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Gold und Steine lesen darf, weil sie dem König von Portugal allein gehören?

Vater. Das machte, dass er in seiner Jugend sich gar nicht hatte unterrichten lassen. – Da er nun den Portugisischen Schifskapitain bereit fand, ihn unentgeldlich mitzunehmen, und da er hörte, dass das englische schiff wenigstens noch vierzehn Tage hier stil liegen müsse: so konte er der Begierde, weiter zu reisen, nicht länger widerstehen. Er sagte also seinem guten Freunde, dem englischen Schifskapitain, rund heraus, dass er ihn verlassen würde, um mit nach Brasilien zu fahren. Dieser, der kurz vorher von ihm selbst gehört hatte, dass er ohne Wissen und Willen seiner Eltern in der Welt herum schwärme, freute sich, seiner los zu werden, schenkte ihm das Geld, welches er in England ihm geliehen hatte, und gab ihm noch recht viel gute Lehren mit auf den Weg.

Robinson stieg also an Boord des Portugisischen Schiffes, und darauf gings fort nach Brasilien. Sie steuerten nicht weit von der Insel Teneriffa vorbei, auf der sie den hohen Spizberg liegen sahen.

Lotte. Ich meine, der hiesse der Piko von Teneriffa?

Johannes. I, das ist ja einerlei! Piko heisst ja ein Spizberg. – O nun weiter!

Vater. Es war ein köstlicher anblick des Abends, da die Sonne schon lange untergegangen und es auf dem Meere schon finster geworden war, zu sehen, wie der Gipfel dieses berges der einer der höchsten in der ganzen Welt ist, noch von Sonnenstralen glühte, als wenn er gebrant hätte.

Einige Tage nachher sahen sie eine andere, gleichfalls sehr angenehme Erscheinung auf dem Meere. Eine grosse Menge fliegender Fische erhob sich über die Oberfläche des Wassers und die waren so glänzend, als polirtes Silber, so dass sie einen ordentlichen Schein, wie Lichtstralen, verbreiteten.

Frizchen. gibt es denn auch Fische, die fliegen können?

Vater. O ja, Frizchen; mich dünkt, wir haben ja schon einmal selbst einen gesehen.

Gotlieb. Ach ja, da wir neulich in der Stadt waren! Der hatte ja aber keine Federn und keine Flügel?

Vater. Aber doch lange Flosfedern! Diese braucht er, stat der Flügel, und schwingt sich damit über das wasser empor.

Die Reise ging viele Tage hintereinander recht glücklich von statten. Plözlich aber brach ein heftiger Sturm aus, der aus Südosten wehete. Die Meereswogen schäumten und türmten sich, wie Häuser hoch, indess das schiff von ihnen auf und nieder geschleudert wurde. sechs Tage hinter einander dauerte dieser entsezliche Sturm, und das schiff wurde dadurch so weit verschlagen, dass der Steuerman und der Schifskapitain gar nicht mehr wusten, wo sie waren. Sie glaubten indess, dass sie in der Gegend wären, wo die Karibischen Inseln – (hier in dieser Gegend!) – liegen.

Am siebenten Tage, eben da die Morgendämmerung anbrach, rief ein Matrose, zur grossen Freude der ganzen Schifsgeselschaft, plözlich: Land!

Mutter. Land! Land! – Das Abendbrod wartet schon; Morgen wollen wir weiter hören.

Gotlieb. O liebe Mutter, lass uns doch nur erst hören, wie sie ausgestiegen sind, und wie's ihnen da ging! Ich wolte gern mit einem Stük Brod vorlieb nehmen, wenn wir nur hier draussen blieben und Vater fortfahre zu erzälen.

Vater. Ich dächte auch, liebe Marie, wir ässen unser Abendbrod hier im Grünen!

Mutter. Wie du wilst. Last's euch also immer auserzälen, Kinder; ich will unterdessen Anstalt machen.

Alle. O das ist scharmant! das ist herlich!

Vater. Alle liefen nun aufs Verdek um zu sehen, was für ein Land es sei, wohin sie kommen würden. Aber in eben dem augenblicke wurde ihre Freude in das grösste Schrekken verwandelt.

Puf! ging's, und alle die auf dem Verdekke waren, kriegten einen so starken Schup, dass sie zu Boden fielen.

Johannes. Was war's denn?

Vater. Das schiff war auf eine Sandbank gerant, und sass in dem augenblicke so fest, als wenn es angenagelt gewesen wäre. Gleich darauf sprizten die schäumenden Wellen so viel wasser auf das Verdek, dass Alle nach den Hütten und Kajüten flüchten mussten, um nicht fortgespühlt zu werden.

Nun erhob sich ein Winseln und Wehklagen unter dem Schifsvolke, dass es einen Stein hätte erbarmen mögen! Einige beteten, andere schrien; einige rungen verzweiflungsvol die hände, andere standen star und steif, wie tote Leichnahme. Unter den Leztern befand sich Robinson, der mehr tot, als lebendig war.

Plözlich hiess es: das schiff wäre geborsten! Diese schrekliche Nachricht gab allen wieder neues Leben. Man lief hurtig aufs Verdek; liess in gröster Geschwindigkeit das Boot hinab, und alle sprangen hinein.

Es waren aber der Menschen so viele, dass das Boot kaum eine Hand hoch Bord behielt, da sie hinein gesprungen waren. Das Land war noch so weit entfernt, und der Sturm so heftig, dass Jederman es für unmöglich hielt, die Küste zu erreichen. Indess taten sie doch ihr möglichstes durch Rudern, und der Wind trieb sie glücklicher Weise Landwärts.

Plözlich sahen sie eine berghohe Welle dem Bote nachrauschen. Alle erstarten vor dem schreklichen Anblikke, und liessen die Ruder fallen. jetzt, jetzt nahete der schrekliche augenblick heran! Die ungeheure Welle erreichte das Boot; das Boot schlug um, undalle versanken im wütenden Meere! –

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