er so rief, wolte er seinen Eltern in die arme fallen, machte eine Bewegung im Schlaf, und stürzte jämmerlich vom Baume herab!
Lotte. O der arme Robinson!
Gotlieb. Nun ist er wohl tot?
Vater. Glücklicher Weise hatte er nicht hoch gesessen, und der Boden war so sehr mit Gras bewachsen, dass er nicht gar zu unsanft nieder fiel. Er fühlte nur einige Schmerzen an der Seite, auf die er gefallen war; aber da er im Traum vielmehr gelitten hatte, so achtete er dieser Schmerzen nicht. Er kletterte vielmehr wieder auf den Baum, und blieb da so lange sizen, bis die Sonne aufging.
Nun stelte er Ueberlegungen an, wo er was zu essen hernehmen wurde. Alles, was wir in Europa haben, fehlte ihm. Er hatte kein Brod, kein Fleisch, keine Gartengewächse, keine Milch; und wenn er auch etwas zu kochen oder zu braten gehabt hätte, so fehlte es ihm doch an Feuer, am Bratspiess und an Töpfen. Alle Bäume, die er bisher gesehen hatte, waren von der Art, die man Kampeschenbäume nent: die keine Früchte, sondern nur Blätter trugen.
Johannes. Was sind das für Bäume?
Vater. Es sind Bäume, deren Holz man zu allerlei Färbereien braucht. Sie wachsen in einigen Gegenden von Amerika, und werden häufig nach Europa verfahren. Wenn das Holz davon in wasser gekocht wird, so wird das wasser schwarzrötlich, und das brauchen denn die Färber um andere Farben damit zu schattiren.
Aber wieder zu unserm Robinson!
Ohne zu wissen, was er machen sollte, stieg er von dem Baume herab. Da er den ganzen vorigen Tag nichts genossen hatte: so fing der Hunger an, ihm entsezlich weh zu tun. Er lief einige tausend Schritte umher: aber Alles, was er fand, waren unfruchtbare Bäume und Gras.
Seine Angst war jetzt aufs höchste gestiegen. »Ich werde vor Hunger sterben müssen!« rief er aus und weinte laut gegen Himmel. Indes gab die Not ihm Mut und Kräfte, längst dem Strande hinzulaufen, um zu sehen, ob er nicht irgendwo etwas Essbares finden werde.
Aber umsonst! Nichts, als Kampeschen und indianische Weidenbäume, nichts, als Gras und Sand! Mat und ohnmächtig warf er sich mit dem Gesicht auf die Erde, weinte laut, und wünschte, dass er doch lieber mögte ertrunken sein, als nun so jämmerlich vor Hunger sterben zu müssen!
Er hatte schon beschlossen, in dieser trostlosen Lage den langsamen und schreklichen Tod des Hungers zu erwarten, als er sich zufälliger Weise umkehrte, und einen Seefalken erblikte, der mit einem gefangenen Fische durch die Luft flog. Plözlich fielen ihm die Worte ein, die er irgendwo einmal gelesen hatte.
Der Gott, der Raben nährt, wird Menschen nicht verstossen;
Wer gross im Kleinen ist, wird grösser sein im Grossen.
Er tadelte sich nun selbst, dass er so wenig Vertrauen zu der götlichen Vorsehung gehabt habe; sprang augenbliklich vom Boden auf, und beschloss so weit herum zu gehen, als seine Kräfte nur immer reichen würden. Er fuhr also fort, längst der Küste hinzugehen und nach allen Seiten umher zu blikken, ob er nicht irgendwo eine Speise entdekken mögte.
Endlich sah er einige Austerschalen im Sande liegen. Gierig lief er nach dem Orte hin, und suchte sorgfältig nach, ob er nicht vielleicht einige volle Austern finden mögte. Er fand sie und seine Freude darüber war unaussprechlich.
Johannes. Liegen denn die Austern so auf dem land?
Vater. eigentlich nicht. Sie leben vielmehr im Meere, wo sie sich an die Felsenwände eine über die andere ankleben, so dass ein ordentlicher kleiner Berg davon entsteht. Einen solchen Haufen nent man denn eine Austerbank. Manche Auster aber wird von den Wellen losgespült, und von der Flut auf den Strand geschwemt. Wenn dan die Zeit der Flut aus ist, und die Ebbe eintrit, so bleiben sie auf dem Troknen liegen.
Frizchen. Was ist denn das, die Ebbe und die Flut?
Lotte. O weisst du das nicht einmal! Das ist, wenn das wasser so anschwillt, und wieder abläuft.
Frizchen. Was für wasser?
Lotte. I, das wasser im Meer!
Freund R. Frizchen, lass dir das von deinem Bruder Johannes erklären, der wird'