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hielt der Vater ein; die ganze Geselschaft blieb schweigend sizen, und vielen entfuhr ein mitleidiger Seufzer. Endlich erschien die Mutter mit einem ländlichen Abendbrod, und machte den wehmütigen Empfindungen ein Ende.

Dritter Abend.

Gotlieb. Ist denn Robinson nun wirklich tot, lieber Vater?

Vater. Wir haben ihn gestern in der augenscheinlichsten Lebensgefahr verlassen. Er versank, da das Boot umschlug, mit allen seinen gefährten im Meer. – Aber eben dieselbe gewaltige Welle, die ihn verschlungen hatte, riss ihn mit sich fort, und schleuderte ihn gegen den Strand. Er ward so heftig gegen ein Felsenstük geworfen, dass der Schmerz ihn aus dem Todesschlummer, worin er schon versunken war, wieder erwekte. Er schlug die Augen auf und da er sich unvermutet auf dem Trokkenen sah, so wandte er seine lezten Kräfte an, um den Strand vollends hinauf zu klimmen.

Es gelang ihm; und nun sank er kraftlos hin, und blieb eine ziemliche Zeitlang ohne Bewustsein liegen.

Da endlich seine Augen sich wieder öfneten, richtete er sich auf und schaute umher. Gott, welch ein anblick! Von dem Schiffe, von dem Bote, von seinen gefährten war nichts, nichts mehr zu sehen, als einige losgerissene Bretter, die von dem Meereswogen nach dem Strande hingetrieben wurden. Nur er, nur er allein war dem tod entgangen.

Vor Freud' und Schrekken zitternd warf er sich auf die Knie, hob seine hände gegen Himmel, und dankte mit lauter stimme, und unter einem Strom von Tränen, dem Herrn des himmels und der Erde, der ihn so wunderbar errettet hatte. –

Johannes. Aber warum mogte Gott auch wohl den Robinson allein erretten, da er die andern Leute alle ertrinken liess?

Vater. Lieber Johannes, bist du wohl im stand, jedesmahl die Ursachen einzusehen, warum wir Erwachsene, die wir euch herzlich lieben, dies oder jenes mit euch vornehmen?

Johannes. Nein!

Vater. Zum Exempel neulich, da es ein so schöner Tag war und wir alle gern eine Lustreise nach den Vierlanden gemacht hätten, was tat ich da?

Johannes. Ja, da muste der arme Nikolas zu haus bleiben, und wir andern mussten nach Wansbek, und nicht nach den Vierlanden gehen.

Vater. Und warum war ich denn so hart gegen den armen Nikolas, dass ich ihn nicht mit lassen wolte?

Nikolas. Ach! ich weiss noch wohl! Da kam bald unser Bromlei und hohlte mich ab zu meinen Eltern, die ich lange nicht gesehen hatte.

Vater. Und machte dir das nicht mehr Freude, als eine Lustreise nach den Vierlanden?

Nikolas. O viel, viel mehr!

Vater. Ich wuste vorher, dass Bromlei kommen würde, und deswegen gebot ich dir, zu haus zu bleiben. – Und du, Johannes, wen trafst du in Wansbek an?

Johannes. Meinen lieben Vater und meine liebe Mutter, die auch da waren.

Vater. Auch davon hatte ich Nachricht, und deswegen wolte ich dass ihr dasmahl nach Wansbek und nicht nach den Vierlanden reisen soltet. Meine Einrichtung wolte euch Allen damahls gar nicht zu kopf; denn ihr wustet meine Ursachen nicht. Aber warum sagte ich euch die nicht?

Johannes. Um uns eine unerwartete Freude zu machen, wenn wir unsere Eltern zu sehen kriegten, ohne dass wir es vorher gewust hatten.

Vater. Ganz recht; – nun, Kinder, meint ihr nicht, dass der grosse liebe Gott seine Kinder, die Menschen alle, eben so lieb hat, als wir euch haben?

Gotlieb. O noch wohl lieber!

Vater. Und wisst ihr nicht schon längst, dass Gott alle Dinge viel besser versteht, als wir armen blödsichtigen Menschen, die wir so selten wissen, was uns eigentlich gut ist?

Johannes. Ja, das glaube ich! Gott ist ja auch allwissend und weiss alles, was künftig ist; das wissen wir nicht!

Vater. Da also Gott alle seine Menschen so väterlich liebt, und da er zugleich so weise ist, dass er allein weiss, was uns immer gut ist: sollte er dan wohl nicht auch immer alles aufs Beste mit uns machen?

Gotlieb. O ja, ganz gewiss!

Vater. Aber können wir wohl immer die Ursachen einsehen, warum Gott dies oder jenes so und nicht so mit uns macht?

Johannes. Da müsten wir ja auch eben so allwissend und so alweise, als er, sein!

Vater. Nun, lieber Johannes, hast du jetzt Lust, deine vorige Frage noch einmal zu tun?

Johannes. Welche?

Vater. Die: warum Gott den Robinson allein errettet, und die Andern alle habe ertrinken lassen?

Johannes. Nein!

Vater. Warum nicht?

Johannes. Weil ich jetzt einsehe, dass es eine unverständige Frage war?

Vater. Warum eine unverständige?

Johannes. Ja, weil Gott am besten weiss, warum er etwas tut, und weil wir das nicht wissen können!

Vater. Der liebe Gott hatte also ohnstreitig seine weisen und gütigen Ursachen, warum er die ganze Schifsgeselschaft umkommen, und nur den Robinson allein am Leben lies; aber wir können diese Ursachen nicht begreifen. Vermuten können wir wohl so etwas, aber wir müssen uns nie einbilden, dass wir es getroffen haben.

Gott konte z. E. vorher sehen, dass den Leuten, die er ertrinken liess, ein längeres Leben mehr schädlich, als nüzlich sein wurde; dass sie in grosse