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welches ihn von dem glücklichen Ausgange der Unternehmung benachrichtigen sollte, noch immer nicht gehört wurde, ungeachtet es schon Mitternacht war. Er besan sich indess, dass er Unrecht habe, sich dem Affekte der Furcht und hoffnung so sehr zu überlassen, und er erinnerte sich noch zu rechter Zeit einer Lehre, die er erst vor kurzem seinem Freitag gegeben hatte. In zweifelhaften Fällen, hatte er zu diesem gesagt, mache dich immer auf den schlimsten gefasst. Komt dieser schlimste Fal nicht; desto besser für dich! Komt er aber wirklich, nun so bist du darauf vorbereitet, und er wird dich nicht durch seine Ueberraschung betäuben.

Diesem Grundsaze zufolge stelte sich Robinson den unglücklichen Ausgang der Unternehmung als unbezweifelt vor, und bot seine ganze Standhaftigkeit, sein ganzes Vertrauen auf die götliche Vorsehung auf, um auch diesen Schlag des Schiksals zu ertragen. Schon hatte' er fast alle hoffnung gänzlich aufgegeben, als auf einmal der ferne Knal einer Kanone wirklich gehört wurde.

Robinson fuhr auf, wie einer, der durch einen plözlichen Schal aus dem Schlummer aufgeschrekt wird. Puf! hört' er den zweiten und abermals puf! den dritten Kanonenschuss. Und nun war an der glücklichen Eroberung des Schifs und an seiner bevorstehenden Erlösung gar nicht zu zweifeln.

Im höchsten Taumel der Freude, mehr fliegend, als tretend, huscht' er die Strikleiter hinab; fiel Freitag, welcher schlummernd auf einer Grasbank sass, um den Hals, drückte ihn, und benezte, ohne ein Wort hervor bringen zu können, sein Gesicht mit vielen Tränen. »Was ist dir, lieber Herrfragte Freitag, indem er sich ermunterte, und über die ungestümen Liebkosungen, die ihm widerfuhren, ganz erschrekt war. Aber Robinson konte im Uebermaass seiner Freude weiter nichts hervorbringen, als: ach, Freitag!

»Gott sei dem kopf meines armen Herrn gnädigdachte Freitag, weil er auf die Vermutung geriet, dass er wahnsinnig geworden sei. »Lege dich schlafen, lieber Herrsagt' er zu ihm, und wolte ihm unter die arme fassen, um ihn in die Höhle zu führen. Aber Robinson sah ihm mit unbeschreiblicher Freundlichkeit ins Gesicht und antwortete: »Schlafen, lieber Freitag? Ich, jetzt schlafen, in dem augenblicke, da der Himmel meinen einzigen langen Herzenswunsch erfült hat? Hast du die drei Kanonenschüsse nicht gehört? Weisst du noch nicht, dass das schiff erobert ist

Nun gingen Freitag die Augen auf. Auch er fing an, sich zu freuen, aber doch nicht so stark und nicht um seinetwegen, sondern um seines guten Herrn willen. Denn der Gedanke, seinen vaterländischen Himmel auf immer verlassen zu müssen, verbitterte ihm das Vergnügen; in Robinsons und seines Vaters Geselschaft nach einem land zu reisen, aus dem er schon so viele Wunderdinge gesehen hatte, und in dem er noch grössere zu sehen erwartete.

Robinson war vor lauter Entzükken jetzt unruhiger, als jemahls. Bald kletterte er den Hügel hinan, warf sich da im Angesicht des sternbesäten himmels auf seine Knie, um Gott für seine Erlösung zu danken; bald stieg er wieder hinab, umarmte seinen Freitag, sprach von nichts, als Hamburg, und fing schon an, seine Sachen einzupakken. So verstrich ihm die ganze Nacht, ohne dass es ihm ein einzigesmahl eingefallen wäre, sich zur Ruhe begeben zu wollen.

Mit Anbruch des Tages waren seine Augen unverwandt nach der Gegend hin gerichtet, wo das schiff vor Anker lag, und er erwartete mit Schmerzen den augenblick der vollkommenen Helle, um das Werkzeug seiner Befreiung, das schiff, mit seinen Augen zu sehen. Dieser augenblick kam; aber – o Himmel! wie gross war sein Entsezen, da er mit völliger Gewisheit sehen muste, – dass das schiff verschwunden sei! Er tat einen lauten Schrei, und sank zu Boden.

Freitag rante herbei, und konte lange nicht erfahren, was seinem Herrn eigentlich angekommen sei. Endlich strekte dieser seine zitternde Hand nach dem Meere hin, und sprach mit schwacher sterbender stimme: Sieh hin! Freitag sah hin; und nun wust' er, was seinem Herrn fehlte.

(Die junge Geselschaft wuste nicht, wie sie sich bei dieser Stelle nehmen sollte. Gern hätte sie sich der Freude über die nun zu hoffende Verlängerung der geschichte überlassen; aber die Empfindung des Mitleids über des armen Robinsons abermahliges Unglück dämpfte diese freudige Aufwallung, und liess sie nicht zum Ausbruch kommen. Alle beobachteten daher ein tiefes Stilschweigen; und der Vater fuhr fort:)

Unser Robinson gibt uns hier ein Beispiel, welches uns lehren kan, wie sehr auch gute, schon gebesserte Menschen auf ihrer Hut sein müssen, dass sie sich nicht von gar zu starken Leidenschaften dahin reissen lassen. Hätte Robinson sich nicht so ausschweifend gefreut: so würde' er sich nun auch nicht so ausschweifend betrüben; und hätte die Betrübniss nicht seinen ganzen Verstand so sehr umnebelt gehabt: so würde' er erkant haben, dass er auch diese götliche Schikkung mit geduldiger Unterwerfung sich müsse gefallen lassen, so sehr auch immer seine besten Hofnungen dadurch vereitelt wurden. Besonders würde' er bedacht haben, dass die götliche Vorsehung auch dan noch Mittel zu unserer Rettung weiss, wenn wir selbst kein einziges mehr für möglich halten; und dieser Gedanke würde ihn beruhiget haben. Seht, Kinder, wie viel selbst gute Menschen noch immer an sich zu bessern haben.

Indem nun Robinson so trostlos da lag, und Freitag ihn zu beruhigen