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schon ganz tot gehungert da. Die Mutter sass star und steif zwischen zwei festgebundnen Stühlen auf dem Boden, den Kopf gegen die Schifswand gelehnt; die Magd lag der Länge nach neben ihr und hatte den einen Arm fest um den Tischfuss geklammert; der junge Mensch aber lag auf dem Bette und hatte noch ein Stük von einem ledernen Handschuh im mund, den er schon halb zernagt hatte.

Lotte. O Väterchen, machst es ja doch so traurig!

Vater. Hast Recht; ich vergass, dass ihr so was nicht hören woltet. Ich will diese geschichte also immer überhüpfen

Alle. O nein! o nein, lieber Vater! Lass sie uns nun ganz aushören!

Vater. Wenn ihr wolt! – Ich muss euch also erst sagen, wer diese armen Leute waren, die da so kläglich lagen.

Es waren Reisende, die mit diesem Schiffe aus Amerika nach England gehen wolten. Alle sagten, dass sie recht wakkere brave Leute gewesen wären. Die Mutter hatte ihren Sohn so unaussprechlich geliebt, dass sie keinen Bissen mehr geniessen wolte, damit ihr geliebter Sohn nur noch ein wenig zu essen haben mögte: und der gute Sohn hatte es eben so gemacht, um alles für seine Mutter zu sparen. Auch das getreue Mädchen war mehr für ihre Herschaft, als für sich selbst besorgt gewesen.

Man hielt sie alle drei für tot: aber es zeigte sich bald, dass noch einiges Leben in ihnen sei. Denn da man ihnen einige Tropfen Fleischbrühe in den Mund gegossen hatte, fiengen sie nach und nach an, die Augen wieder aufzuschlagen. Die Mutter aber war schon zu schwach, um etwas hinunter zu schlukken, und gab durch Zeichen zu verstehen, dass man nur ihrem Sohne helfen mögte. Bald darauf verschied sie auch wirklich.

Die andern beiden wurden durch Arzeneimittel wieder zu sich selbst gebracht, und da sie noch junge Kräfte hatten; so gelang es der Sorgfalt des Kapitains, ihr Leben zu erhalten. Aber da der junge Mensch nach seiner Mutter blikte und bemerkte, dass sie tot da liege, fiel er vor Schrekken wieder in Ohnmacht, aus der man ihn kaum ermuntern konte. Er wurde indess wieder zu sich selbst gebracht, und so wohl er, als auch das Mädchen, blieben am Leben.

Der Schifskapitain versorgte darauf das ganze schiff mit so vielen Lebensmitteln, als er nur immer entbehren konte, liess durch seine Zimmerleute die zerbrochenen Masten, so gut es gehen wolte, wieder herstellen, und gab den Leuten guten Rat, wie sie steuern müsten, um nach dem nächsten land zu kommen, welches die Kanarischen Inseln wären.

Dahin fuhr er nun selbst auch ab, um sich erst wieder mit Lebensmitteln zu versorgen.

Eine von diesen Inseln heisst, wie ihr wisst, Madera.

Diederich. Ach ja; die den Portugiesen gehört!

Johannes. Wo der schöne Maderawein wächst

Gotlieb. Und Zukkerrohr!

Lotte. Und wo die vielen Kanarienvögel sind, nicht Vater?

Vater. Ganz recht. Bei dieser Insel landete der Schifskapitain und Robinson ging mit ihm ans Land.

Er konte sich nicht sat sehen an dem herlichen anblick, den diese fruchtbare Insel gewährt. So weit sein Auge reichte, sah er Gebirge, die mit lauter Weinreben bekleidet waren. Wie wässerte ihm der Mund nach den schönen süssen Trauben, die er da hengen sah! Und wie labte er sich, da der Schifskapitain ihm die erlaubnis erkaufte, so viel zu essen, als er Lust hätte!

Von den Leuten, die in dem Weinberge waren, erfuhren sie, dass der Wein hier nicht so, wie in andern Ländern, durch hülfe einer Kelter ausgepresst werde.

Gotlieb. Und wie denn?

Vater. Sie schütten die Trauben in ein grosses hölzernes Gefäss und dan treten sie den Saft mit den Füssen, oder stampfen ihn mit den Ellenbogen aus.

Lotte. Fi! ich mag keinen Maderawein trinken.

Johannes. Ich mögte ihn so nicht trinken, wenn sie ihn auch ordentlich auskelterten.

Frizchen. Warum?

Johannes. Ach! du bist noch nicht hier gewesen, da uns Vater erklärte, dass der Wein den jungen Leuten nicht gut ist. Solst nur hören, was er alles schaden kan.

Frizchen. Ist das wohl wahr, Vater?

Vater. Freilich, liebes Frizchen, ist es wahr. Kinder, die oft Wein, oder andere starke Getränke trinken, werden schwächlich und dum.

Frizchen. Fi, so will ich niemals Wein trinken!

Vater. Wirst wohl daran tun, mein Kind!

Da der Schifskapitain sich hier eine Zeitlang verweilen muste, um sein schiff ausbessern zu lassen, welches etwas schadhaft geworden war: so fing unser Robinson nach einigen Tagen an, Langeweile zu haben. Sein unruhiger Geist sehnte sich wieder nach Veränderung, und er wünschte sich Flügel, um so geschwind, als möglich, die ganze Welt durchfliegen zu können.

unterdessen kam ein portugiesisches schiff von Lissabon an, welches nach Brasilien in Amerika segeln wolte.

Diederich (auf die Charte zeigend) Nicht wahr, nach diesem land hier, das den Portugiesen gehört, und wo so viele Goldkörner und Edelgesteine gefunden werden?

Vater. Nach dem nemlichen. – Robinson machte Bekantschaft mit dem Kapitain des Schifs, und da er von den Goldkörnern und Edelsteinen gehört hatte: so wäre er um sein Leben gern mit nach Brasilien gefahren, um sich da die Taschen vol zu lesen.

Nikolas. Der hatte wohl nicht gehört, dass da keiner